REUTLINGEN. Diesen Anruf wird ein Reutlinger Vater so schnell nicht vergessen. Am Donnerstag gegen 12.30 Uhr nimmt er das Telefon ab und ist sich sicher, mit seiner dreizehn Jahre alten Tochter zu sprechen. »Hallo Papa, ich hatte einen Verkehrsunfall und bin jetzt im Krankenhaus«, sagt sie mit weinerlicher Stimme. Dann fügt sie hinzu: »Die Polizei will mit dir sprechen.« Der Mann ist geschockt. Dass er ins Visier von Betrügern geraten ist, wird ihm er erst später klar. Während sein Kind kerngesund im Unterricht am Friedrich-List-Gymnasium sitzt, tischt ihm eine angebliche Polizistin eine abenteuerliche Geschichte auf.
Schwangere angeblich schwer verletzt
Die Dame hat einen bayerischen Akzent und fragt zunächst nach dem Namen der Tochter, den der Vater auch nennt. Sie wiederholt, dass das Mädchen in einen Unfall verwickelt gewesen sei. Ihr gehe es abgesehen von einem Schock gut. Eine Schwangere sei jedoch schwer verletzt. Sie werde es wohl nicht überleben. Den Unfallhergang schildert die Betrügerin so: Das Mädchen habe beim Fahren auf ihr Handy geschaut, eine rote Ampel missachtet und dann auch noch Fahrerflucht begangen. »Man stellt sich das bildlich vor«, sagt der Vater. »Es wirkt alles so echt.«
Weiter behauptet die Fake-Beamtin, der Ehemann der Geschädigten habe bereits die Staatsanwaltschaft informiert. Die Reutlinger Schülerin müsse vermutlich in Untersuchungshaft. Die Mutter, die am Lautsprecher alles mithört, wundert sich und entgegnet, ihre Tochter sei doch erst 13 Jahre alt. Das spiele keine Rolle, sagt die Anruferin, denn das Mädchen sei Auto gefahren. Die Eltern antworten, dass das nicht sein könne. Die Beharrlichkeit zahlt sich aus. »Dann liegt eine Verwechslung vor«, sind die letzten Worte der Unbekannten, bevor sie auflegt.
Täter befinden sich oft im Ausland
Der Vater ahnt mittlerweile, dass es sich um einen Schwindel handelt. Doch erst als die Klassenlehrerin bestätigt, dass es der Tochter gut geht, können er und seine Frau durchatmen. »Wir waren sehr erleichtert«, sagt der Mann. Auch einen Tag später kann er es immer noch nicht fassen, dass die Stimme des Mädchens so klang wie die seiner Tochter. Haben die Betrüger ihre Sprachnachrichten abgefangen? Haben sie die Stimme mithilfe von Künstlicher Intelligenz nachgeahmt? Oder stand er einfach so sehr unter Schock, dass er sich die Ähnlichkeit nur einbildete?
Die Polizei geht eher von Letzterem aus, sagt Ramona Döttling, Pressesprecherin beim Polizeipräsidium Reutlingen. Eine Anzeige zum beschriebenen Fall liege vor. Auch wenn kein Geld ergaunert wurde: »Der Versuch stellt eine Straftat dar.« Die Polizei wird daher Ermittlungen aufnehmen. Doch die gestalten sich bei Telefonbetrug schwierig. »Wir wissen aus Erfahrung, dass sich die Täter oft im Ausland befinden.« Außerdem seien die Nummern bei Schockanrufen meistens manipuliert. »Das schmälert die Chance, die Betrüger zu finden.« Daher setzt die Reutlinger Polizei zusätzlich auf Prävention und Verhaltenstipps für die Bevölkerung.
Rektorin des List-Gymnasiums schreibt an Eltern
Auch Susanne Goedicke, Rektorin des List-Gymnasiums, nimmt den aktuellen Vorfall zum Anlass, über das Thema Schockanrufe zu informieren. In einer Mail an die Eltern ihrer Schüler schildert sie den Betrugsversuch verbunden mit der Bitte: »Seien Sie wachsam und scheuen Sie sich im Zweifelsfall nicht, in der Schule anzurufen und sich nach Ihrem Kind zu erkundigen.« Sie versichert: Sollten Kinder in der Schule einen Unfall haben, werden Mutter oder Vater von ihr, ihrem Stellvertreter oder dem Sekretariat darüber informiert. (GEA)

