REUTLINGEN. Die politische Kraft mit dem Motto »100 Prozent frei. 0 Prozent Partei« ist bei der Wahl zum Reutlinger Kreistag erneut zur stärksten Fraktion gewählt worden: Die Freien Wähler (FWV) bleiben mit 19,2 Prozent (2019: 20,2 Prozent) und 18 Sitzen inklusive zwei Ausgleichssitzen auf Platz 1. Die CDU kann ihren Stimmanteil (23,6 Prozent, 2019: 21,5 Prozent) halten. Die AfD gewinnt mit 12,4 Prozent (2019: 7,2 Prozent) deutlich dazu. Von den Ampelparteien kommen SPD sowie FDP glimpflich davon. Die Grünen verlieren im Gegensatz zur Europawahl nur wenig. Die WiR überzeugt 5,5 Prozent der Wähler (2019: 2,1 Prozent) , womit sie einen weiteren Sitz erhält.
Für Hansjörg Schrade von der AfD bedeutet der Zugewinn von 4 Sitzen auf nunmehr 8 Sitze »vor allem, dass die anderen unsere Sachargumente nicht mehr so leicht übergehen können«. Auf die zahlreichen Vorwürfe und Skandale seiner Partei in den vergangenen Monaten angesprochen, bezeichnet er alles als »100 Prozent Mache«. Da sei er voll auf der Linie des Bundesvorstandes. Schrade fasst seinen Eindruck mit den Worten zusammen, »dass wer 12,4 Prozent trotz dieses Gegenwindes erreicht, der hat eine stabile Wählerschaft«.
Bei den Freien Wählern herrscht im Reutlinger Popup-Store eitel Freude und Sonnenschein. Als neu gewählter Kreisrat zeigt sich der Reutlinger Kurt Gugel überrascht von seinem Wahlerfolg. »Dass wir unseren Vorsprung gehalten haben, ist wichtig«, ergänzt Jürgen Fuchs. Beide Parlamentarier sagen, »uns erstaunt schon, dass die vielen Aufrufe, sich von Rechtsradikalen abzuwenden, nicht gewirkt haben«. FWV-Stimmenkönig Georg Leitenberger ist »überwältigt sowohl von meinem persönlichen Ergebnis als auch davon, dass wir weiter die stärkste Fraktion bleiben«. Das liege daran, dass die Freien Wähler »gute Kandidaten haben. Dazu trägt unsere Arbeit der letzten Jahre Früchte«.
»Das Ergebnis liegt im Rahmen dessen, was man erwarten konnte«, bewertet Florian Weller von der CDU das Wahlergebnis. »Die gewisse Stärke der AfD schmerzt«, ergänzt der Christdemokrat, »denn deren Sacharbeit ist gleich Null. Nur merkwürdige Anfragen. Wenn die mal etwas sagen, dann bewegt es sich zwischen unakzeptabel und schräg«. Der wiedergewählte Reutlinger Kreisrat Frank Glaunsinger meint, den Umgang mit der gewachsenen Rechtsaußen-Fraktion müsse man »erst noch besprechen«.
Sozialdemokrat Mike Münzing stellt erleichtert fest, »mit Blick auf den Bundestrend halten wir uns noch ganz wacker«. Wie erklärt er sich, dass die SPD nach 2019 auch jetzt Verluste verkraften muss? Das liege am Weggang von Persönlichkeiten. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es an der inhaltlichen Arbeit lag oder liegt«, sagt Münzing überzeugt, »denn die Mitglieder dieser SPD-Fraktion bringen überdurchschnittlich hohes Engagement in den Kreistag«.
Als Kreisrätin der Grünen zeigt sich Susanne Häcker erleichtert. »Das Kreistagsergebnis sieht gut aus. Wir haben uns gehalten. In der Innenstadt sind wir sogar stärkste Kraft vor der CDU«, meint sie. Bei Kommunalwahlen spielten eben »die Persönlichkeiten eine große Rolle«, und von denen hätten die Grünen reichlich. Die Sitzgewinne der AfD kommentiert sie mit der Ankündigung, »eine Zusammenarbeit mit der AfD gibt es nicht«.
»Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen«, sagt der liberale Kreisrat Hagen Kluck im Angesicht von 6,1 Prozent für die FPD – vor fünf Jahren waren es noch 6,6 Prozent. Im Bezug auf die Zugewinne auf der rechten Seite des Kommunalparlaments meint Kluck, man werde sich »weiterhin um ein sachliches Miteinander bemühen. Wir weichen dabei keinen Zentimeter von unseren demokratischen Überzeugungen ab«, verspricht Kluck. Der bisher alleine für WiR im Kreistag sitzende Professor Dr. Jürgen Straub zeigt sich über die Verdoppelung der Stimmenanteile auf 5,5 Prozent höchst erfreut. »Wir hatten richtig gute Kandidaten. Ich glaube, dass ich es als Einzelmitglied gut gemacht habe«. (GEA)

