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Erinnerungen an jüdisches Leben in Reutlingen und die Pogromnacht

Rainer Krimmel erzählt in Stadtführungen von jüdischem Leben in Reutlingen. Zum Gedenken an die Pogromnacht am 9. November 1938 haben sich auch Schüler des Kepler-Gymnasiums intensiv mit dem Thema beschäftigt: über Biografien von Teenagern, die unter NS-Terror litten.

Diese Gedenktafel im  Heimatmuseumsgarten erinnert an die in Vernichtungslagern ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürge
Diese Gedenktafel im Heimatmuseumsgarten erinnert an die in Vernichtungslagern ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Reutlingen. Nach der Gedenkstunde an die Pogromnacht vor 87 Jahren ziehen die Teilnehmer auch am 9. November 2025 wieder mit Kerzen dorthin. Foto: Frank Pieth
Diese Gedenktafel im Heimatmuseumsgarten erinnert an die in Vernichtungslagern ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Reutlingen. Nach der Gedenkstunde an die Pogromnacht vor 87 Jahren ziehen die Teilnehmer auch am 9. November 2025 wieder mit Kerzen dorthin.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Es gab Juden in Reutlingen. So heißt nicht nur ein Buch. Von ihnen erzählt auch Rainer Krimmel in seinen Stadtführungen. Davon, wie NS-Handlanger das Schuhgeschäft von Heinrich Rosenrauch in der Wilhelmstraße 31 in der Pogromnacht 1938 verwüstet haben - für viele Reutlinger unübersehbar, da die Schuhe am 10. November bis auf die Straßenbahnschienen verstreut waren.

Und er führt Interessierte zu einem stattlichen Haus, das einst seiner Familie gehörte: Die hatte die Metzgerstraße 67 an die jüdische Großfamilie von Rafael Singer verkauft. Singers Sohn Berthold, der dort 1866 geboren wurde, war später ein angesehener Jurist - musste 1939 jedoch zu seinem Sohn Arthur nach Lissabon fliehen und ist dort im November 1942 gestorben. »Wahrscheinlich beim Versuch, zu seinem zweiten Sohn Rudolf nach Amerika zu entkommen«, sagt Krimmel.

Das Haus in der Metzgerstraße 67 in Reutlingen gehörte einst Vorfahren von Stadtführer Rainer Krimmel. Die verkauften es an eine
Das Haus in der Metzgerstraße 67 in Reutlingen gehörte einst Vorfahren von Stadtführer Rainer Krimmel. Die verkauften es an eine jüdische Großfamilie, die in der NS-Zeit zur Flucht gezwungen wurde. Foto: Claudia Reicherter
Das Haus in der Metzgerstraße 67 in Reutlingen gehörte einst Vorfahren von Stadtführer Rainer Krimmel. Die verkauften es an eine jüdische Großfamilie, die in der NS-Zeit zur Flucht gezwungen wurde.
Foto: Claudia Reicherter

Vor dem Modehaus Zinser am Marktplatz berichtet der Stadtführer zum Thema »Jüdisches Leben in Reutlingen« von Samuel Kahn, der 1911 das Kaufhaus neben der Kachelschen Apotheke erworben und mit Schwiegersohn Siegfried Stern zum Erfolg geführt hatte. Von Neidern wurde er der »Rassenschande« mit einer arischen Angestellten beschuldigt und musste 1937 das gutgehende Geschäft weit unter Wert verkaufen. An SA-Obersturmführer Walter Törber. Krimmel betont, dass das spätere Modehaus Haux damit nichts zu tun hatte, denn das Haus war im Bombenhagel 1945 zerstört worden. Den Familien Kahn und Stern gelang die Flucht in die USA - wo sie aufgrund horrender »Reichsfluchtsteuern« und »Judenvermögensabgaben« völlig verarmt ankamen: »Die haben nicht a bissle was abgeben müssen, nein, die sind beraubt worden!«, erklärt der 78-Jährige.

Rosenrauch war schon 1935 ausgewandert, nach Palästina. Doch seiner Mutter zuliebe kehrte der Schuhhändler nach Reutlingen zurück. Die Konzentrationslager in Dachau und später Litauen, in die er und seine Frau nach der Pogromnacht deportiert wurden, hat er bis 1945 als einer von ganz wenigen überlebt. Knapp überlebt.

Rainer Krimmel klärt Geschichtsinteressierte über die Wurzeln von Antisemitismus in Reutlingen auf.
Rainer Krimmel klärt Geschichtsinteressierte über die Wurzeln von Antisemitismus in Reutlingen auf. Foto: Claudia Reicherter
Rainer Krimmel klärt Geschichtsinteressierte über die Wurzeln von Antisemitismus in Reutlingen auf.
Foto: Claudia Reicherter

Obwohl der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Reutlingen bereits 1930 mit rund 120 Personen angesichts einer Einwohnerzahl von 30.000 »verschwindend gering war«, wurden Bürger mit jüdischem Hintergrund durch die Novemberpogrome der nationalsozialistischen Diktatur so gut wie ausgelöscht. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 läutete eine weitere Stufe der Unterdrückung auf dem Weg in den Holocaust ein, durch den letztlich mehr als sechs Millionen jüdische Menschen getötet wurden. Da sich diese Nacht nun zum 87. Mal jährt, haben sich auch Schüler des Reutlinger Johannes-Kepler-Gymnasiums intensiv mit dem Thema beschäftigt.

»Die haben nicht a bissle was abgeben müssen, nein, die sind beraubt worden!«

Denn auch wenn dieses Jahr kein rundes Jubiläum ansteht, wird der Pogromnacht mit einer Gedenkstunde in der Marienkirche gedacht. Die gestaltet jedes Jahr eine andere Reutlinger Schule. Seit Pfingsten schon haben dies die Kepi-Religions- und -Geschichtslehrer Uta Hauf und Christoph Piening mit je drei Schülerinnen und Schülern der 7. beziehungsweise heute 8. sowie der 10. beziehungsweise 11. Klassenstufe vorbereitet. Zum diesjährigen Motto »Über Leben reden« entstand die Idee: Heutige Schüler erzählen von damaligen Teenagern. Mit dem Ziel, die vielfältigen Gräuel, die über sie damals hereinbrachen, greifbar zu machen.

Bei der Recherche in Biografien jüdischer Bürger, die zur Zeit des Nazi-Terrors in Reutlingen gelebt haben, half ihnen Stadtarchivar Dr. Roland Deigendesch. Dabei stießen Pauline Böbel, Antonia Dullstein, Elia Häußermann, Raphael Godot, Iva Maric und Anja Rück auf Martha Spiro und Friedrich Haarburger. Deren Schicksale werden sie am Sonntag in einer gemeinsam erarbeiteten Power-Point-Präsentation vorstellen. Ein Problem, auf das die Schülerinnen und Schüler dabei stießen: »So schrecklich viele Fotos gibt es nicht«, berichtet Christoph Piening.

Viele Fotos aus jener Zeit gibt es nicht: In der Pogromnacht 1938 wurde das Schuhgeschäft Rosenrauch (vorne rechts) in der Reutl
Viele Fotos aus jener Zeit gibt es nicht: In der Pogromnacht 1938 wurde das Schuhgeschäft Rosenrauch (vorne rechts) in der Reutlinger Wilhelmstraße 31 verwüstet. Foto: Stadtarchiv Reutlingen
Viele Fotos aus jener Zeit gibt es nicht: In der Pogromnacht 1938 wurde das Schuhgeschäft Rosenrauch (vorne rechts) in der Reutlinger Wilhelmstraße 31 verwüstet.
Foto: Stadtarchiv Reutlingen

Bei der Vorbereitung der diesjährigen Gedenkstunde überrascht hat die Kepi-Schüler, »wie ähnlich die Menschen damals uns waren. Sie hatten Hobbys und Interessen, genau wie wir. Sie waren richtig inspirierend und nicht einfach nur Namen oder Zahlen.« Raphael Godot erstaunte zudem, »dass der Antisemitismus auch hier in Reutlingen so extrem war und dass auch so viele Menschen ihr Leben lassen mussten«.

»Viele sagen, dass wieder mehr Leute schlecht über Juden sprechen«

Den Begriff »Reichspogromnacht« und die Ereignisse, die damit verbunden sind, kannten sie zwar schon aus dem Geschichtsunterricht. »Aber durch das Projekt haben wir gemerkt, dass es nicht nur Zahlen sind, sondern echte Menschen dahinter stehen«, erklären die Acht- und Elftklässler. »Das hat uns die Geschichte näher gebracht.«

Hauf und Piening behandeln die NS-Zeit normalerweise in Klasse 9. Seit dem Hamas-Überfall auf vorrangig junge Menschen in Israel werde auch jener Terrorakt am 7. Oktober 2023 im Geschichtsunterricht thematisiert, erklärt Piening. Und zwar ab der 6. Klasse. »Wir merken, dass seit dem Angriff mehr über Antisemitismus gesprochen wird. Viele sagen, dass wieder mehr Leute schlecht über Juden sprechen«, berichten die Jugendlichen. Der deutsche Verfassungsschutz stellt aktuell wieder eine zunehmende Hass- und Gewaltbereitschaft gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland fest. Selbst wenn sich der zunehmende Antisemitismus eher gegen das Land Israel richtet, wie Raphael meint, so leben in diesem Land jüdische Bürger. Umso wichtiger finden es die Reutlinger Schüler, »weiter daran zu erinnern und dagegen zu arbeiten«. Als Empfänger der Kollekte bei der Gedenkstunde zur Pogromnacht in der Marienkirche wählten sie »Meet a Jew«, ein Projekt des Zentralrats der Juden. (GEA)

Seit 1988 wird der Pogromnacht am 9. November 1938 in der Marienkirche gedacht - gestaltet von Reutlinger Schulen und musikalisc
Seit 1988 wird der Pogromnacht am 9. November 1938 in der Marienkirche gedacht - gestaltet von Reutlinger Schulen und musikalisch umrahmt. Foto: Markus Niethammer
Seit 1988 wird der Pogromnacht am 9. November 1938 in der Marienkirche gedacht - gestaltet von Reutlinger Schulen und musikalisch umrahmt.
Foto: Markus Niethammer

Gedenken in der Marienkirche

Unter dem Titel »Über Leben reden« laden am Sonntag, 9. November, ab 18.30 Uhr, die ökumenische Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), die Stadt Reutlingen und die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs zusammen mit dem Johannes-Kepler-Gymnasium in die Marienkirche. Musikalisch umrahmt die gemeinsame Gedenkstunde an die Pogrome vom 9. November 1938 ein Ensemble der Schule mit Marienkirchenkantor Torsten Wille.

Den Abschluss bildet ein Lichterzug zur Gedenktafel an der Außenwand des Königsbronner Hofes gegenüber der Stadtbibliothek. Dort werden Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt; ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Reutlingen spricht ein Gebet zum Gedenken an die Opfer der Shoah. (GEA)