REUTLINGEN. Die Kaffeemaschine läuft, Gebäck steht bereit. Immer mehr Besucher trudeln ins Asylcafé Römerschanze ein. Schnell sind die Tische besetzt, der Geräuschpegel steigt. Geflüchtete unterhalten sich mit ihren deutschen Unterstützern, lachen. »Eine große Familie«, sagt Ute Lante mit Blick auf die lebhafte Runde. Seit über zehn Jahren arbeitet sie hier ehrenamtlich, ebenso wie Ingrid Estiry und Traugott Huppenbauer. Alle in verschiedenen Bereichen, aber mit einem gemeinsamen Motiv: Den Geflüchteten beim mit unzähligen bürokratischen Hürden gepflasterten Weg in die Integration zu helfen. Gelegentliche Frusterlebnisse stecken sie weg. Denn die vielen Erfolgsgeschichten, sagen sie übereinstimmend, machen Mut und geben ihnen die Kraft, dranzubleiben. Nicht nur das. »Es ist«, sagt Ingrid Estiry, »nicht nur Arbeit, es macht auch unglaublich Spaß.«
Das rührige Trio ist seit 2014 in der Asylarbeit aktiv. Damals, als die Zahl der Schutzsuchenden auch in Reutlingen stieg und der Arbeitskreis Flüchtlinge händeringend ehrenamtliche Verstärkung suchte, war das für Traugott Huppenbauer Anlass, im Asylcafé Ringelbach einzusteigen. »Flucht nach Deutschland und Asyl haben mich schon lange beschäftigt«, erinnert er sich. Sein Schwerpunkt: Hilfe bei Verfahrensfragen, meist einmal wöchentlich, inzwischen in der Römerschanze. Sein Engagement geht aber weit über die Vor-Ort-Termine im Asylcafé hinaus. Das war schon so, als er noch in Münsingen unterrichtete und seine Zeit knapp bemessen war, erzählt der inzwischen pensionierte Lehrer. »Dieses Engagement ist mir total wichtig. Mir geht’s hier gut, ich möchte auch etwas zurückgeben«, sagt er zu seinen Beweggründen, die auch einen politischen Hintergrund haben. Derzeit mehr denn je. »Wenn Menschen Anfeindungen erleben, möchte ich etwas dagegen setzen.«
»Deutschkenntnisse sind ein Sprungbrett, doch noch Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu finden«
Auch Ingrid Estiry fing im Ringelbach an. Damals noch ohne konkrete Idee, wie sie sich einbringen könnte, aber »vorbelastet«, was das Gespür für Flucht und Asyl angeht – wegen ihres Engagements bei Amnesty International, aber auch aus persönlichen Gründen, denn ihr Mann war 1986 aus dem Iran geflohen. Initialzündung für ihre Ehrenamts-Laufbahn war eine einfache Frage. »Wo kann ich Deutsch lernen?«, wollte ein Flüchtling von ihr wissen. Sie überlege sich was, antwortete sie. Eine Woche später – sie hatte sich nichts überlegt – sprach der junge Mann sie wieder an. »Können wir jetzt Deutsch lernen?« Diesmal sagte sie einfach zu. Suchte sich einen Raum, legte los. Das Angebot entpuppte sich als Volltreffer. »Es wurde immer mehr, 40 bis 50 Personen, die saßen auf den Tischen, auf dem Boden, auf Fenstersimsen.«
Als sie 2015 wegen der Nähe zum Wohnort ins neu eröffnete Asylcafé Römerschanze wechselte, eröffnete sie auch dort einen Deutschkurs. Inzwischen sind es sechs Kurse pro Woche an unterschiedlichen Standorten, samstags unterrichtet sie online. Die 56-Jährige ist Autodidaktin, hat aber Sprachen studiert und offenbar viel Talent: Ihre Sprachkurse, die sie komplett unentgeltlich anbietet, sind der Renner. Sechs Kurse, dazu noch die Organisation des Arbeitskreises Verfahrensbegleitung – und das alles nebenher, denn die 56-Jährige arbeitet in Vollzeit als Fremdsprachensekretärin.
Ihre Deutschkurse sollen die offiziellen Angebote nicht ersetzen, erklärt Ingrid Estiry. »Meine Kurse sollen unterstützen.« Auch diejenigen, die keinen Zugang zu den offiziellen Kursen haben, wie etwa geduldete Flüchtlinge. Denn, so Estiry: »Deutschkenntnisse sind ein Sprungbrett, doch noch Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu bekommen.« Und das wollten eigentlich alle. »Aber ohne unsere Unterstützung schaffen es die wenigsten.«
"Die Wertschätzung und Dankbarkeit ist mit nichts zu vergleichen""
Ute Lante nickt. Sie, für viele Besucher nur die »Mama«, ist Managerin und gute Seele des Asylcafés. Auf die Frage, was genau sie dort macht, antwortet sie: »Alles, was kommt, außer Verfahrensberatung.« Und das seit Eröffnung des Asylcafés 2015. Ute Lante ist kirchlich engagiert, wurde hellhörig, als im Vorfeld eines neuen Flüchtlingswohnheims Protest in der Nachbarschaft laut wurde. Und geballte Vorurteile, wie »mein Haus verliert an Wert«, »die Messerstecher kommen«, »unsere Frauen sind nicht mehr sicher«. Ute Lante wollte sich selbst ein Bild machen. »Dafür muss ich die Leute kennenlernen.« Sie lernte sie kennen – und es dauerte nicht lange, da leitete sie nicht nur ihre Kirchengruppe, sondern auch das Asylcafé. Negative Erfahrungen machte sie bis heute nicht.
Zeit, Herzblut, Spezialwissen: Die drei Ehrenamtlichen bringen viel ein. Und bekommen viel zurück. »Die Wertschätzung und Dankbarkeit, die einem entgegengebracht wird, ist mit nichts zu vergleichen«, sagt Ingrid Estiry. Die sich freut, wenn sie einem traumatisierten, stillen Schüler in ihrem Kurs ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Die mitbekommt, wie froh die Geflüchteten sind, »mal eine Stunde lang Abwechslung zu haben«. Die mit ihren Schülern viel lacht. Das alles, sagt sie, »ist schön und macht einfach auch Freude«.
"Der Hammer ist, wenn sie dann an uns Ehrenamtliche verweisen""
Dankbarkeit erfährt auch Traugott Huppenbauer – und das selbst dann, wenn er nicht viel helfen kann. Zum Beispiel, wenn die Rechtslage so vertrackt ist, dass er mit seinen Möglichkeiten nicht weiterkommt und die Ratsuchenden an Experten verweisen muss. »Allein die Tatsache, dass man da ist, dass jemand zuhört, ist unheimlich wichtig.« Auch Ute Lante erlebt viel Positives. Einige Flüchtlinge wissen, wo sie wohnt, bringen ihr (»für dich, Mama«) Essen vorbei. Manchmal auch Probleme. »Wenn’s brutal klemmt, stehen die hier auf der Matte.« Was sie ihnen nicht krumm nimmt: Sie hilft, so gut sie kann.
Meistens sind es Bescheide, mit denen die Geflüchteten nicht klarkommen. Sei’s vom Jobcenter, Landratsamt oder bei Mietsachen. Ein Dauerbrenner, auch in der Verfahrensberatung von Traugott Huppenbauer, der vorwiegend mit bürokratischen Alltagsproblemen der Flüchtlinge zu tun hat. »Sie wollen Unterstützung oder einfach Erklärungen.« Behörden schafften es nicht, Informationen einigermaßen verständlich zu machen, kritisiert er. »Der Hammer ist, wenn sie dann an uns Ehrenamtliche verweisen.« Manchmal fänden sich die wichtigsten Hinweise irgendwo auf Seite fünf in einem zehnseitigen, selbst für Deutsche schwer zu durchdringenden Schreiben. »Das kriegen die nicht mit. Wenn die niemanden haben, der hilft, wandern die Papiere irgendwo hin.« Fatale Folge: Hohe Rückzahlungsforderungen »an Menschen, die eh kein Geld haben«. Wegen wechselnder Zuständigkeit vom Landratsamt zum Jobcenter sei es umgekehrt vorgekommen, dass sich Zahlungen verzögern, die Flüchtlinge wochenlang ohne Geld dastehen. Und nicht wissen, warum. Huppenbauer macht in solchen Fällen Druck. »Wenn es uns Ehrenamtliche nicht gäbe, wäre es schwierig.«
"Wir schaffen das - wenn wir wollen und uns bemühen""
Aber manchmal kommen auch die Ehrenamtlichen nicht weiter. Etwa beim Familiennachzug, der drastisch eingeschränkt wurde. Oder dann, wenn Originalpapiere für eine Heirat oder Einbürgerung verlangt werden, deren Beschaffung aber fast unmöglich ist. »Das ist oft deprimierend und frustrierend, weil uns selbst die Hände gebunden sind«, sagt Ingrid Estiry. Die Geflüchteten, mit denen sie zu tun hat, erlebe sie als engagiert und integrationswillig. »Aber denen werden permanent Steine in den Weg gelegt.« Mut machten die vielen, die es dann doch mit Unterstützung der Ehrenamtlichen geschafft haben. »Das hilft, immer weiterzumachen.« Gerade jetzt, wo von Willkommenskultur keine Rede mehr ist, die Migrationspolitik immer restriktiver und die von den Rechten angeheizte Fremdenfeindlichkeit immer stärker wird. »Unsere Arbeit war schon immer wichtig. Aber jetzt ist sie noch wichtiger geworden.«
Anlaufstelle Asylcafé
Im Stadtgebiet und im Landkreis Reutlingen gibt es etwa 20 Asylcafés. Sie sind Anlaufstelle für Geflüchtete, Ort der Begegnung und des Austauschs und werden von ehrenamtlichen Helfern getragen. Bei Kaffee oder Tee wird geredet, die Unterstützer helfen bei Alltagsproblemen, beim Ausfüllen von Formularen, vermitteln an Fachdienste, begleiten bei Behördengängen oder Arztbesuchen. In einigen Asylcafés gibt es Deutschkurse, Verfahrensberatung oder auch angegliederte Fahrradwerkstätten. Die Möglichkeiten, sich zu engagieren, sind vielfältig und neue Ehrenamtliche immer willkommen. (pm)
www.asyl-reutlingen.de
Es werde viel über Migration lamentiert, doch die wenigsten Bürgerinnen und Bürger hätten persönliche Kontakte zu Asylsuchenden, stellt Traugott Huppenbauer fest. »Aber Kontakte sind das beste Rezept, um deren Probleme so kennenzulernen, wie sie sind und gleichzeitig Möglichkeiten auszumachen, wie man abhelfen kann.« Viele Geflüchtete suchten die Begegnung, auch, um sich in deutscher Sprache auszutauschen. »Dafür braucht es Ehrenamtliche, neue sind immer willkommen.« Es seien, meint Huppenbauer, die menschlichen Beziehungen, die ausschlaggebend sind. »Wir können die Probleme der Welt nicht lösen, aber in unserem Umfeld einiges erreichen.« Sein Fazit nach über zehn Jahren Flüchtlingshilfe: »Wir schaffen das – wenn wir wollen und uns bemühen.« (GEA)

