REUTLINGEN-SONDELFINGEN. Irgendwann ging gar nichts mehr - weil zuvor viel zu lange viel zu viel gegangen war. Eine Dauerbelastung, die sich Himali Ihle über Monate nicht etwa nur schön, sondern konsequent ausgeredet hatte: Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Weil Schwäche nicht in ihr Selbstbild passte. Vor allem aber, weil sich die Sozialpädagogin mit dem Nein-Sagen von jeher schwergetan hatte.
Wer sie vor ihrem Zusammenbruch erleben durfte, kennt Himali Ihle als umsichtige Kümmerin und Power-Frau. Immer optimistisch, immer humorvoll, immer tätig unterstützend. Und wenn tagsüber doch mal etwas liegen geblieben war, dann wurde es zu nachtschlafender Zeit erledigt – oft genug mit dem Laptop im Bett. Abschalten? Fehlanzeige.
»Es war Raubbau an meiner Gesundheit, den ich betrieben habe«
»Es war Raubbau an meiner Gesundheit, den ich betrieben habe«, sagt die 48-Jährige, der es inzwischen dank psychotherapeutischer Hilfen gelungen ist, sich ins Leben zurückzukämpfen. Mehr noch: mit alten Routinen zu brechen und sich – trotz herber Rückschläge – ein Stück weit neu zu erfinden.
Die »neue« Himali Ihle wirkt ruhiger als zu Zeiten vor ihrer existenziellen Krise. Sie spricht davon, ihren zuweilen hoffnungslos übersteigerten Perfektionismus und Hang zur Kontrolliertheit abgelegt zu haben und davon, dass sie ihre Brötchen jetzt nicht mehr als Schulsozialarbeiterin verdient, sondern in einer Behörde. Außerdem hat sie das Kunstschaffen für sich entdeckt und mit ihm den Mut, auf eine gesellschaftlich noch immer tabuisierte Erkrankung aufmerksam zu machen, die jederzeit jeden treffen kann: die Depression.
»Ich will aufklären und anderen zeigen, dass diese Diagnose nicht das Ende ist«
»Ich will aufklären und anderen zeigen, dass diese Diagnose nicht das Ende bedeutet«, erklärt die verheiratete Mutter einer erwachsenen Tochter, warum sie ausgerechnet mit dem dunkelsten Kapitel ihrer Biografie ans Licht der Öffentlichkeit tritt. Sensibilisieren möchte sie – für die innere Stimme eines jeden Menschen, die es nicht verdient hat, auf Dauer ignoriert zu werden. »Ich habe diesen Fehler gemacht. Zur Nachahmung ist er nicht empfohlen.« Aber der Reihe nach.
Es ist die Zeit der Corona-Pandemie und der Lockdowns, als Himali Ihle die Hiobsbotschaft ereilt, dass sich ihr geliebter Vater einer riskanten Operation unterziehen muss. Normalerweise wäre die Tochter so schnell wie möglich zu ihm nach Sri Lanka geflogen, um Beistand zu leisten. Doch Covid hatte das Zeug zum eisernen Vorhang: Kein Flugzeug weit und breit, das es der Sondelfingerin ermöglicht hätte, die 8.000-Kilometer-Distanz zwischen Reutlingen und dem Elternhaus zu überwinden. »Es war einfach nur schrecklich.«
Das Gedankenkarussell der Sorgen und Befürchtungen, der »Was-wäre-Wenns« und Ohnmachtsgefühle nahm Fahrt auf - und warf Ihle mit voller Wucht aus der Bahn. Vom Alltag ohnedies schon ausgelaugt, hatte die Frau derlei seelischen Belastungen kaum mehr etwas entgegenzusetzen: Sie zogen ihr den Boden unter den Füßen weg.
»Mir fehlte auf einen Schlag jede Energie. Ich war fast leblos«
War sie Wochen zuvor einfach bloß müde, bisweilen unkonzentriert und langsam gewesen, fühlte sie sich jetzt an Körper und Seele wie gelähmt. Nur von Apathie zu sprechen, verbietet sich für diesen Zustand. »Mir fehlte auf einen Schlag jede Energie. Ich war fast leblos.«
Was folgten waren die Aufnahme in einer Klinik, die Diagnose »schwere Depression« und - so widersinnig das auch klingen mag - pfundweise Erleichterung. »Endlich hatte ich einen klaren Befund, endlich wusste ich, was mit mir los ist.« Denn, dass da irgendetwas ziemlich krumm lag, das hatte die Sondelfingerin intuitiv ja schon lange vor ihrem Zusammenbruch gespürt - und ausgeblendet.
Jetzt freilich gab es nichts mehr auszublenden. Jetzt musste die heute 48-Jährige den Tatsachen ins Auge blicken und und sich auf eine Reise in ihr Innerstes begeben. In Gesprächen tat sie das, auf ausgedehnten Spaziergängen, im Rahmen von Achtsamkeitsübungen und bewusstem Naturerleben. Zwischendurch und drumherum: Panikattacken, Klaustrophobie, Herzrasen und Geräuschempfindlichkeiten, aber auch tiefe Nachdenklichkeit, Sinnsuche und die Einsicht, dass sich Grundlegendes ändern muss.
Himali Ihle nennt in diesem Zusammenhang » eine veränderte Prioritätensetzung«. Sie nennt aber auch die Malerei, die sie auf therapeutischem Weg wiederentdeckte. »Schon im Kindesalter habe ich sehr gerne gezeichnet und gemalt« - damals, als in Sri Lanka die Welt noch in Ordnung war, kein Bürgerkrieg tobte und keine tamilischen Separatisten die Unabhängigkeit des Inselstaats herbeizubomben versuchten; als Klein-Himali stundenlang mit dem Großvater am Strand spazieren ging, Muscheln oder Treibgut sammelte und ganz nebenbei die Schönheit des Meeres wie ein Schwamm in sich aufsog: seine gischtsprühende Wildheit und meditative Ruhe, sein changierendes Farbenspiel von Smaragdgrün, über Azur und Violett bis Grau, seine an Unendlichkeit gemahnende Weite.
»Die Farbe macht, was sie will. Ich muss die Kontrolle abgeben«
Sie sind es heute, die thematisch in viele der von Himali Ihle geschaffenen Kunstwerke einfließen. Und das sogar buchstäblich. Greift die Autodidaktin doch nicht zu Pinsel und Palette, sondern wählt die Technik des Akrylgießens, um schöpferisch tätig zu sein.
Diese Methode kommt ihr sehr entgegen, »weil ich dann die Kontrolle abgeben muss und die Farbe macht, was sie will«. Na ja, nicht ganz. Denn Hilfsmittel wie Föhn, Strohhalm und Tortenheber liegen immer parat, wenn die Sondelfingerin ihrer Kreativität freien Lauf lässt.
Ausstellung »Meeresrauschen«
Die Ausstellung »Meeresrauschen« präsentiert in den Gasträumen des Café Nepomuk (Unter den Linden 23) Gemälde von Himali Ihle, die die Schönheit und Vielfalt des Meeres feiern. Geschaffen wurden sie mit unterschiedlichen Acryl-Gießtechniken. Zu sehen sind die großformatigen Werke noch bis Sonntag, 24. September – und zwar dienstags bis samstags von 11.30 bis 23 Uhr und sonntags von 12 bis 21 Uhr. (GEA)
Entgegen kommt ihr das Akrylgießen indes noch aus einem anderen Grund. Seit geraumer Zeit kann Himali Ihle ihre Arme nämlich nur noch stark eingeschränkt anheben. Weshalb ans Arbeiten mit Pinsel und Staffelei aktuell nicht zu denken ist.
Ein neuerlicher Schicksalsschlag, gewiss. Jedoch keiner, der die Kunstschaffende in die Knie zwingen würde. Umso weniger, als ihre gegossenen Bildwelten beim Publikum Anklang finden. Die Reaktionen auf Ihles erste Ausstellung sind jedenfalls höchst ermutigend. Zu sehen ist die Exposition mit großformatigen Werken derzeit unter dem Titel »Meeresrauschen« im Gastraum des Café Nepomuk. (GEA)

