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Helden des Ehrenamts: Fördervereine auch in Reutlingen oft nicht im Rampenlicht

Auch in Reutlingen leisten Fördervereine in ganz unterschiedlichen Bereichen wichtige Arbeit. Drei Beispiele.

Cathrin Klingeberg und Dirk Walker auf dem Spielplatz der Silcherschule: Er wurde komplett aus Rücklagen des Fördervereins bezah
Cathrin Klingeberg und Dirk Walker auf dem Spielplatz der Silcherschule: Er wurde komplett aus Rücklagen des Fördervereins bezahlt. Foto: Andrea Glitz
Cathrin Klingeberg und Dirk Walker auf dem Spielplatz der Silcherschule: Er wurde komplett aus Rücklagen des Fördervereins bezahlt.
Foto: Andrea Glitz

REUTLINGEN. Fördervereine leisten wichtige Unterstützungsarbeit, wenn sie hinter Vereinen oder Einrichtungen stehen oftmals im Hintergrund. Über das ehrenamtliche Engagement dürfen sich in Reutlingen unter anderem die Friedrich-Silcherschule in Sickenhausen, das Seniorenzentrum Mittelstadt und das Kulturzentrum franz.K freuen.

Förderverein Grundschule Sickenhausen

28 von 30 Reutlinger Schulen haben einen Förderverein: Das »Reutlinger Modell« existiert seit über 30 Jahren – ehrenamtliche Arbeit war und ist damit eine tragende Säule der »verlässlichen Grundschule«. In der Friedrich-Silcherschule in Sickenhausen nutzen beispielsweise von rund 100 Schülern über 70 die Angebote des Schulfördervereins: tägliche Betreuung (von 7.30 bis 8.30 Uhr und von 11.50 bis 15.30 Uhr) und frisch gekochtes Mittagessen. Hausaufgabenbetreuung und Ferienprogramm sind weitere Angebote des Vereins. Zwischen 25 und 200 Euro zahlen die Eltern je nach Leistung monatlich.

Dr. Cathrin Klingeberg (44) ist die zweite Vereinsvorsitzende des Fördervereins – im Ehrenamt. »Als ich 2022 anfing, habe ich nicht damit gerechnet, dass die Arbeit so kompliziert ist.« Kein Wunder: Der jährliche Umsatz beträgt mittlerweile um die 30.000 Euro. »Der Förderverein ist ein kleiner Wirtschaftsbetrieb geworden.«

Von den beiden pädagogischen Leiterinnen bis hin zu den Putzkräften zählt das Personal, das der Förderverein eingestellt hat, unterdessen elf Köpfe plus zwei FSJler. Personalbetreuung und -planung sind zu leisten und viel Bürokratie. Förderanträge stellen, ist eine ihrer ganz wichtigen Aufgaben, sagt die Mutter zweier Kinder (eins auf der Silcherschule), die im Hauptberuf an der Medizinischen Universitätsklinik in Tübingen als Forschungsreferentin arbeitet und zudem noch im örtlichen Bezirksgemeinderat sitzt.

» Der Förderverein ist ein kleiner Wirtschaftsbetrieb geworden«

Zentral für die Funktionsfähigkeit des Betriebs: ein betriebswirtschaftlicher Plan. The »Brain«, was das Finanzielle betrifft, ist im Verein seit zwölf Jahren Dirk Walker. Als Kreditberater bei der Kreissparkasse Reutlingen hat der 47-Jährige die Expertise, um das Finanzziel des Vereins zu erreichen: die schwarze Null. Was laut Walker im Schnitt über die Jahre gelang. Stadt und Land finanzieren die Kosten des Schulbetreuungsangebots zu 60 Prozent. Der Rest stammt aus Mitgliedsbeiträgen und zu rund 5 Prozent aus Spenden.

Bisher hat Dirk Walker sein Amt als »Beisitzer im Vorstand« des Schulfördervereins gänzlich ehrenamtlich ausgeführt, oft »bis tief bis in die Nacht«, wie Klingeberg verrät. Zum neuen Schuljahr wird der Finanzexperte nun Geschäftsführer des Fördervereins. Veränderung sei angezeigt. »Der Verein ist so groß geworden, der Grenzwert erreicht«, erläutert Cathrin Klingeberg. Das Konstrukt soll eine Kombination aus Ehrenamt und Minijob werden.

Eine Elterninitiative stand am Anfang: 1999 wurde der Verein gegründet. Das Projekt »Kerni« startete mit zwölf Kindern und sieben berufstätigen Müttern. Früher habe eine Mutter die Lohnbuchhaltung gemacht, eine Kollegin sei zum Einkaufen in den Supermarkt gefahren. Der Betrieb wurde und wird nun weiter »modernisiert und professionalisiert«. Aufgaben werden extern vergeben: vom Personalbüro bis zum Steuerberater. Und auch die Nahrungsmittel werden unterdessen angeliefert.

Sechs Ausschussmitglieder bilden den harten Kern des Vereins. Das Spitzenteam Klingeberg/Walker und die erste Vorsitzende Bianca Sonntag harmoniere bestens, wie die beiden versichern. »Sonst wird das Arbeit, und dann wird’s blöd«, sagt Walker, der betont, »Spaß am Bearbeiten von betriebswirtschaftlichen Themen« zu haben. Seine zwei Kinder sind dem Grundschulalter längstens entwachsen. »Von der Silcherschule bin ich aber nicht losgekommen«, lacht der Sickenhäuser, der selbst einst die Bank in der beschaulichen Dorfschule gedrückt hat. Auch Walker ist Wiederholungstäter in Sachen Ehrenamt, wirkt unter anderem als Kassier des Gewerbevereins Dettingen. »Man tut was Gutes«, sagt er schlicht über seine Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren.

»Ich bringe mich gerne ein, mache gern was mit Menschen – und lasse mich gern überreden«, lacht Cathrin Klingeberg und bringt ihre Haltung zum Ehrenamt ebenfalls auf einen einfachen Nenner: »’s isch einfach schee«. Beiden ist besonders das gute Miteinander im Verein und auch mit den Schulvertretern Antrieb. Dieses Zusammenspiel sei ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des Vereins: die sehr hohe Anmeldequote. Beide loben auch die »gute Unterstützung der Stadt«.

Die Mittelstädter wollen wieder durchstarten: Klaus-Günther Olhorn (rechts) ist froh, in Joachim Dieterich einen Nachfolger gefu
Die Mittelstädter wollen wieder durchstarten: Klaus-Günther Olhorn (rechts) ist froh, in Joachim Dieterich einen Nachfolger gefunden zu haben. Foto: Andrea Glitz
Die Mittelstädter wollen wieder durchstarten: Klaus-Günther Olhorn (rechts) ist froh, in Joachim Dieterich einen Nachfolger gefunden zu haben.
Foto: Andrea Glitz

Förderverein Seniorenzentrum Mittelstadt

Fast hätte es den Förderverein des Seniorenzentrums Mittelstadt nicht mehr gegeben. Mitgliederschwund, Überalterung, die Corona-Pause setz(t)en ihm zu. Klaus-Günther Olhorn (75), tragende Säule seit Vereinsgründung, wollte den Vorsitz abgeben und fand keinen Nachfolger. »Das hätte mir wehgetan, das zu beerdigen.« Der Mittelstädter Bezirksbürgermeister Joachim Dieterich (65) sprang ein.

2003 wurde der Verein gegründet – als treibende Kraft bei der Realisierung des örtlichen Seniorenzentrums, die unter anderem den Investor fürs Bauvorhaben gesucht hat. 160 Mitglieder hatte man zu den besten Zeiten. Nach der Heimeinweihung 2007 setzte sich die Meinung, dass der Einsatz des Fördervereins nun obsolet sei, nicht durch. Der Aktivitätsschwerpunkt wurde auf Spendensammeln verlegt und Aktivitäten mit den Heimbewohnern. Die Vereinsmitglieder boten Gymnastikkurse, Singstunden, regelmäßige Kaffeenachmittage und vieles mehr an. Auch die Pflege des schönen Innenhofs übernahmen Freiwillige. Man sammelte eifrig Spenden, die zusammen mit den Beiträgen der Mitglieder ein Finanzpolster bildeten.

Um die 80.000 Euro spendierte der Verein in 20 Jahren für Anschaffungen, die den Alltag der Heimbewohner angenehmer oder erträglicher machen, im Etat des Hauses aber nicht drin sind. Markise, Hochbeete oder Springbrunnen für den Bewohnergarten stammen ebenso aus dem Vereinsgeldbeutel wie ein großer Fernsehbildschirm, die großen grünen Ruhesessel im Aufenthaltsraum und, und, und. Die Förderer sorgen für die »Sahnehäubchen«, sagt Olhorn. Und mehr als das. So kaufte der Verein bereits vor über zehn Jahren die ersten Niederflurbetten fürs Haus ein, zu einer Zeit, als diese noch nicht Standard waren.

»Der Förderverein sorgt für die Sahnehäubchen«

Vor allem Ältere haben sich von Anbeginn im Ehrenamt engagiert. Doch viele sind nun teils selber bedürftig geworden oder gar gestorben. Es fehlt an neuen jungen Mitgliedern, beklagt Olhorn. Corona bedeutete zudem einen Bruch, der bis heute nicht recht heilte. Die Ehrenamtlichen konnten nicht mehr ins Haus. Die Pause ließ Engagement erlahmen.

Joachim Dieterich will den Förderverein nun reaktivieren, unter anderem durch Werbung, insbesondere auch jüngere Menschen ansprechen. Eine Infoveranstaltung für Interessierte soll auf seine Arbeit aufmerksam machen. Seine Cousine hat er schon bezirzt: Sie hat die Schriftführung übernommen und wird sich damit auch ums wichtige Thema Öffentlichkeitsarbeit kümmern. Olhorn ist froh, dass es weitergeht. Er will, so weit es die Kräfte zulassen, weiter mitmischen, Skat- und Filmnachmittage anbieten.

Für den ehemaligen Bankvorstand einer Raiffeisenbank gehört Ehrenamt zur Grundeinstellung: »Ich bin ein Genosse. Ich möchte anderen helfen.« Als Banker hatte er gute Kontakte, fand leicht Spender. Er hat aber auch den Trend beobachtet, dass das Interesse am Ehrenamt nachlässt. »Viele wollen nicht mehr gern Freizeit dafür aufwenden.« Die Nachwuchsprobleme beträfen bei Weitem nicht nur Engagement im Altenheim.

Auch seien die Hürden gerade für verantwortliche Vereinsposten höher gelegt worden, etwa in Sachen Haftung. »Die Verantwortung will sich keiner mehr aufladen«, weiß Dieterich. Was kontinuierliches ehrenamtliches Engagement bedeutet, weiß der frisch in Rente gegangene Mittelstädter bestens – aus 40 Jahren Freiwillige Feuerwehr. Seine Erfahrung und Motivation: »In einem Verein kann man viel bewirken.«

Monika Taube (links) und Anna Stüve tun (fast) alles fürs franz.K.
Monika Taube (links) und Anna Stüve tun (fast) alles fürs franz.K. Foto: Andrea Glitz
Monika Taube (links) und Anna Stüve tun (fast) alles fürs franz.K.
Foto: Andrea Glitz

Förderverein franz.K

Im Rampenlicht steht meistens der Kulturverein, aber es gibt auch noch den Förderverein franz.K, der nur ein halbes Dutzend Mitglieder zählt und das ganz klassische Fördervereinsziel hegt: Geld sammeln. »Wir kümmern uns um Spenden, Schenkungen und Fördergelder und verwalten sie«, sagt Monika Taube, die mit Anna Stüve und Ralf Spacca den Vorstand bildet. Der Verein sucht auch neue Förderer und pflegt die Beziehungen mit den vorhandenen, etwa bei der jährlichen VIP-Party. Vor allem Privatleute geben Geld. Ansprechpartner sind auch die Reutlinger Geschäftsleute, wenn es etwa um Sachspenden für eine Tombola geht.

»Wir stehen in der zweiten Reihe«, sagt die 61-jährige Monika Taube bescheiden. Aber diese Reihe sammelte allein im letzten Jahr immerhin rund 20.000 Euro an Spenden und Fördergeldern ein. In den Anfängen des Kulturzentrums, als noch alles knapp war, sei der Förderverein noch existenzieller gewesen, sagt Anna Stüve. Heute wird die Truppe besonders aktiv immer dann, wenn es konkrete größere Projekte gibt, Anschaffungen etwa im Bereich der Bühnentechnik. Und natürlich hat der Förderverein auch tatkräftig an der Realisierung des Echazhafens mitgewirkt.

»Wir stehen in der zweiten Reihe«

Die 57-jährige Heilpädagogin Stüve hat seit dem ersten Tag in Kultur- und Förderverein mitgearbeitet. Monika Taube, die als Betriebswirtin im Bereich Marketing und Kommunikation arbeitet, schafft seit elf Jahren ehrenamtlich fürs franz.K – zunächst im Kulturverein, ehe sie auch im Vorstand des Fördervereins ak-tiv wurde. »Ich wollte außerhalb der Arbeit etwas Sinnvolles tun. Und Ehrenamt ist sinnvoll.«

Beide sind weiter im Kulturverein aktiv, erledigen dort »alle anfallenden Arbeiten«: Einlass, Kasse, Bestuhlen. Ihr Zeitaufwand fürs Ehrenamt sei davon abhängig, ob gerade größere Projekte anstehen. Auf die Uhr schaut dabei keine. »Das meiste fühlt sich nicht wie Arbeit an«, sagt Stüve. »Du gehst hin, hast Spaß, schöne Erlebnisse, triffst nette Leute.« Beide Frauen sind kulturbegeistert. »Wir lieben das franz.K«, schwärmen sie. »Das ist ein fantastischer Ort, der erhalten bleiben muss. Wir brauchen so was in der Stadt.« (GEA)