REUTLINGEN. Ein Blick auf den Schreibtisch genügt, um Respekt vor der Arbeitsleistung von Ewald Heinzelmann zu bekommen. Umzingelt von Papierstapeln, Aktenordnern, Broschüren oder Klarsichthüllen sitzt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Reutlingen vor zwei Bildschirmen. »Ich muss extrem viel lesen«, erklärt der 65-Jährige zwischen Bergen von Unterlagen. Nach 35 Jahren geht Heinzelmann jetzt in den Ruhestand. In der Ruhe lag bei ihm auch immer die Kraft. Der Geschäftsführer hat als stiller Schaffer fürs Handwerk vier Kreishandwerksmeistern gedient.
Eingestellt wurde der Diplom-Verwaltungswirt am 8. Dezember 1990 als »vollbeschäftigter Angestellter auf unbefristete Zeit«, wie es in seinem Arbeitsvertrag steht. Übersetzt bedeutete dies rückblickend eine mehr als volle Beschäftigung mit einer 60-Stunden-Woche sowie letztlich unbegrenztem Engagement. Denn die Kreishandwerkerschaft ist mehr als eine Organisation zur politischen Vertretung von Handwerksinteressen, Öffentlichkeitsarbeit oder Nachwuchswerbung. »Wir sind ein Dienstleister«, erklärt der Vater von zwei erwachsenen Kindern und Großvater einer Enkelin.
»Wir müssen vieles selbst erarbeiten«
Für aktuell 25 Innungen ist es die Kreishandwerkerschaft, die Termine wie Versammlungen oder auch Ehrungen von Mitgliedern organisiert. "Wir führen extrem viele Veranstaltungen durch", sagt Heinzelmann. Im "wir" steckt ein hoher Eigenanteil von Arbeit für ihn. Auch abends sowie an den Wochenenden. Natürlich wird von ihm erwartet, sowohl fachlich interessant als auch passend zu aktuellen politischen Entwicklungen das Wort zu ergreifen. Auf der Höhe der Zeit zu sein, ist eine Kompetenz, die nicht vom Himmel fällt, sondern durch die Lektüre von Papierstapeln oder Bergen von Unterlagen entsteht. »Wir müssen vieles selbst erarbeiten«, so Heinzelmann. Auch was in zahlreichen digitalen Rundschreiben mit Absender Kreishandwerkerschaft - Newsletter genannt - drinsteht, kann keiner aus dem Ärmel schütteln.
Die Newsletter sind übrigens nur ein Beispiel für den digital denkenden Menschen Heinzelmann. Seine erste Aufgabe als frisch eingestellter Geschäftsführer »war die Einführung von Personalcomputern«. Die elektronische Datenverarbeitung sowie das Internet haben die Jahrzehnte seitdem geprägt - und auch die Kreishandwerkerschaft schwer beschäftigt: »Heute stehen wir bei der Einführung künstlicher Intelligenz«.
»Mit der schwäbischen Beziehungskiste arbeiten«
Für das Handwerk in der Region Reutlingen ist Ewald Heinzelmann eines der viel gesehenen Gesichter gewesen. Immer da, niemals im Vordergrund, »der Geschäftsführer steht nie im Mittelpunkt«. Auch ein Netzwerker, denn vor allem bei Abendveranstaltungen »ergeben sich viele nette Freundschaften oder Bekanntschaften«. Bekannt sein und Menschen kennen, das ist ein Kapital. »Man muss mit der schwäbischen Beziehungskiste arbeiten«, lässt er durchblicken - Diskretion ist als Ehrensache inklusive. Gefragt, was er in seinen über drei Jahrzehnten als besonders wichtig befindet, kommt er auf das 1994 eröffnete »Haus der Innungen« zu sprechen - solide finanziert mit Mitteln der Kreishandwerkerschaft, überwiegend aus eigenen Erträgen. Es wirkt wie eine Botschaft, »denn ein leistungsfähiges Handwerk ist für eine Region extrem wichtig«.
»Die schwächelnde Wettbewerbsfähigkeit macht mir Sorgen«
Nachdenklich wird Heinzelmann, wenn er über die wirtschaftliche Entwicklung während seiner Amtszeit redet. Zahlreiche Innungen sind verloren gegangen: Fass- und Weinküfer, Bürstenmacher, Stricker und Weber, Messerschmiede, Gerber, Korbmacher, Damen- und Herrenschneider oder Schuhmacher. Es gibt noch einzelne Menschen, die diesen ehrbaren Handwerken nachgehen - aber eben keine Innung mehr. »Im Prinzip hat die Industrie diese Gewerke abgelöst«, analysiert Heinzelmann. »Die Entwicklung war insofern positiv, als sich bei uns jeder etwa modische Kleidung leisten kann. Die negative Seite ist der Verlust von Arbeitsplätzen bei uns, ihre Verlagerung in Länder mit Arbeitsbedingungen, die nicht unseren entsprechen«. Die »schwächelnde Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie macht mir große Sorgen«, fährt er fort. Eine Volkswirtschaft beschreibt er als Mosaik: »Keine Jobs in der Industrie bedeuten etwa keine Kunden fürs Handwerk«.
»Ich werde abends häufiger zu Hause sein«
Heinzelmanns Nachfolger steht schon fest: Martin Schübel, derzeit noch bei der Handwerkskammer. Ein halbes Jahr lang wird der Neue vom Alten eingeführt. "Das Schwierige ist die Vielfalt. Ich bin ein Generalist", sagt Heinzelmann. Für ihn selbst bedeutet der Ruhestand alles andere als Stillstand. Weil dieser Mann auch ehrenamtlich umfassend engagiert ist. Als Richter beim Reutlinger Arbeitsgericht, Landessozialgericht und Finanzgericht Baden-Württemberg sowie in Gremien der Innungskrankenkasse. Meisterkurse gibt er auch noch, womit ein Überfluss an Freizeit als sogenannter Rentner ausgeschlossen scheint. Er selbst beschreibt das so: »Ich werde abends häufiger zu Hause sein«. (GEA)


