REUTLINGEN. 20. Mai 1906. In einem Bericht des Württembergischen Innenministeriums von 1932 ist vom »seit Menschengedenken größten Hochwasser vom 20. Mai 1906« die Rede. Durch einen 26-stündigen Dauerregen mit einer Gesamtniederschlagshöhe von 120 Millimetern sei die Echaz in Reutlingen derart angeschwollen, dass »große Schäden an den Wehren« die Folge waren. Wassermassen zwischen 80 und 135 Kubikmeter pro Sekunde wurden im Stadtgebiet gemessen - also schossen bis zu 135.000 Liter in der Sekunde durch die Flussmündung am Messpunkt. Über weitere Schäden verrät der Bericht allerdings nichts. Das Schreiben erwähnt Überschwemmungen, die bis ins Jahr 1661 zurückgehen.
1. Juli 1953. Ausführliche Berichte gibt es über die - ebenfalls so benannte - »schwerste Unwetterkatastrophe, die sich seit Menschengedenken in unserer Heimat ereignet hat« am 1. Juli 1953. Zwei kurz aufeinanderfolgende Gewitter gaben solche Wassermassen ab, dass sowohl Flüsse als auch Kanalisationen vollliefen. In Betzingen riss die wütende Echaz das Mühlenbrückle weg, Pfullingen wurde im Bereich der Heerstraße schwer geflutet und bei Mittelstadt trat der Neckar über die Ufer. Aber auch Reutlinger Stadtgebiete, die nicht unmittelbar am Wasser liegen, wurden überschwemmt: so unter anderem das Steinenberggebiet, die Charlottenstraße und die Bismarckstraße. Zusätzlich war der Strom ausgefallen, da das Hauptumspannwerk geflutet wurde.

20. August 1966. »Mit elementarer Wucht brach ein schweres Unwetter über den Kreis Reutlingen hinein«, wie der GEA vor fast 60 Jahren schrieb. Am 20. August 1966 setzten nächtliche Niederschläge über der Achalmstadt ein und Hochwasser flutete Betzingens Ortskern. Auch Eningen und Pfullingen wurden schwer getroffen, während Altenburg nahezu verschont blieb. Die schlimmsten Schäden hatte Wannweil zu erdulden, wo Katastrophenalarm ausgerufen wurde. Entlang der Echaz war die Hauptstraße komplett überflutet - ein Auto wurde von einer Brücke in die Fluten gesogen. Zwischen Wannweil und Kirchentellinsfurt wütete das Wasser besonders schlimm: »Zentnerschwere Quadersteine« und ein Beton-Steg einer ansässigen Firma wurden »wie Holz« fortgespült. Ein zweijähriger Junge, der in die Echaz fiel, kam bei dem Hochwasser ums Leben.
24./25. Mai 1978. Bei der sogenannten »Jahrhundertflut« am 24. und 25. Mai 1978 blieb Reutlingen weitgehend verschont. Die Ausnahme war Mittelstadt: Ein Sportheim samt Platz, das ehemalige Elektrizitätswerk Röhm und auch die Kläranlage wurden vollkommen überschwemmt. Auch die Mittelstädter Mühle stand im Wasser. Bei Kirchentellinsfurt wurde der Damm vor dem Baggersee von den Fluten herausgebrochen und die Trümmer 40 Meter mitgeschleift.
10./11. August 2002. In der Nacht von Samstag auf Sonntag, am 10. August 2002, wurde kurz vor Mitternacht für das Gebiet der Stadt Reutlingen und Wannweil der Katastrophenfall ausgerufen. Dass in Wannweil die Echaz über die Ufer getreten ist, war davor zuletzt im August 1966 passiert. Der Reutlinger Feuerwehrkommandant Harald Herrmann schätzte damals, dass seine Leute im Laufe der Nacht rund 1.000 Mal ausrücken mussten. Über 1.000 Feuerwehrleute waren im Einsatz, Hilfe kam von Kräften des Technischen Hilfswerks aus umliegenden Städten sowie vom Roten Kreuz und der Polizei. Feuerwehren aus ganz Baden-Württemberg haben ihre Kräfte beigesteuert. Am Ortsausgang Betzingen konnten die Fluten nicht aufgehalten werden: Das Hauptklärwerk lief voll und die gesamte Technik wurde zerstört. Ertrunken ist an diesem Tag niemand, aber Menschen mussten per Boot aus Häusern gerettet oder aus verunglückten Autos befreit werden.
1. Juni 2013. Zuerst erwischte es im Juni 2013 die Alb. Da es im Mai bereits so viel geregnet hatte, konnten die Böden keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen und ganze Höhlensysteme liefen voll. In Sturzbächen ergoss sich das Wasser ins Tal, durch Schuppen, Keller und Wohnungen. Mehr als 800 Feuerwehrkräfte waren in der Region im Einsatz. In den Fluten des Juni-Hochwassers starben zwei Menschen: Ein Bauarbeiter stürzte bei Sicherungsarbeiten in Bad Urach in die reißende Elsach. Er wurde einen Tag später zwischen Metzingen und Riederich tot aus der Erms geborgen. Ein anderer Mann starb, nachdem er - wie von Zeugen beobachtet - von der Reutlinger Lindachbrücke in die Fluten der Echaz sprang. (GEA)

