REUTLINGEN. Morgens 7.25 Uhr, vor einer Schule in Reutlingen: Ein Auto fährt vor, blinkt rechts, hält an, eine Tür öffnet sich, heraus steigt ein Kind, das seinen Schulranzen schultert und sich auf den Weg Richtung Schule macht. Das Auto fährt weiter, aber das nächste Fahrzeug ist bereits in Sichtweite, die Szene wiederholt sich und wiederholt sich und wiederholt sich. Je näher der Schulstart rückt, desto dichter wird die Frequenz der Elterntaxis, die ihre Kinder direkt vor die Schule bringen. An diesem Morgen verläuft alles problemlos, keiner drängelt, keiner hetzt, und auch die Schüler, die zu Fuß oder mit dem Rad kommen, gelangen sicher ins Schulhaus.
Das ist leider nicht immer der Fall, wie Lehrer, Elternbeiräte und das Ordnungsamt der Stadt nur zu gut wissen. »Von Elterntaxis geht eine Gefahr aus«, sagt die Vorsitzende des Reutlinger Gesamtelternbeirates, Anne Sophie Lutz. Sie selbst wird immer wieder Zeugin brenzliger Situationen, wenn sie ihre Kinder zur Schule oder in den Kindergarten begleitet - selbstverständlich vorbildlich zu Fuß.
Gefährliche Manöver
Das wird auch vom Amt für öffentliche Ordnung so gesehen: »Beim Versuch, das eigene Kind im Auto möglichst nahe an die Schule heranzubringen, beeinträchtigen die Fahrzeuge die letzten Meter Schulweg für andere Schüler, die zu Fuß, mit dem Rad oder auch mit dem elterlichen Auto ankommen«, sagt Amtsleiter Albert Keppler. Problematisch sei dies vor allem, »da sich der ganze Verkehr auf ein sehr kleines Zeitfenster bei Schulbeginn und nach Unterrichtsende konzentriert«. Die Folge: Die Elterntaxis überlasten oft die vorhandenen Halte- und Parkmöglichkeiten in der Nähe der Schule, so Keppler. Anstatt das eigene Kind in etwas größerer Entfernung abzusetzen oder aufzunehmen, werden dann zum Teil auch verbotene und gefährliche Manöver durchgeführt.
Gründe, warum man die Kinder eben mal schnell mit dem Auto bringt, gibt es viele, wie Anne Sophie Lutz weiß. Oft seien die Eltern ohnehin auf dem Weg zur Arbeit, oder es reicht einem morgens nicht auf den Bus, bekomme man beispielsweise zu hören, wenn man bei den Chauffeuren nachfragt. Apropos Bus: Der sei in Reutlingen für Schüler recht teuer, beklagen viele Eltern - stolze 62 Euro kostet eine Schülermonatskarte und damit sogar mehr als das Deutschlandticket. Zudem seien die Busse oft völlig überfüllt. Von daher entscheiden sich einige dafür, lieber das eigene Auto zu nehmen. Hinzu komme ein »vermeintliches Sicherheitsgefühl«, wenn man die Kinder direkt vor der Türe absetzt - auch wenn man damit andere Schüler gefährde.
Mit gutem Beispiel voran
Die Problematik besteht übrigens an allen Schulen - egal ob Grund-, weiterführende oder Privat-Schule, weiß Anne Sophie Lutz. Um die Taxis einzudämmen, werden immer wieder Aktionen und Programme ins Leben gerufen. Ob der »SpoSpiTo-Bewegungs-Pass an Grundschulen«, der »Bus auf Beinen« oder die Aktion »Sicherer Schulweg« - die Namen sind unterschiedlich, die Intention ist aber immer dieselbe: die Kinder ermuntern, den Weg zur Schule selbst zu meistern - und die Eltern dazu ermutigen, ihnen dies auch zuzutrauen.
Eine Schule, die in diesen Dingen besonders aktiv ist, ist die Römerschanzschule. »Wir haben uns überlegt, mehr zu tun als zu schimpfen«, berichtet die Elternbeiratsvorsitzende Steffi Tripp. Der erste Schritt war, ein Verkehrskonzept aufzustellen, zudem wird zweimal pro Jahr eine »Laufwoche« an der Schule veranstaltet. Für jeden Schulweg, der zu Fuß zurückgelegt wird, gibt es einen Stempel und für zehn Stempel eine kleine Belohnung - sei es eine Brezel oder ein Stift oder andere gespendete Geschenke. Um die Aktionen publik zu machen, besuchen die Elternbeiräte die Elternabende und werben um Unterstützung. Bei den jüngeren Schülern fruchten solche Aktionen am besten, beobachtet Tripp immer wieder. Sie lassen sich begeistern, und wenn sich mal eine feste Laufgruppe gefunden hat, laufen sie gerne weiter zu Fuß.
Schulstraßen wären denkbar
Außerdem sorgen zusätzliche Aktionen für mehr Sicherheit: Der Elternbeirat hat beispielsweise Aufsteller besorgt, die die Autofahrer dazu bewegen, vom Gas zu gehen, und während der Projektwochen stellen sich Eltern in Warnwesten an den Zebrastreifen und sichern den Übergang. Mit all diesem Einsatz wollen sie ein Zeichen setzen, sagt Tripp, »und es bringt etwas«. Auch wenn manche unbelehrbar bleiben, eine der Problemstellen sei die Fahrradstraße Richtung Albert-Einstein-Gymnasium, die oft von Elterntaxis blockiert wird. Mit den »Taxifahrern« diskutieren? Das bringe nichts, winkt Tripp ab. Stattdessen ziehen sie lieber ihr Ding durch, sagt die engagierte Mutter. »Und wenn es nur ein paar sind, die dank unserer Aktionen nicht mit dem Auto zur Schule kommen, hat es sich schon gelohnt.«
Wie aber steht die Stadt Reutlingen zu den Überlegungen des Landes, noch aktiver zu werden, etwa indem man Schulstraßen einrichtet? »Die Stadtverwaltung hält das Instrument der Schulstraßen für eine wichtige Möglichkeit, um Problemen mit Elterntaxis zu begegnen und ist bereit, diese an geeigneter Stelle auch einzusetzen«, sagt Keppler. Geprüft wurden solche Straßen kürzlich auf Antrag der WiR-Fraktion an zwei Schulstandorten, im Bereich der Freien Georgenschule und bei der Mörikeschule. Bei der Freien Georgenschule hätte aufgrund der dortigen Verhältnisse der Verkehr entlang eines Kindergartens abgeleitet werden müssen. Das wäre in den Augen der Stadtverwaltung nur eine Problemverlagerung gewesen. Bei der Mörikeschule war bei zwei Ortsterminen der Elternverkehr so überschaubar, dass keine Maßnahmen erforderlich waren. (GEA)

