REUTLINGEN. Vor 300 Jahren, genauer am 23. September 1726, brannte es in Reutlingen. Vier Fünftel der Stadt wurden bei diesem verheerenden Großbrand vernichtet. Nun, im »Jubiläumsjahr« des Stadtbrands, brennt es wieder - und zwar finanziell. Steigende Pflichtausgaben, stagnierende Einnahmen, zu wenig Unterstützung von Land und Bund: Die kommunale Finanzkrise hat Reutlingen fest im Griff. Auf beide Brände, den historischen und den finanziellen, ging Oberbürgermeister Thomas Keck in seiner Rede beim traditionellen Neujahrsempfang am Dreikönigstag in der Stadthalle ein.
Rückblick. Wie repariert man ein Loch von 50 Millionen Euro im Haushalt? Diese Frage hat OB Keck, Finanzbürgermeister Roland Wintzen und vielen Verwaltungsmitarbeitern vor allem im Herbst Kopfzerbrechen bereitet. Im Dezember konnte die Verwaltungsspitze dem Gemeinderat dann einen Haushaltsentwurf für 2026/27 vorlegen, der es in sich hat. Schließung von Stadtteilbibliotheken, Reduzierung des Busangebots, Abbau von rund 250 Stellen im Rathaus, und so weiter: Die von der Verwaltung vorgeschlagenenen Sparmaßnahmen dürften noch für einige Diskussionen sorgen, bevor der Haushalt dann vermutlich im März 2026 beschlossen wird. »Und so manche Einsparmaßnahme wird sich auch in Ihrem Alltag bemerkbar machen, liebe Reutlinger«, so OB Keck. Vor allem der Personalabbau werde den Servicestandard für die Bürger senken.
»Manche Einsparmaßnahme wird sich auch in Ihrem Alltag bemerkbar machen«
Doch es gab auch Höhepunkte im vergangenen Jahr: Als »Sternstunde der Kommunalpolitik« bezeichnete der OB die Entscheidung des Gemeinderats für die Gartenstraße als Innenstadt-Trasse der Regional-Stadtbahn. Ein Highlight auch für Baubürgermeisterin Angela Weiskopf: "Stadtbahn, Windkraft: Es ist uns gelungen, diese komplexen Themen so transparent aufzuarbeiten, dass der Gemeinderat eine gute Entscheidungsgrundlage hatte. Das hat man dann auch an den sehr qualifizierten Debatten gemerkt." Was OB Keck besonders freut: Auf dem Weg zur Bundesgartenschau 2039 sei man "einen großen Schritt weitergekommen". Die Landesregierung habe die Reutlinger Pläne "wohlwollend zur Kenntnis genommen und volle finanzielle Unterstützung zugesichert".

Ausblick. »Jahrelang ist unser Wohnungsbau dahingedümpelt, jetzt holen wir nachhaltig auf«: So präsentierte der OB den Zuhörern in der Stadthalle mehrere Bau-Projekte, die im laufenden Jahr begonnen oder fertig gestellt werden sollen. Orschel-Hagen Süd ist nach jahrelangem Stillstand wieder in Bewegung gekommen, die Grundsteinlegung für die Schieferterrassen sei fürs zweite Quartal 2026 geplant, im dritten Quartal sollen dann 40 Wohnungen auf dem Egelhaaf-Areal bezugsfertig sein. Dieser neue Schwung im Reutlinger Wohnungbau sei vor allem auf die von ihm und dem Aufsichtsrat initiierte »Neuausrichtung« der GWG zurückzuführen, so Keck. Da sich der Gemeinderat nun für die Stadtbahn-Trassenführung auf Reutlinger Gemarkung entschieden hat, können bestimmte, bisher geblockte Areale weitergedacht und -entwickelt werden, beispielsweise das Postareal oder der Bahnhofsbereich. Darauf freut sich Baubürgermeisterin Angela Weiskopf.
»Machbares machbar machen«, das ist die Prämisse von Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn fürs kommende Jahr. Das Sondervermögen des Bundes, das vermutlich in großen Teilen auch für Schulsanierungen eingesetzt wird, dürfe man »nicht kleinreden« - aber es sei »auch nicht die Lösung für den Sanierungsstau« in den städtischen Bildungseinrichtungen. Die Schulen weiterhin adäquat (räumlich) auszustatten, bleibe auch 2026 eine der größten Herausforderungen. Mit Spannung dürfte er auf März blicken. Dann wird sich der Gemeinderat zum ersten Mal zum Schulsanierungsplan der Stadt positionieren. Die Verwaltung schlägt vor, eine Tochtergesellschaft zu gründen, an welche man die städtischen Schulen verkaufen kann - um sie auf diese Weise schneller sanieren zu können.

Spannend wird auch, wie es mit dem im Bürgerpark geplanten Stadthallen-Hotel weitergeht. Die erneut verlängerte Frist für Investor Wolfgang Scheidtweiler - die 10. Frist nun - läuft noch bis 30. Juni 2026. Dann muss er der Stadt eine Finanzierungszusage der Banken vorlegen. »Es laufen Gespräche« - mehr konnte Baubürgermeisterin Weiskopf auf GEA-Anfrage dazu nicht sagen.
Gäste und Umrahmung. Mehr als 1.000 Gäste waren zum Bürgerempfang gekommen, darunter die (Nachbar-)Bürgermeister aus Metzingen, Pfullingen, Tübingen und Kirchentellinsfurt, Vertreter zahlreicher Vereine, des Handwerks und der Industrie, der Blaulichtsorganisationen, Gemeinderäte, Landes- wie Bundespolitiker. Die Familie Berger, die wie immer das Gebäck für den Empfang gespendet hatte, wurde mit großem Applaus bedacht, Musiker der Württembergischen Philharmonie und Aista Djavadi umrahmten den Empfang. (GEA)


