REUTLINGEN. In einem Reutlinger Wohngebiet unweit des Volksparks stehen einige stattliche Häuser, manche würden auch Villen sagen. Viele gebaut in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch eines sticht heraus. Es könnte aus dem Märchen Dornröschen stammen, denn es wächst immer weiter zu. Das Gartengrundstück rund ums Haus kann nicht mehr ohne Schutzkleidung betreten werden, da dornige Brombeerbüsche es in Besitz genommen haben. Der ehemalige hölzerne Gartenzaun nur noch zu erahnen und so morsch, dass er bald in sich zusammenfallen dürfte. Die weiße Fassade ist dabei zu verschwinden. Efeu wuchert über sie und hat den Dachfirst bereits überschritten. Äste eines imposanten Baumes schlagen bei Wind auf die Dachziegel.
Die Nachbarn wissen nicht allzu viel, über das Dornröschen-Haus in ihrem Viertel. Dem GEA gegenüber hieß es, der ursprüngliche Besitzer sei wohl schon vor mehr als zehn Jahren gestorben und offenbar könnten sich seine Nachkommen nicht über den Nachlass einigen. Ein Nachbar sagt: »So alle zwei bis drei Jahre kommt mal jemand, der den Wildwuchs rund ums Haus ein wenig herunterschneidet und danach wuchert es wieder zu.«
Mehrere tote Igel gefunden
Eine Nachbarin wandte sich an den GEA und berichtet: »In unserem Garten lebten bis vor Kurzem mehrere Igel. Fünf habe ich regelmäßig gefüttert, wenn sie in die Nähe unseres Hauses kamen. Die sind jetzt alle tot. Ich habe Kadaver gefunden, die regelrecht ausgehöhlt waren.« Die Frau, deren Grundstück an das Dornröschen-Haus grenzt, ist sich sicher: Das waren Waschbären. Sie habe die Tiere gesehen und gehört: »Einer von ihnen kam mehrfach in Richtung unserer Terrasse und blickte sogar zu uns ins Haus hinein. Dann verschwand er wieder in Richtung 'Dornröschen-Haus',« berichtet sie. Ob es immer dasselbe Tier war, kann sie nicht sagen. Möglich sei, dass im unheimlichen Haus nebenan eine ganze Sippe eingezogen ist.
Andere Nachbarn, die der GEA vor Ort befragte, haben die Waschbären nur unbewusst bemerkt: »Im Sommer, wenn wir auf dem Balkon gesessen sind, haben wir öfter ein Scharren oder Kratzen gehört, haben das aber nicht in Zusammenhang gebracht mit Waschbären.« Es sei gut, dass sie jetzt Bescheid wüssten.
Waschbären dringen gerne in leerstehende Häuser ein
Für den Wildtierbeauftragten des Kreises Reutlingen, Rupert Rosenstock, ist das alles ein weiteres und typisches Beispiel für die zunehmende Ausbreitung des invasiven Art. Er bestätigte: Waschbären dringen gerne in leerstehende Häuser ein – vor allem, wenn sie dort Schutz, Nahrung oder einen geeigneten Platz zum Nisten finden. »Dann klettern die gerne in solche Häuser und fühlen sich sicher und pudelwohl«, so Rosenstock.
Waschbären seien Prädatoren, also Raubtiere, die alles in ihrer Umgebung als Beute betrachten, so auch im Reutlinger Wohngebiet. »Die Stacheln der Igel sind für sie kein Problem. Die höhlen die Tiere von innen aus. Genauso machen sie das sogar mit den Gelbbauchunken, die eine giftige Haut haben. Die zutzeln ihre Beutetiere quasi aus wie eine Weißwurst«, so Rosenstock. Wo sich die cleveren Vierbeiner einmal niedergelassen haben, sei auch kein Fisch- oder Karpfenteich vor ihnen sicher.
Die Menschen, in deren Umgebung sich Waschbären eingenistet haben, müssten ihnen konsequent die Nahrungsquellen entziehen: »Das bedeutet: Kein Katzen- oder Vogelfutter frei zugänglich im Freien aufstellen. Selbst Vogelfutter in Eimern mit Deckeln knacken die Tiere. Vogelhäuser müssen so gesichert werden, dass Waschbären nicht hinaufklettern können.«
Eindeutige Hinweise auf Waschbären
Die Erfahrungen in der Region zeigen: Waschbären sind neugierig, in solchen Objekten Unterschlupf zu finden und geschickt dabei, Türen, Klappen oder Fenster zu öffnen. Für sie bieten leerstehende Häuser ideale Unterschlupfmöglichkeiten, weil sie auf keine Menschen oder andere Raubtiere treffen und sie ihnen Sicherheit bieten. Sie sind zudem Schutz vor Wetter und gleichzeitig Versteck. Gerne wählen die Tiere dafür Dachböden, Schornsteine oder Keller.
Eindeutige Hinweise darauf, dass Waschbären in ein (leerstehendes) Haus »eingezogen sind«, wären unter anderem: Geräusche nachts, wie Trampeln oder Kratzen, Kot oder Urin, Schäden an Isolierung, Holz, Dachziegeln, umgewühlter Müll oder - wie im konkreten Fall - Kadaver von toten Igeln. (GEA)

