REUTLINGEN. Der Wald: Erholungsgebiet. Lebensraum. Jagdrevier. Sauerstoffproduzent. Energiespeicher. Und Wirtschaftsfläche. Der Wald hat viele Funktionen, auch solche, die sich auf den ersten Blick nicht aufdrängen. Das machten Mitarbeiter der Forstbehörde am Dienstag beim Waldumgang mit Gemeinderat und Stadtverwaltung anschaulich. Und sie zeigten: Der Reutlinger Wald ist, was die Herausforderungen durch die klimatischen Veränderungen anbelangt, recht gut aufgestellt.
»So verändern sich die Wälder im Laufe der Zeit«
Der letzte Ausflug des Gremiums in den städtischen Forstbezirk war Jahre her. Entsprechend groß war der Bahnhof, den die Hüter des Waldes den kommunalpolitischen Entscheidern bereiteten: Michael Herb, der Leiter des Forstbezirks Nord, der Reutlinger Revierleiter Thomas Vorwerk und sein Gönninger Kollege Georg Baumbusch sowie ein Dutzend Waldarbeiter gaben Einblicke in ihre komplexe Arbeit. Mit einem Reisebus fuhren die Besucher hinter Oferdingen über den Neckar und auf der anderen Seite unter Brückengiganten hoch zu einem Stück Wald – Distrikt 32 (Dürrenberg) –, das für den Ortsunkundigen nur schwer als Reutlinger Gemarkung zu identifizieren ist.
Kaum zu glauben, dass das Gelände einmal einer Parklandschaft geglichen hat: Im 18. Jahrhundert war der Holzbedarf in Europa so groß, dass nicht nur hier der Wald großflächig abgeholzt wurde. »Danach wurde wieder neu eingesät«, erklärte Michael Herb. Ohne Bewuchs verliere der Boden an Qualität, doch jetzt, mehr als 200 Jahre später, habe er sich wieder ganz gut erholt. Und mit ihm der Baumbestand. »So verändern sich Wälder im Laufe der Zeit.«
Das lässt hoffen für die großen Herausforderungen, die der Klimawandel für den Forst bedeutet. Insgesamt zeichne sich der Reutlinger Wald auf seinen 2 000 Hektar Fläche durch eine gesunde Mischung der Baumarten und hohe Standortvielfalt aus. Ein relativ saurer Boden wie am Dürrenberg begünstige andere Baumarten als der sonst in der Region eher vorherrschende kalkhaltige Boden.
»Klimawandel und Waldschäden sind ein Riesenthema«
Laubholz überwiegt, macht 82 Prozent des Stadtwalds aus. Neben Buchen spielen Eichen und derzeit noch Eschen, Fichten und Kiefern größere Rollen. Beim Bestreben, langfristig einen klimastabilen Wald zu schaffen, ist die Artenvielfalt und ihre Zusammensetzung entscheidend. »Klimawandel und Waldschäden sind ein Riesenthema und wir suchen nach einer Antwort«, sagte Michael Herp.
Die vergangenen Jahre waren durch lange Trockenperioden und warme Winter geprägt. Von einem »hohen Stress für den Wald« sprach Thomas Vorwerk. Die oberen Kronen sterben ab, und die Bäume bilden Ersatzkronen weiter unten, schilderte er die Folgen. Die Bäume tragen auffallend häufig Früchte, als böten sie noch mal alle Kräfte auf, um sich zu reproduzieren, bevor es zu spät ist. Einzelne Bäume sterben bereits ab, ihre Leichen begünstigen die Vermehrung von Insekten wie dem Borkenkäfer. Für die Fichte sieht Vorwerk kaum eine Zukunft: »Auf die Dauer wird sie wegsterben.« Zu wenig Wasser kriegt sie übers Jahr, und die Winter seien nicht mehr kalt genug, um den Insektenbefall zu regulieren.

Hinzu kommen andere menschengemachte Faktoren. Die Globalisierung zum Beispiel. Ein über den weltweiten Handel eingeschleppter Pilz macht den Eschen den Garaus. Europaweit. Dagegen sei kein Kraut gewachsen. Oder kann sich die Natur vielleicht selbst helfen? Ein Versuch ist es für die Förster Wert: Eschen, die stabil erscheinen, werden stehen gelassen, in der Hoffnung, dass sie resistent sind gegen den Pilz. Und so womöglich eine neue, gesunde Generation heranwächst. Ansonsten herrscht zurzeit eher die Frage vor, wie lange man zuwarten sollte mit dem Einschlag der Eschen. Damit herabstürzende Äste nicht zur Gefahr werden für Waldarbeiter und Spaziergänger. Dabei war die Esche eine wichtige Baumart: Ihr langfaseriges Holz wird etwa für Werkzeugstiele benutzt oder ganz vielseitig im Möbelbau.
Zum Glück kennen die Mitarbeiter des Kreisforstamts – die Stadt Reutlingen hat einen Dienstleistungsvertrag mit der Kreisbehörde – jeden einzelnen Baum. Zumindest scheint es so beim Waldumgang. Welcher Baum langfristig stehen bleibt, welcher in die Höhe wachsen soll, welcher Platz schaffen muss, um Licht hereinzulassen, und welcher bleibt, um den »Leistungsträgern« Stabilität zu verschaffen – das entscheiden die Mitarbeiter des Forsts im Einzelfall vor Ort.
Es werde viel investiert in die Pflege des Mischwalds, um eine Harmonie herzustellen zwischen Nützen und Schützen, erklärte Michael Herb. Der Einschlag von rund 11 000 Festmetern im Jahr bleibt hinter dem Zuwachs zurück. Gewinne muss der Stadtwald nicht einfahren, ist seine Hauptfunktion – so will es der Gemeinderat – doch die des Naherholungsraums. Die Pflege von Erholungseinrichtungen, die Müllbeseitigung, der Wegebau für Spaziergänger und Radfahrer und die Ausbildung des Nachwuchses – all das kostet. Jährlich schießt die Stadt 200 000 bis 400 000 Euro zu.
»Wir greifen regelnd ein und arbeiten mit der und nicht gegen die Natur«
Um den Wald an die sich rasant verändernden klimatischen Bedingungen anzupassen, wird es Jahrzehnte dauern. Auch um das wieder aufzubauen, was Orkan Lothar am zweiten Weihnachtstag 1999 innerhalb von Minuten hinwegfegte. Wer offenen Auges durch den Wald spaziert, wird viele Stellen entdecken, an denen die Bäume erst rund 20 Jahre alt sind. Öfter fiel beim Waldumgang der Begriff "naturnaher Waldbau". »Wir greifen regelnd ein und arbeiten mit der und nicht gegen die Natur«, erklärte Herb. Vereinfacht gesagt: Dort, wo Altbäume gefällt werden, entstehen Lichtschächte, in denen sich die Bäume selbst aussäen und ausbreiten. Anderswo werden gezielt ganz neue Baumarten angesiedelt: die Douglasie etwa, die den saueren Boden am Dürrenberg mag. Oder die Zeder. Auch sie sind "Hoffnungsträger". (GEA)

