REUTLINGEN. Es könnte die eigene Mutter oder der Großvater sein, die auf der Station C 4F des Reutlinger Klinikums am Steinenberg auch zwischen den Jahren bleiben müssen. Es ist ein Ort, an dem die ganz bösen Überraschungen des Lebens behandelt werden: Meistens Schlaganfälle oder schwere Kopfverletzungen, welche zu Hirnblutungen führen können. »Wir sind die neurologische Frührehabilitation der Phase B« erklärt der stellvertretende Stationsleiter Rolf Müller, »Phase A ist die Intensivstation«. Auf der C 4F zu liegen bedeutet, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein - aber mit schwersten Beeinträchtigungen zu kämpfen. Da bekommen Feiertage oder Neujahrspartys eine ganz andere Bedeutung.
Rings um den Stationsstützpunkt, der wie eine Hotelrezeption aussieht, ist es ruhig. Auf der Holztheke steht ein kleiner Weihnachtsmann, dahinter sitzen Müller und seine Kolleginnen vor einer Reihe von Bildschirmen, Mineralwasserflaschen, Zettelchen und etwas Krimskrams. In der Mitte hängt das Programm der Klinikseelsorge »Musik zu Advent und Weihnachten«. Gelegentlich piept einer der Monitore - nichts Bedenkliches. Kurz nach dem Heiligen Abend kümmern sich fünf Pflegekräfte, eine Auszubildende sowie eine Kollegin »in Anerkennung« um 18 Patienten in 13 Zimmern. Dazu gesellen sich Oberarzt und Ärztin. »Über Weihnachten wirkt die Lage etwas entspannter«, sagt Müller, »derzeit liegen im Durchschnitt drei Patientinnen und Patienten pro Pflegekraft an«. Der normale Personalschlüssel wäre fünf zu eins. Im Foyer vor dem Stützpunkt sitzt ein höchstbetagter Herr schweigend im Rollstuhl.
""Die Arbeit ist körperlich und psychisch anstrengend"
»Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, wie Martin Luther den Lobgesang der Engel im Lukas-Evangelium übersetzte? Leider trügt der besinnliche Schein. »Gut die Hälfte unserer Patienten hatte einen Schlaganfall. Der andere Teil sind Schädel-Hirn-Verletzungen. Das können Unfälle oder Stürze sein. Dann gibt's noch Nervenerkrankungen sowie wenige - aber auch - Tumore«, beschreibt Müller die lebensbedrohlichen Diagnosen der ihm anvertrauten, überwiegend älteren Patientinnen und Patienten.
»Wir haben wenige unter 60«, so der Stationsleiter. Auf jeder Schulter dieser Menschen liegen schwere Bürden, die man ihnen zunächst nicht ansieht. »Die Arbeit, die wir machen, ist körperlich und psychisch anstrengend. Viele Patienten sind in ihren Bewegungen eingeschränkt, müssen bewegt werden. Die Hälfte der Schlaganfallpatienten ist psychisch stark belastet. Manche sind verwirrt, denken etwa, sie könnten aufstehen - können es aber nicht. Haben zum Teil Schluckstörungen, also dürfen oft weder Getränke noch Essbares in Greifnähe sein«, erklärt Müller.
""Leute, achtet mehr auf euch und eure Mitmenschen"
»Ich hatte einen Unfall, einen Schlaganfall beim Autofahrern«, sagt die 70-Jährige im Bett eines Patientenzimmers, die ihren Namen weder in der Zeitung noch im Internet lesen möchte: »Weil nicht alle Freunde wissen, dass ich hier bin«. Zu ihrem Glück konnte sie noch rechtzeitig anhalten, riefen Passanten den Notarzt. Das alles ist jetzt drei Monate und ein wochenlanges Koma her. Nun hat sie auch noch eine Coronainfektion erwischt, glücklicherweise ohne dramatische Folgen. Ihre Beschwerden sehen anders aus: Der Rollstuhl am Kopfende des Bettes verrät, dass sie immer noch Probleme mit dem Laufen hat. Aber sie spricht klar und deutlich. Wie geht es ihr? »Ich habe schnell Fortschritte gemacht, muss noch ein bisschen hierbleiben«, meint sie. Dann der Satz, den hier viele unterschreiben würden, wenn sie denn ihre Hände noch bewegen könnten: »So ein Ereignis bringt einen schon ins Grübeln«. Gefragt nach ihrer Weihnachtsbotschaft, dem Vorsatz fürs neue Jahr, meint sie langsam: »Leute, achtet mehr auf euch und eure Mitmenschen«.
Schlaganfall erkennen und handeln
Bei einem Schlaganfall werden die Blutversorgung und die Sauerstoffversorgung zu einem Teil des Gehirns unterbrochen. Es kommt zu entsprechenden Funktionsausfällen. Was sind die Symptome bei einem Schlaganfall? Plötzliche, heftige Kopfschmerzen, steifer Nacken Übelkeit/Erbrechen, plötzlich einsetzende Lähmungen an Armen und Beinen (Halbseitenlähmung), Gesichtslähmung mit herabhängendem Mundwinkel und einseitig geschlossenem Augenlid, Seh- und Sprachstörungen und Schluckbeschwerden.
Erste Hilfe Maßnahmen: Notruf 112 wählen. Betroffenen ansprechen und anfassen (Kontrolle des Bewusstseins durch deutliche Ansprache und vorsichtiges Rütteln an den Schultern). Bei vorhandenem Bewusstsein bequem und mit erhöhtem Oberkörper lagern. Die gelähmten Körperteile umpolstern. Aufregung und Unruhe unbedingt vermeiden (Betroffenen bei Bedarf abschirmen). Betroffenen zudecken. Bei Bewusstlosigkeit und vorhandener normaler Atmung laut »Hilfe« rufen, um Umstehende auf die Notfallsituation aufmerksam zu machen. Stabile Seitenlage auf die gelähmte Seite.
Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes beruhigen, betreuen, trösten und beobachten, wiederholt Bewusstsein und Atmung prüfen. Bei Bewusstlosigkeit und fehlender normaler Atmung Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen. (Quelle: www.drk.de)
https://www.schlaganfall-hilfe.de/de/verstehen-vermeiden/schlaganfall-erkennen/fast-test
»Die Menschen sind so mit ihrer Krankheit beschäftigt, dass Weihnachten und Silvester keine Rolle spielen«, umreißt der stellvertretende Stationsleiter Müller die Stimmung. »Ich glaube, es ist für die Angehörigen schwieriger«. Die schönste Bescherung für Kranke auf der C 4F wäre die Wiedererlangung ihrer Gesundheit. Daran arbeitet Michael Messmer, 79, eifrig im Rollstuhl auf einem Ergometer strampelnd. Der Senior kämpft gegen den Muskelabbau.
»Ich hatte eine Hirnblutung und einen leichten Schlaganfall«, verrät er, »muss noch hier sein, weil ich noch nicht sicher laufen kann und auf Hilfe angewiesen bin«. Der Mann strahlt einen beeindruckenden Optimismus aus. Es ist sein erstes Weihnachten in einem Krankenhaus. Sogar für Lob ans Personal hat er Zeit. »Ich hätte nicht gedacht, dass sich so viele junge Menschen hier für Ältere engagieren«, sagt er. Dann freut er sich auf den Jahreswechsel, »denn über Silvester werde ich nicht mehr hier sein. Die Genesung ist weit fortgeschritten«.
Zu den jungen Menschen, die sich für die Älteren im Klinikum engagieren, gehören Julienne Vieira-Wetzel (21) und ihre Kollegin Sara-Marie Frank (23). Wie ist es, Dienst zu schieben, wenn andere feiern? »Für mich hat's gepasst. Ich arbeite über die Weihnachtstage und habe an Silvester frei«, sagt Vieira-Wetzel. »Zwischen Weihnachten und Silvester ist es schon etwas anderes«, meint Frank, »man versucht Freunde und Familie rund um die Schicht herum zu organisieren«. Im Foyer wird jetzt das Mittagessen serviert. Drei Patienten sitzen in ihren Rollstühlen am Tisch. Einer mit Sauerstoffschlauch unter der Nase. Ihr Blick geht ins Leere, beide Arme liegen unbeweglich auf der Lehne.
So wie die Frau im eleganten Bademantel warten auch die beiden Herren in Sichtweite darauf, dass ihnen jemand beim Essen hilft. Die beiden Männer hat's ganz böse getroffen, erzählt Müller. Was sie wie von der Welt um sich herum noch wahrnehmen, kann man allenfalls erahnen. Die Patientin dagegen grüßte noch auf dem Gang, hat aber auch mit Lähmungserscheinungen zu kämpfen. Für alle wäre es sicherlich die schönste Bescherung nicht gefüttert werden zu müssen. Der Vorsatz fürs neue Jahr: Noch ein bisschen mehr Gesundheit und Energie für den Rest des Lebens. (GEA)



