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Diese Reutlingerin trainiert mit 85 weiter Schwimmer

Elli Wolf hat die Schwimmabteilung der TSG Reutlingen mit aufgebaut und trainiert heute noch Hobbyschwimmer

Trainiert immer noch sich selbst und andere: Elli Wolf.  FOTO: JENATSCHKE
Trainiert immer noch sich selbst und andere: Elli Wolf. Foto: Sigrid Jenatschke
Trainiert immer noch sich selbst und andere: Elli Wolf.
Foto: Sigrid Jenatschke

REUTLINGEN. Dass sie einmal Jugendliche für Olympia trainieren und künftige Europa- und Weltmeisterschaftsteilnehmer ausbilden würde, hätte Elli Wolf sich nicht träumen lassen, als sie 1962 nach Reutlingen kam und mit ihrem Mann Manfred in einen Schwimmverein eintrat. Da sie mit dem Niveau beim SSV Reutlingen nicht mithalten konnten, fingen Elli Wolf und ihr Mann an, bei der TSG zu schwimmen. Da wiederum kritisierte ihr Mann, dass der Unterricht kein richtiges Training mit Stilkontrolle sei, sondern eher Schwimmen zum Spaß. »Als er zum wiederholten Mal gemeckert hatte, hieß es: «Mach du es doch, wenn du es besser kannst.» So sind wir da reingerutscht«, erinnert sich die heute 85-Jährige.

Mit vier Jugendlichen der DLRG Pfullingen baute das Ehepaar eine Schwimmgruppe auf. »Da war zum Beispiel Bärbel Hafendörfer, eine brillante Kraulerin, die schon zu deutschen Jugendmeisterschaften gehen konnte. Kurz darauf kamen Zwillingsschwestern dazu mit ihren drei Brüdern«, erinnert sich Wolf. Nach und nach integrierte das Ehepaar auch Reutlinger, unter anderem die eigene Tochter. »Der SSV konnte mit seinem alten Stamm glänzen, hat aber vergessen, von unten aufzubauen. Bei der TSG Reutlingen dagegen hatten wir einen guten Grundstock an tollen Jugendlichen – die auch Württembergische Mannschaftsmeister geworden sind.«

»Die wollen! Wir baden nicht nur just for fun«

So ging es Jahrzehnte weiter, berichtet Wolf. Sie baute den Grundstock auf, später wechselten die Jugendlichen in die Leistungsgruppe ihres Mannes. Mit Stolz kann die Schwimmerin sagen, dass auch die bekannten Schmollinger-Zwillinge Daniel (Kraul) und Patrick (Brust) zu ihren Schützlingen zählten. »Das war richtig ästhetisch, wie die geschwommen sind. Und sie sind beide ganz groß raus gekommen« – Patrick Schmollinger schwamm aufgrund seiner Doppelnationalität unter anderem für die Österreichische Nationalmannschaft und nahm an Olympia teil.

Elli Wolf war lange als Jugendwartin im württembergischen Schwimmverband tätig sowie 1978 bei den Weltmeisterschaften in Berlin, war für das Kadertraining in Tailfingen zuständig und betreute Jugendliche vom deutschen Schwimmverband bei den Olympischen Spielen 1972, wo ihr Mann als Kampfrichter eingesetzt war. Und natürlich ist die Sportlerin auch selber aktiv bei Baden-Württembergischen Meisterschaften mitgeschwommen.

»Ich muss mir nichts mehr beweisen«

Bis zum Alter von 70 Jahren nahm sie an deutschen Meisterschaften teil. Bei den Süddeutschen Meisterschaften 2024 in Stuttgart hätte sie für die TSG Reutlingen wieder schwimmen sollen. »Ich hätte noch gut mithalten können«, meint die 85-Jährige. »Aber ich werde schnell nervös und muss mir nichts mehr beweisen. Das wollte ich mir nicht antun.« Durch die Schwimmerei stieg Elli Wolf auch ins Geschäft mit Schwimmsportartikeln ein und eröffnete »ein kleines bescheidenes Schwimmlädle« in der Alteburgstraße, wo man von Bademützen und Flossen über Bade- und Trainingsanzüge bis zu T-Shirts mit Vereinsaufdruck alles bekommen konnte, was zum Schwimmsport gehört. Wolf schloss Verträge mit großen Vereinen ab und konnte für Firmen wie Arena und Speedo als Repräsentantin zu Europameisterschaften gehen. Auch spezielle Schwimmleinen für Schwimmbäder hatte Wolf im Sortiment, die ihr Mann entwickelt und patentiert hatte. »Beim Startsprung drehen sie sich leicht und beruhigen dadurch das Wasser wieder, sodass die Schwimmer beim Wettkampf in relativ ruhiges Wasser reinschwimmen.« Mit 70 Jahren hatte die passionierte Schwimmerin ihren Laden dann aber aufgegeben.

Mit dem Schwimmen selbst ist es für die 85-Jährige aber noch nicht vorbei. Jugendgruppen trainiert sie schon eine ganze Weile nicht mehr, dafür jeden Dienstag ihre »Senioren«, die Hobbygruppe 5 – im Schwimmsport gilt man bereits ab 20 Jahren als Senior beziehungsweise Masters-Schwimmer.

In Wolfs Gruppe schwimmen ehemalige Leistungsschwimmerinnen, Mütter von ehemaligen Profischwimmern, aber auch bis zu 90-jährige Hobbyschwimmer. Für jede Einheit hat Wolf einen Trainingsplan, um Ausdauer und Technik der Teilnehmer zu verbessern. Die Masters sollten die Schwimmarten Kraul, Brust und Rücken sehr gut beherrschen und in einer Stunde mindestens 2.000 Meter schwimmen können.

Wolf weiß von ihrer Gruppe: »Die wollen! Wir baden nicht nur just for fun. Da ist schon Dampf dahinter.« Noch trainiert die Seniorin selbst, nach und nach soll aber ihr Sohn die Gruppe übernehmen. (GEA)

ZUR PERSON: ELLI UND MANFRED WOLF

Elli Wolf stammt aus Karlsruhe. Sie hat kaufmännische Angestellte gelernt mit Schwerpunkt Buchhaltung. Manfred Wolf war ursprünglich Holzingenieur, er hatte in Rosenheim studiert. Beide waren schon in jungen Jahren leidenschaftliche Schwimmer. »Wir haben uns 1959 beim Schwimmerball nach einem Wettkampf in Weingarten kennengelernt«, erinnert sich Elli Wolf. »Ich hatte am Rand Rock ’n’ Roll getanzt, er hat mich aufgefordert.« Eine Woche später trafen sich die beiden in einer Tanzschule und tanzten weitere acht Wochen später das erste Turnier. »Wir hatten das Pech, dass wir beide relativ klein sind. Damals gab es noch keine Differenzierung zwischen Standard und Latein, sodass wir bei Tänzen wie Slowfox und langsamer Walzer als kleines Paar hoffnungslos verloren waren.« Auch heute tanzt Elli Wolf noch viel: Sie geht regelmäßig zum Line Dance beim Reutlinger Tanzsportclub Schwarz-Weiß und ist mindestens einmal die Woche beim Seniorentanz. (jen)