REUTLINGEN. Am Samstag heißt es in ganz Deutschland: Atomenergie adé. Die letzten drei Kraftwerke werden dicht gemacht. Auch das Atomkraftwerk Neckarwestheim in der Nähe von Heilbronn wird heruntergefahren. Der GEA hat in der Reutlinger Wilhelmstraße nachgefragt, wie die Passantinnen und Passanten zum Ausstieg aus der Kernenergie stehen. Für oder gegen Atomkraft? Die Meinungen sind gespalten.
»Atomkraft – Nein Danke« – so sieht das Sabine Werner-Heid. Einen Aufkleber mit dem bekannten »verstrahlten« roten Smiley-Gesicht hatte die Reutlingerin in den 80er-Jahren in ihrer Studienzeit an ihrem Fahrrad kleben. »Ich bin froh, dass endlich der Ausstieg kommt«, sagt sie. Der 66-Jährigen ist die Entsorgung des radioaktiven Abfalls »unheimlich«. »Wir laden unseren Nachkommen eine Last auf. Die Gefahr ist nicht überschaubar. Dabei gibt es doch andere Möglichkeiten.«

Christiane und Manfred Thömmes aus Filderstadt stehen hingegen dem Atomausstieg kritisch gegenüber. »Das ist ein Fehlkonzept und einfach bescheuert, jetzt so schnell auszusteigen«, sagt Manfred Thömmes. In anderen Ländern, wie Holland, würden neue Kraftwerke gebaut. Seiner Meinung nach müsse Deutschland auf längere Sicht planen und einen nötigen »Puffer« behalten. Er gibt zu bedenken, dass der Ausbau von alternativen Energien Investitionen erfordere. Abgeneigt gegenüber den Energiealternativen ist der 73-Jährige nicht. Auf seinem Dach befindet sich eine PV-Anlage, zudem hat er eine Wärmepumpe. In Bezug auf die Sicherheit der Kernkraft hat er keine Bedenken: »Die EU sagt, dass Atomkraft eine saubere Energie ist. Die deutschen Kernkraftwerke sind meiner Einschätzung nach die sichersten.«
Auch Cordula Schaut vertraut auf das »deutsche Kontrollsystem«. Sie ist der Meinung, dass Deutschland auf verschiedene »Energiesäulen« setzen soll, derzeit auch auf die Atomenergie, damit das Land in Sachen Energie autonom und nicht von anderen abhängig ist. »Ich finde gut, dass die Kraftwerke runtergefahren werden, im Notfall sollten sie aber wieder hochgefahren werden können«, sagt die 44-jährige Kusterdingerin. Atomkraft hält sie dennoch für eine »gefährliche Sache«.
Anja Bahnmüller hat »Angst« vor der Atomkraft. »Ich habe wegen der Sicherheit, zum Beispiel auch bei Terroranschlägen, ein ungutes Gefühl«, sagt die Sondelfingerin. Sie und ihr Mann hätten in diesem Winter an der Heizung und dabei auch viel Geld gespart. »Wir haben uns alle an einen Luxus gewöhnt, den es in anderen Ländern nicht gibt. Es ist kein Verzicht, sondern eine Investition in die Zukunft«, sagt die 58-Jährige.

Ibrahim Bektas ist sich nicht ganz einig, wie er zum Atom-Ausstieg stehen soll. »Der Vorteil an der Atomkraft ist, dass man dauerhaft Energie hat, unabhängig vom Wetter«, sagt der 52-Jährige. Auf der anderen Seite gebe es das Risiko des radioaktiven Abfalls. Auch bei Erdbeben oder bei Wasserknappheit könne es zu Problemen kommen. »Solar- und Windenergie sollen ausgebaut werden«, findet der Filderstädter.
Eva Jäger-Jablonski und Wolfgang Trauner sind seit Jahrzehnten »Teil der Anti-AKW-Bewegung«. Eva Jäger-Jablonski hat unter anderem gegen den Bau des Atomkraftwerks Neckarwestheim demonstriert. »Die Argumente der Befürworter der Atomkraft sind zu dünn«, finden die Reutlinger. »Sie macht nur einen sehr geringen Anteil der Energie aus, ist auch die teuerste Energie, und es gibt noch keine Lösung bei der Endlagerung.« Wolfgang Trauner gibt zu bedenken, dass nur wenige Kilometer entfernt in Mittelstadt in den 70er-Jahren ein Kernkraftwerk geplant gewesen sei. »Wenn das gebaut worden wäre, sähen hier die Meinungen anders aus«, sagt er. (GEA)




