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Der Reutlinger Listplatz: Mehr Brennpunkt als Treffpunkt

Der Reutlinger Listplatz hat zweifellos schon bessere Tage erlebt. Darum sollte er - so die Meinung etlicher Bürger - dringend aufgewertet werden. Etwa durch saisonale Außengastronomie, Open-Air-Konzerte oder Sportangebote wie Tai Chi und Qi Gong. Solchermaßen »bespielt«, würde er nach Meinung von Einheimischen und Reisenden einen sozialen Kontrapunkt zur Obdachlosen- und Drogenszene setzen, die immer wieder für negative Schlagzeilen sorgt. Stimmen und Stimmungen beim GEA-Lokaltermin.

Aus der Vogelperspektive betrachtet wirkt der Listplatz wie ein grünes Idyll.
Aus der Vogelperspektive betrachtet wirkt der Listplatz wie ein grünes Idyll. Foto: Frank Pieth
Aus der Vogelperspektive betrachtet wirkt der Listplatz wie ein grünes Idyll.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Reutlingens Listplatz, das grüne Entree des Bahnhofs, ist Treffpunkt und sozialer Brennpunkt in einem. Immer wieder sorgt er für negative Schlagzeilen, weil es hier zu Prügeleien und Messerstechereien, Diebstählen und Drogenhandel kommt. Aber: Ist die Parkanlage tatsächlich so schlecht wie ihr Ruf? Bereitet sie Passanten Missbehagen? Und wenn ja: Wie ließe sich die Aufenthaltsqualität für jedermann erhöhen? Der GEA wollte es wissen und hat sich bei Reisenden und Einheimischen, Passanten und Mitgliedern der Obdachlosenszene umgehört.

»Alkohol und Drogen machen Menschen unberechenbar«

Unter anderem bei Renate Kraft, die »immer ein ungutes Gefühl beschleicht«, wenn sie den Listplatz kreuzt oder auch nur streift. Ihr sind die »ungepflegten und ungehobelten Kerle« auf und neben den Parkbänken ein Graus. »Ja, vor denen habe ich Angst«, bekennt die 76-Jährige. »Alkohol und Drogen machen Menschen unberechenbar, und auch, wenn mir noch nie etwas Schlimmes passiert ist, traue ich Betrunkenen alles Mögliche zu.« Kraft wünscht sich »mehr Polizeipräsenz«. Außerdem fände sie es sinnvoll, wenn die »Publikumsdurchmischung besser wäre, wenn man gezielt gegensteuert«. Ihre Idee: Den Listplatz bewirtschaften. »Nach dem Vorbild der Echazterrassen, könnte man zumindest von April bis Oktober ein gastronomisches Angebot machen« - mit Tischen und Bänken, die zum Verweilen einladen und »Normalität anziehen«.

Jochen Kalweit wünscht sich mehr »kultiviertes Leben« auf dem grünen Bahnhofs-Entree. Denkbar wären für ihn Sport, Band-Auftritt
Jochen Kalweit wünscht sich mehr »kultiviertes Leben« auf dem grünen Bahnhofs-Entree. Denkbar wären für ihn Sport, Band-Auftritte und Außengastronomie. Foto: Frank Pieth
Jochen Kalweit wünscht sich mehr »kultiviertes Leben« auf dem grünen Bahnhofs-Entree. Denkbar wären für ihn Sport, Band-Auftritte und Außengastronomie.
Foto: Frank Pieth

Ein Gedanke, der auch Simon Schneider umtreibt. »Der Platz müsste systematisch bespielt werden«, findet er. Konkret: Bühne aufstellen und Bands für Open-Air-Konzerte engagieren. »Vom Jazz-Frühschoppen bis zum Dinner en blanc« wäre für den Reutlinger Vieles denkbar. »Wir dürfen den Listplatz nicht dem Rand der Gesellschaft überlassen!«

Eine Auffassung, die von Uschi Siebert-Frey geteilt wird. »Kultur tut immer gut«, sagt sie. Was indes überhaupt nicht gut täte, wäre, den Platz zu räumen beziehungsweise Platzverweise auszusprechen. »Solche Maßnahmen würden das Problem bloß verlagern. Schlimmstenfalls dorthin, wo es richtig unangenehm wird - zum Beispiel auf Kinderspielplätze.«

»Wir brauchen nicht mehr Polizei, sondern mehr Sozialstaatlichkeit«

Derweil Ulrike Williams das Treiben auf dem Listplatz für vergleichsweise harmlos hält. Im Laufe ihres Lebens mehrfach umgezogen, hat die Touristin schon in Berlin, Flensburg und Leipzig gewohnt. Ihre Beobachtung: »Bahnhöfe sind immer Brennpunkte. Hier in Reutlingen ist mir die Situation eher positiv aufgefallen.« Besonders beeindruckt hat sie jüngst ein Einsatz des »Med-Mobils« auf dem Listplatz. Die rollende Arztpraxis für sozial Benachteiligte, Suchtkranke und Obdachlose ist ihrer Einschätzung nach die einzig richtige Antwort auf menschliches Straßenelend. »Wir brauchen nicht mehr Polizei, sondern mehr Sozialstaatlichkeit. Wir sollten in Streetworking investieren und mehr aufsuchende Hilfen anbieten.«

Auf den Listplatz angesprochen, äußern Passanten - hier im Dialog mit GEA-Redakteurin Andrea Glitz - Sorgen und Ängste aber auch
Auf den Listplatz angesprochen, äußern Passanten - hier im Dialog mit GEA-Redakteurin Andrea Glitz - Sorgen und Ängste aber auch Verbesserungsvorschläge. Foto: Frank Pieth
Auf den Listplatz angesprochen, äußern Passanten - hier im Dialog mit GEA-Redakteurin Andrea Glitz - Sorgen und Ängste aber auch Verbesserungsvorschläge.
Foto: Frank Pieth

Ein Lösungsansatz, der Henry Dingler aus dem Herzen spricht. Auch er hält nichts von Platzverweisen. Besser sei es, die Szene an einem definierten Ort einzuhegen und sie auf diese Weise gut im Auge behalten zu können. Zumal die Gruppe mit rund 40 Personen überschaubar sei. »Diese Leute«, so die Beobachtung des Eningers, »bleiben an ihrem Stammplatz und streiten sich auch nur dort. Sie tragen nichts nach außen, sondern machen die Dinge unter sich aus. Passanten haben, glaube ich, nichts zu befürchten.«

»Tagsüber ist es eine andere Klientel, die hier abhängt, als abends«

Oder doch? »Das hängt von der Tageszeit ab«, ist sich Jörg Nowak sicher. »Tagsüber ist es eine andere Klientel, die hier abhängt, als abends.« Tagsüber sei es, so der 64-jährige, deutlich friedlicher, als nach Sonnenuntergang. »Vielleicht würde es ja etwas bringen, wenn man den Listplatz stärker ausleuchten würde?«

Davon ist Jochen Kalweit überzeugt. »Eine bessere Beleuchtung wäre wünschenswert.« Generell sollten mehr »kultivierte Menschen« den Platz bevölkern und bei Bedarf »Zivilcourage zeigen und die Polizei verständigen«. Dem 70-Jährigen schweben Kooperationen mit Vereinen vor. Warum nicht zum Beispiel Tai Chi oder Qi Gong im Park vor dem Bahnhof anbieten? Überhaupt ist auch er der Meinung, dass gepflegte Geselligkeit Gutes bewirken würde - bevorzugt unter dem Sonnen- und Regenschutz eines oder mehrerer Pavillons.

Schatten spendende Bäume und grüner Rasen: Der Listplatz bietet grundsätzlich hohe Aufenthaltsqualität.
Schatten spendende Bäume und grüner Rasen: Der Listplatz bietet grundsätzlich hohe Aufenthaltsqualität. Foto: Frank Pieth
Schatten spendende Bäume und grüner Rasen: Der Listplatz bietet grundsätzlich hohe Aufenthaltsqualität.
Foto: Frank Pieth

Und was denkt Roland Fischer? Dass »der Listplatz doch gar nicht so verrucht ist, wie behauptet wird. Ich habe hier keine Angst. Die angeblich 'zwielichtigen Typen' halte ich für harmlos. Die treffen sich halt, es sind Freundschaften entstanden. Hier pflegen diese Menschen immerhin noch irgendwelche Sozialkontakte. Außerdem ist der Park weit weniger vermüllt als mancher Spielplatz. Lasst die Leute doch auf den Bänken rumlungern. Mich stört das nicht.«

Zu besagten »Leuten« gehört der 40-jährige Marco. Seinen richtigen Namen möchte er nicht verraten, aber trotzdem mit der Presse reden. »Der Verein GEA-Leser helfen hat mir die Stromrechnung bezahlt«, bedankt er sich. »Die Bänke sind total unbequem. Von der Neigung her und überhaupt. Früher war da ein schöner Brunnen«, sagt der arbeitslose Marco. »Ich komme ab und zu jeden Tag vorbei«, meint er. Seine Hündin liegt währenddessen friedlich unter der Bank.

Neben ihm steht ein Mann mit Bierflasche. Dieser 40-Jährige - auch er will seinen Namen nicht preisgeben - erklärt, »nur wegen meinen Freunde zu kommen. Ich bin hier, um mit denen zu sprechen. Dann gehe ich wieder heim«. Eine Stunde später ist er immer noch auf dem Listplatz. »Es gibt gewisse Leute hier, die aggressiv sind«, hat der Namenlose beobachtet.

Ortsansässige Geschäftsleute beklagen Drogenhandel, Wildpinkler und rüde Umgangsformen.
Ortsansässige Geschäftsleute beklagen Drogenhandel, Wildpinkler und rüde Umgangsformen. Foto: Frank Pieth
Ortsansässige Geschäftsleute beklagen Drogenhandel, Wildpinkler und rüde Umgangsformen.
Foto: Frank Pieth

In Sichtweite sitzt Jürgen, 63 Jahre alt, auf einer anderen Bank. Als Nachnamen gibt er sein Pseudonym »Q wie Quelle« an. Schnell wird klar, dass es sich bei ihm um einen Anhänger der rechtsextremen Verschwörungstheorien einer Gruppe handelt, die sich »QAnon« nennt. Jürgen verkündet ausführlich die haltlosen Behauptungen dieser Bewegung, die Unterstützer von US-Präsident Trump ist. »Seit zwei Jahren ist es meine Berufung, hier auf dem Listplatz auf die Leute aufzupassen und sie aufzuklären«, meint er. »Immer, wenn ich nicht da bin, passieren Sachen«. Die Szene vor dem Bahnhof beschreibt er mit den Worten »ich sehe, dass das arme Menschen sind. Viele haben Probleme mit Alkohol und Drogen - ich natürlich nicht«. Spricht’s und hält dabei eine Joint-ähnliche Rauchware in der Hand …

»Schade finde ich, dass man den Brunnen weggemacht hat«

Volkhard Wenzel, 79, bedauert auf dem Listplatz so einiges. »Schade finde ich, dass man den Brunnen weggemacht hat. Der war einfach schön und im Sommer erfrischend«. Was ihn sehr stört, ist die Lage »rund ums Friedrich-List-Denkmal. Das ist eine Schande für Reutlingen: Müll, alles runtergetreten und die ganze Wiese hinter der Bushaltestelle auch«. Wenn er in die Stadt wolle, stelle er sein Fahrrad immer in der Bahnhofsgegend ab, weswegen er häufiger einen Blick auf die Szenerie habe. »Mich stört besonders der Müll, den die Leute in die Gegend schmeißen«, ärgert sich Wenzel. Gegenüber den im Schatten auf den Bänken sitzenden Dauergästen hat er eine soziale Einstellung: »Man weiß nicht, welches Schicksal die Leute haben. Solange die nicht andere Menschen belästigen, habe ich kein Problem mit ihnen«.

Ulrike Hupe ist aus Wolfschlugen am Bahnhof angekommen und war seit gut zehn Jahren nicht mehr in Reutlingen. Sie weiß nichts von den Klagen und Befürchtungen zum Bahnhofs-Areal. Ihr spontaner Eindruck: »Voll gut die Anmutung.«

»Ab 20 Uhr gehen Sie da auch als Mann nicht mehr durch«

Ganz anders Walter Neumeister, der sich als »Ur-Reutlinger« bezeichnet. Er hat als Kind gern auf dem Listplatz gespielt. Heute empfindet der 75-Jährige diesen als »grauen Schandfleck« und Ort, der Angst macht: »Ab 20 Uhr gehen Sie da auch als Mann nicht mehr durch.«

»Trinkfreudige« habe der Park immer schon angezogen, sagt er. Seit 20 Jahren seien aber auch die Drogendealer hier zugange. Schade, dass man da seit Jahren nichts dagegen macht. Er wünscht sich mehr Polizeipräsenz. Dabei böte der freie Platz mit seinen hohen Bäumen durchaus Aufenthaltsqualität. Eine Rundbank ums Baumensemble nahe der Bushaltestelle Listplatz könne Wartenden im Sommer Schatten spenden. Als leuchtendes Vorbild für ein attraktives Bahnhofsareal nennt er Tübingen: »Wenn ich da aus dem Bahnhof komme, empfängt mich ein Eldorado mit Bushaltestellen, Fahrradstation und Toilette.«

Annemarie M. (möchte ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen) läuft nicht nur Umwege, um den Park zu vermeiden. Sie versucht unterdessen sogar, den Bushalt Listplatz gänzlich zu meiden, so mulmig sei ihr angesichts der Klientel, die den Platz oft okkupiere. Die Reutlingerin kann nicht verstehen, dass am helllichten Tag an so einem zentralen Platz offen mit Drogen gehandelt wird, ohne dass jemand einschreitet.

Besonders verärgert sind Gewerbetreibende am Ort, die tagtäglich hautnah miterleben müssen, wie gelärmt, gedealt, geklaut und geschlägert werde. Wie Bedröhnte oder Verwirrte mittags um 12 Uhr auf der Straße liegen, ihre Notdurft im Park verrichten, nackt übers Areal springen, oder wie jüngst passiert - Passanten mit einem toten Fisch attackieren. Neues Ärgernis: Ein Fahrradständer, den die Stadt vor einiger Zeit aufgestellt hat, werde regelmäßig von einer großen Gruppe von Afrikanern belagert. Die neue Fahrradladestation nebendran werde zweckentfremdet als »Bunker für Drogendealer«, sagt Aydin Necip, der an der Ecke Karlstraße sein Restaurant hat. »Der muss weg und auch der Fahrradständer.«

»Jetzt muss jeden Tag Polizei kommen. Was das den Steuerzahler kostet!«

Das findet auch Abdullah Ali, der im Wettbüro direkt vor dem Ständer arbeitet. Er zeigt ein altes Bild von sich, mit dem 2009 zugeschütteten Springbrunnen im Hintergrund. »Schön war das früher hier.« Jetzt müsse jeden Tag die Polizei kommen. »Was das die Steuerzahler kostet!«

Er rät als Sofortmaßnahme: »Alle Bänke weg.« Seit Corona sei das besonders schlimm geworden, sagt Aydin Necip. Er fordert Maßnahmen: »Die Stadt muss überlegen, was sie macht.« Die Geschäftsleute fordern mehr Kontrolle, mehr Polizeipräsenz, Aufenthaltsverbote. Der bisherige Polizeieinsatz nach Anzeigen von Bürgern zeitige keine nachhaltige Wirkung. Rufe man die Ordnungshüter, kassiere die Übeltäter bestenfalls ein - damit sie ein paar Stunden später wieder auf dem Platz auftauchten. (GEA)