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Grillwurst bis zum Abwinken: Wandererinnerungen aus der Redaktion

Die meisten Kinder sind nicht unbedingt begeistert: Wandern mit den Eltern. Vier Redakteurinnen des GEA erinnern sich an Wandererlebnisse mit den Eltern.

Die Wanderschuhe schnüren und los geht's - wenn das mit Kindern nur immer so einfach wäre.
Die Wanderschuhe schnüren und los geht's - wenn das mit Kindern nur immer so einfach wäre. Foto: Bietau
Die Wanderschuhe schnüren und los geht's - wenn das mit Kindern nur immer so einfach wäre.
Foto: Bietau

REGION. Andrea Glitz: Ich liebe Wandern. Ich liebe die Alb. Das war nicht immer so. Nachdem wir vom Flachland nach Stuttgart gezogen waren, schienen meine Eltern plötzlich von der Idee besessen, dass Wandern Spaß macht. Und dass die Alb der richtige Ort für diesen Spaß ist. Auch ich wurde genötigt, meine Sonntage laufend im Gebirge zu verbringen. Rauf. Runter. Rauf. Runter. 25 Kilometer. Auf alten Fotos sehe ich ein Kind, das auf einem Felsen sitzend in einer lächerlichen Kniebundhose und mit kariertem Hemd mit miesmuscheligem Gesichtsausdruck auf ein durchgeweichtes belegtes Brot starrt. Ich habe die Alb gehasst. Die Sonntage. Den Wadenspanner. Und ich ging in Opposition. Und die hieß: trödeln. Ich habe so sehr getrödelt, dass ich fast rückwärts gelaufen bin. Und dann mein Gesicht dazu. Irgendwann haben meine Eltern erkannt, dass es ohne mich schöner ist auf der Alb. Ich durfte zu Hause bleiben.

Claudia Reicherter: Das Wandern war des Vaters Lust. Und so wurde es von den 1970er-Jahren an auch meine Leidenschaft. Zunächst hatte Papa meine Schwester und mich ausdauernd auf alpine Höhen hochgetragen: eine im Sitzerle auf dem Rücken, eine auf den Schultern. Sobald wir selbst gehen konnten, band er uns in steilem Gelände aus Reepschnüren zur Sicherung Brustgurte. Später ging es von Glems aus jedes Wochenende hoch aufs Roßfeld oder auf die Eninger Weide. Und von dort kreuz und quer über die Schwäbische Alb.

»Querfeldein« war sein Zauberwort. Die Albvereinskarten hatte er im Kopf. Im geliebten Lautertal hieß es auf die Frage, »wie weit isch's no?« stets ermunternd: »Hinter der nächsten Kurve ist die Wirtschaft.« Frisch motiviert ging’s bis zur Kehre, jedoch - Pfeifendeckel, kein »Bluna« - die gängige Limonade - in Sicht. »Ah, dann hab' ich mich getäuscht«, sagte Papa dann. »Aber hinter der nächsten Kurve ganz bestimmt.«

Als Inbegriff der ersehnten Raststätte erscheint mir der »Adler« in Anhausen. »Mei liabs Herr Veitle« soll ich mal geseufzt haben, als ich meinte, keinen Schritt mehr weiterwandern zu können. Aber es ging immer weiter. Und irgendwann stand der »Adler«-Wirt lächelnd unterm Türzargen. Dabei waren wir sicher nicht die besten Kunden. Man musste sparen. Zur Verpflegung hatten wir also immer Vesper dabei. Butterbrot und Rote Wurst zum Grillen. Daran hab’ ich mich schließlich wohl überessen. Lange Zeit hätte man mich mit einer »Roten« jagen können.

Das Wandern war damals nicht schick, es war normal: Männer trugen dicke Wollstrümpfe, Kniebundhosen und karierte Hemden. Wir Kinder kurze Hosen und »Ti-schörtla«, dazu klobige, schwere Bergstiefel. Anstrengend war’s und im Hochgebirge durchaus auch mal gefährlich, doch das Vertrauen zum Papa ließ sich nicht erschüttern. Er hätte sein Leben für mich gegeben, erzählte die besten Geschichten und kannte jeden Gipfel am Horizont mit Namen. Mit den Wandertouren schenkte er nicht nur uns Kindern unvergessliche Aussichten und Erlebnisse, sondern über Vereinsausflüge dem ganzen Dorf. Ich lernte so neben Sicherungs- und Klettertechniken Umsicht, Verlässlichkeit, Geduld und den Wert einer guten Vorbereitung. Wie sehr wünschte ich, nochmal eine Runde mit ihm zu gehen - und sei's mit der unvermeidlichen Roten am Schluss.

Kathrin Kammerer: Ist's eine Birke? Ein Ahorn, oder gar eine Linde? Die kleine Kathrin weiß es nicht, will es nicht wissen und ist einfach nur genervt. Die Sonne sticht vom Himmel, es ist heiß und riecht nach gemähtem Gras, mein Vater schaut mich erwartungsvoll an und wedelt mit einem Baum-Blatt vor meinem Gesicht herum. Er kennt sie alle: die Blätter der Bäume, die Kräuter und Blümchen am Wegesrand, die Vögel am Himmel. Mit dem Taschenmesser schnitzt er Wanderstöcke, zaubert Muster in die Rinde. Ein Naturliebhaber sondergleichen, beim Wandern immer ausgerüstet mit einem Pflanzenbuch.

Doch der kleinen, zehnjährigen Kathrin, ist das ziemlich egal. Denn das einzige, für das sie sich gerade noch begeistern lässt, befindet sich in seinem Rucksack: Dutzende belegte Weckle, Gurke und Paprika klein geschnippelt, Snackwürstchen, gekochte Eier. »Wie lang' noch?«, nölt sie. »Bald da«, antwortet er. Wutachschlucht, Burg Falkenstein, Brigachtal, Feldbergsteig: Die Namen der Wanderziele sind mir noch heute in Erinnerung. Die Blumen und die Blätter nicht mehr. Später wollte er mir den Rad-Wechsel beim Auto beibringen. Davon ist ähnlich viel hängengeblieben. Beides bereut die erwachsene Kathrin heute ein bisschen ... Immerhin war mein kleiner Bruder deutlich begeisterungsfähiger.

Anja Weiß: Wandern? Für die meisten Kinder ist ein Gräuel. Vielleicht sollte ich deshalb froh sein, dass meine Eltern uns in jungen Jahren diese Freizeitbeschäftigung nie aufgezwungen haben. Meine Mutter war eine Freundin der motorisierten Fortbewegung, für fast jede Strecke stieg sie in ihr Auto – und chauffierte uns gerne von A nach B. Ganz anders mein Opa: Der war Wanderführer im Albverein und immer unterwegs. Bis ins hohe Alter lief er täglich mehrere Stunden. Einmal, ich war etwa 12, fragte er mich, ob ich mit ihm aufs Calverbühl laufen wolle. Fassungslos fragte ich zurück: »Warum?« Weshalb sollte ich laufen, wenn wir doch ein Auto hatten ....

Aber dennoch scheine ich diese Leidenschaft fürs Wandern von ihm geerbt zu haben – auch wenn ich das erst mit Mitte 20 entdeckt habe. Hochgehberge, Löwenpfade, Hauptwanderweg 1, Burgenweg, Eduard-Mörike-Weg und wie sie alle heißen: Viele von ihnen bin ich in den vergangenen Jahren gelaufen und mein Wandertagebuch, das ich fein säuberlich führe, füllt sich regelmäßig mit neuen Touren. Wandern ist so schön, so (ent-)spannend, so lehrreich: am liebsten mit der ganzen Familie.

Aber, was ist das: »Das ist dohoof« … »Nein, ich will nicht laufen« … »Mir tun die Füße weh« … »Ich kann nicht mehr«: So jammern und maulen unsere Töchter, wenn wir sie sonntags auf die Alb, den Jusi oder das Roßfeld scheuchen. Meist endend in der Frage: »Warum nehmen wir eigentlich nicht das Auto?« Tja, meine Mutter hätte es getan ... (GEA)