REUTLINGEN. Das weiß jeder Katzenbesitzer: Aus unkastrierten Katern und Katzen werden in nur wenigen Jahren riesige Katzen-Großfamilien. Auch im Landkreis führt dies dazu, dass unzählige Streuner unterwegs sind, um die sich niemand kümmert. Werden sie eingefangen, wird das Tierheim aktiv, versorgt die Tiere und kastriert sie auch. Das verursacht nicht nur erhebliche Kosten, sondern bindet auch die Kräfte des Personals und der Ehrenamtlichen. Hinzu kommt noch das Leid herrenloser Samtpfoten, die nicht versorgt, unterernährt und voller Parasiten sind.
Die Grüne Jugend Reutlingen hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, in den Städten und Kommunen des Landkreises eine Katzenschutzverordnung durchzusetzen, und eine Petition gestartet. Darin werden Bürgermeister und Gemeinderäte aufgefordert, einen entsprechenden Erlass in die Wege zu leiten und zu beschließen. Denn lediglich eine einzige Kreis-Kommune, nämlich Eningen, geht bislang mit gutem Beispiel voran und hat eine Katzenschutzverordnung erlassen. Jetzt lud der Grünen-Nachwuchs zu einer Informationsveranstaltung in Zusammenarbeit mit Tierheim und Tierschutzverein in den Spitalhof ein.
Es geht auch um Rechtssicherheit
In erster Linie gehe es darum, das Leid streunender Katzen zu lindern und das Tierheim zu entlasten, betonte Eleanor Weber, Reutlinger Grünen-Gemeinderätin und Mitinitiatorin der Petition. Ein Anliegen, das die Vorsitzende des Tierschutzvereins Reutlingen Christl Nossek-Lausecker und die Tierheim-Tierärztin Dr. Dorothee Wiest unterstreichen. Die beiden präsentierten Zahlen und Fakten aus dem Tierheim. So gingen 2023 genau 1984 Tiere durch die Hände der Tierheim-Mitarbeiter, davon 794 Katzen. Von diesen waren 647 Fundkatzen. 350 Kastrationen wurden im vergangenen Jahr an Katzen durchgeführt, dazu zählten auch 177 Vierbeiner, die über die Katzenhilfe Münsingen gebracht wurden.
Der Tierschutzverein hat mit allen Kreisgemeinden einen Fund- und Verwahrtiervertrag geschlossen, pro Einwohner gibt es dafür eine Pauschale von 1,20 Euro. Aber dies reiche bei weitem nicht aus, um auch die inzwischen gestiegenen Anforderungen ans Tierwohl zu bewältigen und ihnen gerecht zu werden, verdeutlichten die Tierheim-Vertreterinnen. Ohne Spenden könnte das Tierheim die gesamte Pflege und Betreuung sowie die durchgeführten Kastrationen nicht stemmen. Nossek-Lausecker betonte, wie schwierig es sei, bei den Kommunen in Sachen Katzenschutzverordnung auf offene Ohren zu stoßen. Umso mehr sei die Unterstützung von politischer Seite wichtig.
Kein politisches Interesse am Tierschutz?
Tierärztin Wiest beklagte, dass der Tierschutz in den zurückliegenden Regierungen keine große Rolle gespielt habe. Und im Moment scheine das Interesse am Wohl der Tiere vollends aus der Politik zu verschwinden. Dabei sei es überaus wichtig, dass der Tierschutz einen hohen Stellenwert in der Politik einnehme. In der Parallelwelt der Nutztiere herrsche oft Gesetzlosigkeit, geltendes Tierschutzrecht werde oft nicht eingehalten. »So ist es auch beim Katzenelend.«
Wiest berichtete aus ihrem beruflichen Alltag, vom Leid herrenloser Streuner. Und sie betonte, wie unabdingbar eine Katzenschutzverordnung ist, die Kastration und Kennzeichnung ermögliche. Denn - auch das verdeutlichte Wiest - Tierheime und deren Mitarbeiter brauchen Rechtssicherheit, um aufgefundene Katzen kastrieren zu dürfen.
Katzenwelpen-Schwemme im Tierheim
Allein im vergangenen Jahr musste das Tierheim Reutlingen 150 Katzenwelpen aufnehmen. Wiest spricht hier von einer Katzenwelpen-Schwemme. Denn jedes einzelne Kitten müsse von Hand aufgezogen und im Zwei-Stunden-Takt betreut werden. Da komme das Tierheim räumlich und personell an seine Grenzen.
Freigänger-Katzen nicht kastrieren zu lassen, bezeichnete Wiest deshalb als verantwortungslos. Nur durch eine Katzenschutzverordnung könne man die Eigentümer dazu zwingen, ihr Tier kastrieren zu lassen und die dafür fälligen Kosten zu tragen. Wohnungskatzen sind übrigens von der Verordnung nicht betroffen. »Der zentrale Punkt ist, dass es mit einer Katzenschutzverordnung für Tierschützer einfacher wird, die Tiere zuzuordnen. Und die Tierheime werden zudem entlastet. Eine Katzenschutzverordnung ist ein wirkungsvoller Baustein, um langfristig das Katzenelend besiegen zu können.«
Petition läuft bis Herbst
Von guten Erfahrungen mit der Katzenschutzverordnung konnte die Grünen-Landtagsabgeordnete Martina Braun aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis, Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion für Tierschutz, berichten. Denn in ihrem Landkreis gilt inzwischen flächendeckend eine entsprechende Verordnung, beschlossen von allen dortigen Städten und Gemeinden. Landesweit gebe es allerdings »noch viel Luft nach oben«, so die Abgeordnete.
Eleanor Weber und ihre Mitstreiter aus der Grünen Jugend wollen bis in den Herbst hinein kräftig für die Petition werben und die Öffentlichkeit sensibilisieren. Vor allem soll in den Gemeinderäten des Landkreises das Thema Katzenschutzverordnung in absehbarer Zeit auf den Tisch kommen. (GEA)

