REUTLINGEN. Von Stephan ZenkeReutlingenFrisches Öl in seinem Getriebe meldet der Förderverein Industriemuseum Reutlingen. Nachdem der bisherige Vorstand des Vereins im Sommer des vergangenen Jahres seine Arbeit laut dem Vorsitzenden Hans Hubert Krämer »wegen Sinn- und Zwecklosigkeit« nicht fortsetzen wollte, soll sich im neuen Jahr etwas tun. Worum es geht – faszinierende historische Maschinen – kann sich jeder am Samstag, 8. Februar 2025, von 14 Uhr bis 17 Uhr im nur selten geöffneten Industriemagazin anschauen.
Um die Faszination alter Mechanik aus der Reutlinger Vergangenheit in einer musealen Zukunft zu bewahren, ist der Förderverein vor drei Jahrzehnten gegründet worden, damit die Schätze im Magazin an der Eberhardstraße in einem richtigen Museum gezeigt werden können. Ein angemessener Rahmen wäre die alte Feuerwache in der Lederstraße gewesen, »die jedoch anderen Interessen geopfert wurde«, schreibt der Verein. Die Fahrzeughallen der Feuerwehr wären ideal gewesen für die Produktionsmaschinen und Ausstellungsobjekte des Industrie-Magazins.
»Wir wollen den Vorstand verjüngen«
Dieses Areal hätte zudem den Charme gehabt, dass die im Hinterhof liegende funktionierende alte Sägemühle mit Wasserradantrieb in das Museums-Areal eingegliedert worden wäre. Dann hat der Förderverein einen Architekturwettbewerb für den Neubau eines Industriemuseums auf dem Gelände der alten Hauptpost und der Paketpost unmittelbar neben dem jetzigen Standort ausgeschrieben. Für die Realisierung »von einem der besten Vorschläge fehlte der Stadt jedoch damals der Wille und heute fehlt das Geld«.
Da hatte sich eine Menge Frust angesammelt, weswegen der komplette Vereinsvorstand mit Hans Hubert Krämer an der Spitze vor einigen Monat den sprichwörtlichen Schraubenschüssel hingeworfen hatte. Doch jetzt scheint statt Sand wieder Gleitmittel im Getriebe zu sein. »Wir wollen den Vorstand verjüngen«, sagt mit Werner Neubrander einer der Aktiven des Vereins. Nach dem GEA-Bericht über die düsteren Zukunftsperspektiven hätten sich mehrere Menschen angesprochen gefühlt, tätig zu werden. So wollten die stellvertretende Vorsitzende Ulrike Fleischle und Kassenwartin Barbara Krämer weitermachen. Dazu gesellten sich weitere Engagierte. Deswegen habe es »mehrere Treffen gegeben, die ohne mich stattgefunden haben«, freut sich Ex-Vorstand Hans Hubert Krämer, »denn die sollen sich frei unterhalten«. Noch ist so einiges in der Schwebe, »schwierig zu sagen, wer das Heft in die Hand nehmen wird«, meint Neubrander. Gewiss ist laut Krämer jedoch, dass der neue Vorstand im Gegensatz zu den für die Ewigkeit gebauten Maschinen nicht grenzenlos Zeit hat.
»Ich bin im Moment noch im Hintergrund tätig, muss eine neue Vereinsstruktur aber irgendwann feststellen können«, winkt er freundlich mit dem Kalender. Denn laut Satzung muss der Vorstand bald wieder vollständig sein, »sonst ist die Gemeinnützigkeit gefährdet«. Mit dem ihm eigenen Lachen sagt Krämer: »Ich will bis Ostern wissen, welche Eier gelegt sind«.
Solche Perspektiven erfreuen Marisse Hartmut, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stadt seit Jahren das Industriemagazin gemeinsam mit zahlreichen Ehrenamtlichen zu einem beeindruckenden Ort gemacht hat. »Es ist immer gut, wenn es außer uns in der Stadt noch eine Stimme gibt, die sich für das Industriemuseum einsetzt«, sagt sie.
Übrigens sind Gegenwart und Zukunft des Magazins vollkommen unabhängig vom Förderverein. Die städtische Einrichtung bleibt in jedem Fall so stabil wie die Gleitlager der mechanischen Wunderwerke aus Reutlinger Produktion, die hier zusammen winzigen Strickpullovern oder handgefertigten Dampfmaschinen zu sehen sind.
»Die macht 560 Nägel pro Minute«
Neu im Bestand ist das automatisch funktionierende Modell einer ab etwa 1925 von Wafios gebauten Drahtstiftpresse – das Original wäre also in diesem Jahr 100 Jahre alt. Die Stiftpresse wurde auf Modellgröße herunterskaliert und detailgetreu von den Auszubildenden in der Lehrwerkstatt von Wafios in den 1960er- Jahren gebaut. Jetzt steht sie als Spende des Unternehmens im Magazin.
Es ist ein Glücksfall für alle Besucher, wenn Werner Neubrander dieses Modell vorführt. 45 Jahre lang hat er bei Wafios gearbeitet, kennt jede Schraube und Mutter am Modell. »Die macht 560 Nägel pro Minute« erklärt er. Wozu so ein aufwendiges Modell? »Wo Lärm ist, entsteht auf Messen eine Menschentraube«, verrät er aus der Erfahrung eines Weltreisenden, der rund um den Globus genau solche und andere Maschinen aus Reutlingen verkauft hat. (GEA)



