REUTLINGEN. Das Bundeskriminalamt nennt sie im trockenen Polizeideutsch schlicht »physische Angriffe auf Geldautomaten«. Das bedeutet in der Realität in fast zwei Drittel der Fälle: Die Täter sprengen die Automaten einfach. In den vergangenen Jahren gehen sie nach der immer gleichen Methode vor. Sie leiten Gas in die Automaten und zünden das schließlich: Bumm, der ganze Automat zerbirst, nur die Geldkassette bleibt weitgehend unbeschädigt, sodass die Verbrecher das Bargeld abgreifen können. Zuletzt waren das insgesamt stattliche 17,1 Millionen Euro. Die Zahl der Fälle ist um 28,2 Prozent gestiegen.
Der überwiegende Teil der Taten spielte sich in Nordrhein-Westfalen ab. Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass sich organisierte Banden auf dieses Bundesland fokussiert haben, weil hier offenbar die schnelle Flucht über die zahlreichen Autobahnen ins benachbarte Holland gelingt.
Die Zahl der Fälle in Reutlingen und der Region ist dagegen überschaubar. Im Bereich des Polizeipräsidiums Reutlingen, zu dem die Landkreise Reutlingen, Tübingen, Esslingen und Zollernalb gehören, gab es seit 2017 laut Statistik 14 Sprengungen von Geldautomaten. Auch hier verwendeten die Täter Gas, um die Explosion herbeizuführen. Drei Fälle konnten seitdem aufgeklärt werden. Die vergleichsweise niedrige Aufklärungsquote erklärt Christian Wörner, Sprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen, mit der schnellen Flucht der Täter über die nächste Schnellstraße: »Die sind oft in Banden organisiert, nicht selten bewaffnet und wollen nach der Tat ihre Flucht auch unbedingt bis ins benachbarte Ausland durchsetzen.« Die wenigen Fälle von Geldautomatensprengungen in der Region könnten auch darauf zurückgeführt werden, dass es keine direkten Autobahnanschlüsse gebe.
Täter blieb in Rommelsbach erfolglos
Am 11. März gab es den vorerst letzten Fall, wo ein Täter in Reutlingen versuchte, einen Geldautomaten zu knacken. Der Versuch im Stadtteil Rommelsbach blieb aber ohne den erhofften Erfolg, allerdings auch die anschließende Fahndung samt Polizeihubschrauber. Kurze Zeit später kam es zu Angriffen auf Geldautomaten in Meßstetten und Albstadt-Ebingen im Zollernalbkreis.
Den spektakulärsten Fall einer Geldautomaten-Sprengung in der Region gab es vor gut einem Jahr ebenfalls im Zollernalbkreis. In Balingen sprengten die Täter einen Automaten in der zentralen Friedrichstraße, obwohl dort - im Vorraum einer Bank - ein 43-jähriger Mann schlief. Bei der heftigen Explosion wurde nicht nur der Mann verletzt, am Gebäude entstand ein Schaden von mehreren hunderttausend Euro. Ein Feuer brach aus. Der 43-Jährige kam in ein Krankenhaus. Auch hier entkamen die beiden Täter trotz Großfahndung unerkannt. Sie sollen während der Tat komplett in schwarz gekleidet gewesen sein und Sturmhauben getragen haben.
Wegen des Versuches einen Geldautomaten sprengen zu wollen, waren erst Mitte Mai acht Menschen aus Reutlingen und dem Landkreis festgenommen worden. In diesem Zusammenhang ermittelt die Polizei wegen des Tatbestandes der Verbrechensverabredung.
»Den Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen«
Polizeisprecher Christian Wörner bewertete diese Fälle gegenüber dem GEA so: »Auch wenn die Zahlen in unserem Bereich sehr niedrig sind, zeigt doch insbesondere der Fall in Balingen, mit welcher unglaublichen Brutalität die Täter vorgehen. Sie nehmen nicht nur enorme 'Kollateralschäden' an Sachwerten, sondern auch den möglichen Tod eines Menschen billigend in Kauf.«
Die Banken und Sparkassen in Reutlingen haben auf die Angriffe auf ihre Geldautomaten reagiert. Andrea Anstädt, Sprecherin der Volksbank Reutlingen, wies darauf hin, dass die letzte Sprengung eines ihrer Geldautomaten bereits einige Jahre zurückliege und der Täter mittlerweile auch gefasst sei. Dennoch sei es dem Geldinstitut wichtig, die Sicherheit der Geräte ständig zu verbessern. »Das ist eine Daueraufgabe für uns«, erklärte sie. Details zu den einzelnen Sicherheitsvorkehrung wollte sie nicht preisgeben. Einige Geldautomaten und Selbstbedienungs-Filialen seien abgebaut worden. Dies sei allerdings nicht geschehen, weil Angriffe befürchtet würden, sondern weil sie nicht genügend genutzt würden, um sie wirtschaftlich weiter zu betreiben. »Der Trend zum bargeldlosen Bezahlen setzt sich auch bei uns immer mehr durch«, so Anstädt.
Automaten werden mit Einfärbesystem gesichert
Die Kreissparkasse Reutlingen rüstet ihre Geldautomaten derzeit mit einem sogenannten Bargeldeinfärbesystem nach. Dieses sorgt dafür, dass die Täter bei einer erfolgreichen Sprengung nicht nur selbst mit unabwaschbarer Farbe eingefärbt werden, sondern auch die Geldscheine: »Durch diese Sicherheitstinte wird die Beute für die Verbrecher wertlos und sie kann helfen, die Täter zu überführen«, erklärte Sprecherin Mandy Rieber.
Einen solchen Fall gab es übrigens zuletzt im bayerischen Landkreis Passau, wo die Täter nach der Sprengung die grün eingefärbte fünfstellige Summe an Bargeld am Tatort zurückließen. (GEA)

