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Digitalisierung an Reutlinger Schulen: Realität oft besser als der Eindruck

Marcus Fuhrich, stellvertretender Leiter des HAP-Grieshaber-Gymnasiums in Reutlingen-Rommelsbach, ist überzeugt von der digitale
Marcus Fuhrich, stellvertretender Leiter des HAP-Grieshaber-Gymnasiums in Reutlingen-Rommelsbach, ist überzeugt von der digitalen Technik. Aus dem Rollkoffer hat er eines der zahlreichen Schülertablets hervorgeholt. Im Vordergrund ist der digitale Lehrerarbeitsplatz zu sehen und die digitale Leinwand überdeckt die alte analoge Tafel. FOTO: RITTGEROTH
Marcus Fuhrich, stellvertretender Leiter des HAP-Grieshaber-Gymnasiums in Reutlingen-Rommelsbach, ist überzeugt von der digitalen Technik. Aus dem Rollkoffer hat er eines der zahlreichen Schülertablets hervorgeholt. Im Vordergrund ist der digitale Lehrerarbeitsplatz zu sehen und die digitale Leinwand überdeckt die alte analoge Tafel. FOTO: RITTGEROTH

REUTLINGEN. Schulen gehören zu den Bereichen, die durch die Corona-Pandemie besonders betroffen waren und sind. Über Monate war an einen Regelbetrieb nicht zu denken. Seit dem Ende der Sommerferien gibt es unter Auflagen wieder Präsenzunterricht und einen breiten Konsens, dass eine neuerliche flächendeckende Schließung von Schulen unbedingt vermieden werden sollte.

Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat jetzt mit den baden-württembergischen Tageszeitungen die Bildungspolitik im Land unter die Lupe genommen. Bürgerinnen und Bürger des Bundeslandes kritisieren das Krisenmanagement an den Schulen, die Hygienekonzepte und die digitale Ausstattung. Die Ergebnisse stützen sich auf etwa 1 000 Befragungen mit einem repräsentativen Querschnitt der baden-württembergischen Bevölkerung ab 18 Jahren. Dabei sind gerade die Umfrageergebnisse zur digitalen Ausstattung und Homeschooling besonders interessant.

Umfrage (beendet)

Wie bewerten Sie die Ausstattung in Schulen mit Computern und anderen digitalen Medien?

Corona hat vielen Schulen einen Digitalisierungsschub gegeben.

16%
72%
12%

69 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre digitale Ausstattung zu Hause ausreichend sei. Werfen die Befragten ihren Blick hingegen auf die Schulen, fällt das Fazit deutlich negativer aus. Nur 34 Prozent meinen, dass die Schulen entweder »gut« oder »sehr gut« mit Computern und anderen digitalen Medien ausgestattet sind. 65 Prozent der Eltern haben zudem den Eindruck, dass sich dieser Zustand in den letzten Monaten – trotz Corona und des erforderlichen Online-Unterrichts – nicht verbessert habe.

»Es ist klar, dass es vielen Eltern immer noch zu langsam geht«

Noch schlechter beurteilen die Befragten die Digitalkompetenz der Lehrer. Nur 18 Prozent finden, dass die Lehrkräfte ausreichend ausgebildet und geschult seien. 68 Prozent wiederum sehen diesbezüglich noch reichlich Nachholbedarf. Ist an diesen ernüchternden Einschätzungen etwas dran? Der GEA hat nachgehakt:

So erklärt Roland Hocker, Direktor des staatlichen Schulamts in Tübingen: »Vom reinen Ausbildungsstand bringen die Lehrkräfte nur bedingt inhaltliche Kompetenzen für Digitales mit. Im Studium gibt es nämlich keine zusätzlichen Fächer wie Informatik«, erläutert er. Mit Lehrkräften, die Studiengänge wie Informatik studiert haben, lasse sich das notwendige Know-how aber in die Schulen hineinführen. »Außerdem sind diese Themen fester Bestandteil der Fortbildungen«, ergänzt er.

Umfrage (beendet)

Glauben Sie, dass Lehrer für den digitalen Unterricht ausreichend ausgebildet und geschult sind?

Digitaler Unterricht erfordert neue Kompetenzen von Lehrern.

10%
82%
8%

»Zufriedenheit trifft es nicht«, bilanziert Hocker über die bisherigen, aus Corona resultierenden Ergebnisse im Schulwesen. Die Situation sei für alle Beteiligten eher belastend. Der Schulamtsdirektor beschreibt es so: »Unsere Schulen kommen in eine Situation, bei der jeder mit Ansprüchen kommt und diese sollen jetzt mehr oder weniger die Eier legende Wollmilchsau spielen. Damit überfordern wir die Schulen«.

Positiver bewertet der Vorsitzende des Reutlinger Gesamtelternbeirates, Thomas Kuchelmeister die Entwicklung: »Reutlingen ist in Sachen Digitalisierung mit seinen Schulen auf einem guten Weg und Corona hat diese Entwicklung beschleunigt.« Zu den Umfrageergebnissen, wonach sich eine deutliche Mehrheit noch viel Nachholbedarf bei digitaler Technik und Kompetenz der Lehrer sieht, kommentiert er so: »Es ist klar, dass es vielen Eltern immer noch zu langsam geht.« Er habe aber den Eindruck, dass dies nicht durchgehend für alle Lehrer gelte. Es gebe sehr viele engagierte Lehrkräfte in Reutlingen, die digital wirklich fit seien.

Umfrage (beendet)

Hat Homeschooling bei Ihnen gut funktioniert?

Die Phase, in der die Schulen geschlossen waren, hat vielen Eltern noch einmal die Bedeutung eines funktionierenden Regelbetriebs vor Augen geführt.

35%
47%
18%

Thomas Kuchelmeister bewertete im Gespräch mit dem GEA die Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik positiv. Die Reutlinger Klassenzimmer bekämen sukzessive immer mehr Digitaltechnik, »Das geht von digitalen Tafeln über Tablets bis hin zu Dienstrechner für die Lehrer«, so Kuchelmeister. Die Stadtverwaltung als Schulträger unterstütze diese Entwicklung aktiv.

Gleichzeitig müsse die Fortbildung der Lehrer weiter verbessert werden. Das betreffe sowohl die Kompetenz im Umgang mit den Geräten, als auch die Fähigkeit die Technik für digitale Unterrichtsformen einzusetzen. Er sieht die oberen Schulbehörden und das Kultusministerium in der Pflicht, dies alles zu unterstützen. Letzteres müsse auch die professionelle Wartung und die technische Unterstützung für Technik und Geräte sicherstellen. Außerdem müsse die Landesregierung den weiter bestehenden Lehrermangel beseitigen.

In ziemlichem Gegensatz zu den Umfrageergebnissen zeigt sich die Entwicklung beim Reutlinger HAP-Grießhaber-Gymnasium. Mit Blick auf die Digitalisierung an seiner Schule sagt Marcus Fuhrich, der stellvertretender Schulleiter, mehrfach den Satz: »Corona hat die ganze Entwicklung mächtig beschleunigt.« So bekommt das Gymnasium nach seinen Worten unter anderen noch 160 zusätzliche Tablets für die Schüler- und Lehrerschaft. Rund 100 sind bereits im Bestand der Schule.

In den letzten Monaten habe sein Gymnasium zusammen mit der Stadtverwaltung einen sogenannten Medienentwicklungsplan erarbeitet, der dazu geführt habe, dass die Schule die entsprechenden Geräte finanziert bekommen habe – auch mit Mitteln aus dem sogenannten Digitalisierungspakt für Schulen des Bundes.

Für Fuhrich ist die Digitalisierung nicht mehr aus Schule und Unterricht wegzudenken. »Wir haben hier den Anspruch, dass jede Schülerin und jeder Schüler über ein Tablet verfügen muss – und wenn sie kein eigenes haben oder sich leisten können, dann wird ein Gerät gestellt.« Etwa 90 der rund 780 Schüler hätten den Antrag auf ein solches Gerät gestellt. »Das bekommen sie dann für ein Jahr ausgeliehen«, erklärt Fuhrich.

»Nach den Herbstferien geht es richtig los«

Für ihn scheint der Anspruch, dass alle an seiner Schule ein Tablet erhalten sollen, nahezu erfüllt zu sein: »Nach den Herbstferien geht es richtig los«, sagt er und er scheint sich darauf zu freuen.

In diesem Zusammenhang lobt er die Stadtverwaltung Reutlingen, die bereits eine Initiative auf den Weg gebracht habe, dass dies für alle Schulen umgesetzt werden soll: »Eine entsprechende Gemeinderatsvorlage gibt es bereits dazu«, weiß Marcus Fuhrich. Auch diese Entwicklung habe Corona beschleunigt. Für ihn geht es aber um mehr: »Die Ausstattung mit der digitalen Hardware ist das eine, das andere ist, dass die Digitalisierung selbstverständlicher Bestandteil des Unterrichts werden muss«, so der stellvertretende Schulleiter.

Die Technik helfe ungemein bei der individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler. Er erklärt es an einem Beispiel: "Wenn die Klasse eine Aufgabe auf dem Tablet zu lösen hat, kann ich über die entsprechende App auf meinem Gerät erkennen, wer es richtig macht und wer noch Schwierigkeiten bei der Lösung hat.

Dann kann ich mich um diejenigen mit Schwierigkeiten kümmern und es ihnen noch mal erklären. Es gebe eine Vielzahl von Apps, mit der so im Unterricht gearbeitet werden könne. Seine Kollegen hätten sich in Technik und Programme eingearbeitet, Fort- und Weiterbildung betrieben. Marcus Fuhrich lässt auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Schule nach den Ferien unbedingt mit dem Präsenzunterricht weitermachen will. Das würden Lehrer auch Schüler auch so sehen. Einen Lockdown wie im Frühjahr wolle eigentlich niemand mehr erleben. Schule lebe von dem gemeinsamen Interagieren und vom persönlichen Erleben. Sollte es dennoch zu erneuten Schulschließungen kommen, seien am HAP Grieshaber Gymnasium alle besser als im Frühling vorbereitet auf ein erneutes Homeschooling. (GEA)