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Aktuell Lokalgeschichte

Eine Jugend in Betzingen

REUTLINGEN-BETZINGEN. Annemarie Walz, Tochter des Apothekers Gottlob Maier und seiner Frau Klara, wurde in Betzingen geboren und wuchs dort auf. Ihre Erinnerungen hat die seit 1954 in Villingen-Schwenningen lebende Autorin unter dem Titel »Echazwasser, Kartoffeln und Kunst« nun im Eigenverlag veröffentlicht.

Jugenderinnerungen aufgearbeitet: Buch und Familienfotos von Annemarie Walz.  FOTO: PR
Jugenderinnerungen aufgearbeitet: Buch und Familienfotos von Annemarie Walz. FOTO: PR
Jugenderinnerungen aufgearbeitet: Buch und Familienfotos von Annemarie Walz. FOTO: PR
In dem Buch erzählt sie, ihren Lebensstationen und wichtigen Begebenheiten folgend, überwiegend aus der Sicht der damals Jugendlichen vom Dorf- und Stadtleben in den 1930er- und 1940er-Jahren. Mit dieser kindlichen Perspektive gelingt es ihr, den Alltag im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit unpolitisch, aber mit persönlicher Betroffenheit nahe zu bringen.

Was in Erinnerung bleibt

Ihre genauen Schilderungen aus dem Alltag ihres Vaters als Inhaber der Küblerschen Apotheke oder vom Geschehen beim benachbarten Bäcker Schlotterer lassen die Lebenswelt von vor 60 bis 80 Jahren wieder auferstehen: Die handwerkliche Tradition der Berufe, die enge Verflechtung von privatem und beruflichem Alltag, der Stolz auf die Profession spiegelt sich nicht zuletzt darin, wie tief sich Details in Annemarie Walz' Gedächtnis eingegraben haben - wie der dreitürige Backofen mit der abdeckbaren Grube davor, in die der Bäcker hinabstieg, wenn er mit dem Holzschieber die Brote im unteren Bereich des Ofens »einschoss« oder wieder herausholte.

Gleicht der schnelle und kunstfertige Umgang mit dem Schieber in der Beschreibung einem Ballett, so ist der Apotheker ruhiger Herrscher über die Geheimnisse von Kräutern, Essenzen und Apparaturen. Der Vater regiert eine Welt voll rötlicher Holzschränke, metallisch leuchtender Mörser aus Messing und Kupfer, weißer Porzellangefäße und Glasflaschen.

Neben diesen Beschreibungen stehen die Schilderungen von Verwandtschaft, Freundinnen und Ereignissen, etwa der Ausflug mit Großmutter und Mutter auf den Traifelberg 1939. Der Anlass: Hermann Göring weilte dort auf Besuch, um zu jagen. Mit der Unbedarftheit der damals Zehnjährigen erzählt Annemarie Walz von dem wallfahrtsmäßigen Andrang auf der Wiese vor dem Hotel, der Begeisterung, den »Hermann, Hermann«-Rufen und seinem Anblick: »Da stand er, Reichsjägermeister und Feldmarschall, in Jägermontur.« An seinem Jagdwams war ein glockiges Schößchen angenäht, welches das Mädchen an ihr altes Dirndl erinnert. Diese witzige Ähnlichkeit prägt sich ihr ein.

Überhaupt beschreibt der Betzingerin viele ihrer Kleider, ob von der Tante aus Amerika geschickt, von der Schneiderin im Dorf genäht oder später selbst gefertigt: Es verwundert nicht, dass ihr Weg von der Reutlinger Isolde-Kurz-Oberschule auf das Technikum für Textilindustrie führt. Deutlich wird bei den Erzählungen rund um die Kleidung aber auch, welchen Wert sie damals hatte und wie viel Arbeit sie machte.

Angst am Kriegsende

Die freundschaftliche Verbundenheit mit der Hausgehilfin Frieda, die Fliegerleidenschaft des Onkels Rudolf oder Filmaufnahmen im benachbarten Tübingen 1943 bekommen ebenso ihr Kapitel wie der Ausflug der Jungmädel-Führerinnen nach Creglingen oder die Weihnachtsbastelei zugunsten des Winterhilfswerkes. Die Angst während der Bombenangriffe oder vor den Besatzungssoldaten nach Kriegsende und der Hunger werden mit der gleichen schnörkellosen Offenheit geschildert.

So führt der sehr am mündlichen Erzählen orientierte Text dem heutigen Leser die damalige Lebens- und Geisteswelt gut nachvollziehbar vor Augen. Mit der feierlichen Wiedereröffnung des Friedrich-List-Halle am 3. Juni 1949 schließt Annemarie Walz ihre Erinnerungen, und damit den Bogen in die Jetztzeit, in der die Bauarbeiten für eine neue Stadthalle schon begonnen haben.

Mehr Informationen über das Buch gibt es direkt bei Annemarie Walz, Gluckstraße 26, 78054 Villingen-Schwenningen. (GEA)