REUTLINGEN-DEGERSCHLACHT. Als ob sie ein Pferd getreten hat, sitzt Solveigh Fuchs entsetzt vor den Stallungen ihrer Pferdepension Eulengarten. Denn zwei Herren aus dem Rathaus haben ihr jüngst mitgeteilt, dass der neue Flächennutzungsplan der Stadt statt grüner Wiesen rund um ihren Hof große Gewerbeflächen vorsehen könnte. »Ohne diese Koppeln hat der Hof keine Existenzgrundlage«, sagt sie entsetzt – und will sich wehren.
»Ich bin völlig schockiert«, beschreibt die Tierärztin ihren Zustand, der sich aus weniger heiterem Himmel plötzlich dramatisch verschlechtert hat. Denn was ihr Fabian Schäufele von der Grundstücks- und Liegenschaftsverwaltung sowie Ulrich Wurster als Abteilungsleiter für Wohnbau und Gewerbe bei der Reutlinger Stadtverwaltung verkündet hätten, sei völlig überraschend gekommen. »Die beiden teilten mir mit, dass sie planen, hier auf meinen Pferdekoppeln Großindustrie ansiedeln zu wollen«, sagt Fuchs. Ihr Problem dabei: Die Wiesen gehören im Gegensatz zum Hofgrundstück nicht ihr, sondern sind von der Stadt gepachtet. Dieser Zustand habe eine aus ihrer Sicht unerfreuliche Geschichte.
Platz für Großindustrie?
»Als ich vor 25 Jahren den Hof von der Stadt gekauft habe, hatte ich mit der Stadt einen Vertrag, der mir den Kauf der Pferdekoppeln innerhalb der nächsten 10 Jahre ermöglichte«, erzählt die Tierfreundin. Da sie allerdings erheblich höhere als vorgesehene Kosten zum Bau und Umbau des Hofes gehabt habe, und sich auch noch andere Unwägbarkeiten finanzieller Art einstellten, »fehlte mir zu diesem Zeitpunkt das nötige Kapital«. Im Lauf der letzten Jahre habe es mehrere Gespräche mit dem Amt für Immobilien gegeben, »aber sie wollten sich auch nicht auf Ratenzahlung einlassen«. Nun, wo ihr Hof abbezahlt sei und wieder ein Kredit möglich wäre, »will mir die Stadt die Koppeln nicht mehr verkaufen, weil sie hier ein Industriegebiet plant«. Dabei erinnert sich Solveigh Fuchs ganz genau, mehrfach das Wort »Großindustrie« vernommen zu haben. Die Stadtvertreter hätten die Pläne damit begründet, »hier sei die einzige größere zusammenhängende Fläche im Stadteigentum« genau dafür. Das kann sie nicht verstehen.
FLÄCHENNUTZUNGSPLAN
Ein Flächennutzungsplan regelt Rahmenbedingungen. Wo Wohngebiete oder Gewerbeflächen sind. Was nicht bebaut werden soll, und vieles mehr. Seit 2016 läuft in Reutlingen das Verfahren für die Aufstellung eines neuen Planwerks. Ende 2024, so schätzen die Planer, wird der Flächennutzungsplan zu Vollendung gelangen. Mehr Gewerbefläche (44 Hektar statt 27 Hektar) und weniger Wohnbaufläche (69 Hektar statt 109) für die Stadt Reutlingen und ihre Teilorte: Das sind die wesentlichen Eckdaten im Vergleich zum alten – noch geltenden – Flächennutzungsplan. Fast alle Potenziale liegen dabei im Außenbereich. Zur Orientierung: 2 526 Hektar Siedlungsfläche hat Reutlingen insgesamt derzeit. (GEA)
Ihrer Meinung nach gebe es kaum ungeeignetere Orte zur Ansiedlung von Industrie. »Dieses Gebiet liegt am Hang, und der bringt richtig viel Wasser. Erst saugt er viel auf − aber wenn er voll ist, dann schießt es in Strömen Richtung Tal hinunter. Diese Fläche auch noch zu versiegeln, wäre eine Katastrophe.« Zu bedenken ist nach den Worten der Tiermedizinerin außerdem der Artenreichtum: »Hier leben so viele Wildtiere wie Feldhasen, Milane, Falken, Sperber, Fledermäuse und sogar Störche. Von den Bienen, die ich durch meine Blühwiesen und angepflanzten Obstbäume hierher gelockt habe, ganz zu schweigen.« Darüber hinaus tue die Pferdepension viel Gutes für die Allgemeinheit und für den Tierschutz. Im Eulengarten finden Menschen therapeutische Angebote sowie Vierbeiner ein Gnadenbrot. Solveigh Fuchs will sich nicht vertreiben lassen.
Protest in der Wilhelmstraße
Sie hat bereits an alle Gemeinderatsfraktionen und Oberbürgermeister Thomas Keck geschrieben. Mit einer Unterschriftensammlung versucht sie sich zusätzliches Gehör beim Gemeinderat für das Fortbestehen des Hofes und gegen eine Ansiedlung von Industrie zu verschaffen. Am heutigen Samstag, 5. November, wird sie am Vormittag mit zwei Ponys und zwei Eseln auf der Reutlinger Wilhelmstraße sein, um gegen den Flächennutzungsplan zu demonstrieren. Auf dem Reutlinger Rathaus nehmen sich gleich zwei führende Köpfe Zeit, um zu dem Vorgang Stellung zu nehmen.
»Wir sind ganz am Anfang eines Prozesses«, stellt Peter Wilke als Leiter des Amtes für Wirtschaft und Immobilien klar. Es handele sich bei den Planungen um »einen Vorschlag für den Gemeinderat«, der erst noch diskutiert und verabschiedet werden müsse. »Da werden sicherlich nicht Morgen die Bagger stehen«, betont auch Stadtplaner Stefan Dvorak. Aus der Vorlage müsse erst noch ein Flächennutzungsplan werden. »Ich kann heute nicht sagen, wo wir landen«, meint er.
Die Aufregung von Solveigh Fuchs verstehen sowohl Peter Wilke als auch Stefan Dvorak, »egal wo wir ein neues Gebiet planen – für Gewerbe oder den Wohnungsbau – es entstehen Konkurrenzen«. Die Stadtverwaltung handele nur nach und mit Zustimmung des Gemeinderates. Das Stadtparlament werde alles ausführlich beraten. Der Besuch auf dem Pferdehof sei im Sinne der Koppel-Pächterin erfolgt: »Uns war es ein Anliegen, dass Frau Fuchs die potenzielle Ausweisung eines Gewerbegebietes nicht aus der Zeitung erfährt.« (GEA)
www.openpetition.de/petition/online/naherholung-statt-industrie



