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Das ambulante Angebot der Tagespflege gewinnt in Reutlingen an Bedeutung

Ambulant statt stationär, dieses Prinzip soll in den kommenden Jahren bei der Pflege immer mehr Bedeutung gewinnen. Die Tagespflege im Landkreis Reutlingen mit derzeit 298 Plätzen an 21 Standorten nimmt dabei einen wichtigen Stellenwert ein. Denn sie ermöglicht den Pflegebedürftigen, in ihrem eigenen Zuhause und damit in der vertrauten Umgebung zu bleiben und dennoch ein strukturiertes Tagesangebot und eine fachliche Betreuung zu erhalten. Gleichzeitig entlastet die Tagespflege die Angehörigen.

Vertreter der Träger im Bereich Tagespflege im Landkreis Reutlingen trafen sich im Gustav-Werner-Stift: Das ambulante Angebot de
Vertreter der Träger im Bereich Tagespflege im Landkreis Reutlingen trafen sich im Gustav-Werner-Stift: Das ambulante Angebot der Tagespflege gewinnt an Bedeutung. Foto: Carola EISSLER
Vertreter der Träger im Bereich Tagespflege im Landkreis Reutlingen trafen sich im Gustav-Werner-Stift: Das ambulante Angebot der Tagespflege gewinnt an Bedeutung.
Foto: Carola EISSLER

REUTLINGEN. Eine fröhliche Runde trifft man zur Mittagszeit in den Räumen der Tagespflege im Gustav-Werner-Stift der BruderhausDiakonie mitten in Reutlingen an. Gemeinsames Essen hat einen hohen Wert, nicht nur was die ausgewogene Ernährung anbetrifft, sondern auch in Bezug auf die Gemeinschaft, die die Senioren hier erleben. Täglich werden Frühstück, Mittagessen und Nachmittagskaffee für die Senioren angeboten. Die Tagesstruktur ist abwechslungsreich, es gibt gemeinsame Aktivitäten wie Zeitung lesen und Spiele, Gedächtnistraining und gemeinsames Backen, aber auch die Möglichkeit, sich auszuruhen und sich zurückzuziehen. Auch der kleine Garten im hinteren Bereich der Einrichtung wird gerne genutzt, oder es werden gemeinsame Spaziergänge in die Stadt unternommen. Ein Fahrdienst holt die Senioren morgens Zuhause ab und bringt sie am späten Nachmittag wieder zurück. Manche Senioren sind die ganze Woche hier, andere nur einzelne Tage. »Die Tagespflege entlastet die Angehörigen, gibt den Senioren eine Alltagsstruktur und eine gute Versorgung sowie fachliche Beratung. Trotzdem können sie in ihrem eigenen Zuhause bleiben«, sagt Thomas Silaghi von der Hausleitung des Seniorenzentrums Gustav-Werner-Stift.

Selbstständigkeit fördern

Das Gustav-Werner-Stift ist einer von 21 Standorten im Landkreis Reutlingen, an denen von 16 Trägern eine solche Tagespflege angeboten wird. 298 Plätze stehen derzeit landkreisweit zur Verfügung, ein Drittel davon in Kommunen auf der Schwäbischen Alb. Der Bedarf an solchen ambulanten Pflegeplätzen wird in den kommenden Jahren zunehmen. Der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg hat für den Landkreis Reutlingen bis zum Jahr 2040 einen Bedarf von bis zu 1.228 Plätzen errechnet. »Die Tagespflege hat einen sehr hohen Stellenwert im ambulanten Versorgungsangebot für Pflegebedürftige«, betont Gabriele Gerstmeier, Altenhilfefachberaterin im Sozialdezernat des Landkreises Reutlingen, bei einem Pressegespräch mit Trägern der Tagespflege im Landkreis. Angesichts des Rückgangs der stationären Pflegeplätze dürfte die Frage nach ambulanten Plätzen in der Tagespflege zunehmen.

Entscheidend sei, wie gut die Angebote auf unterschiedliche Zielgruppen und auf die Bedürfnisse der Angehörigen abgestimmt sind. Thomas Silaghi und seine Mitstreiter in Sachen Tagespflege sind von dem Konzept überzeugt, verweisen sie doch auf die hohe Flexibilität bei der individuellen Gestaltung. Die Senioren werden voll versorgt, zudem können Tagesgäste und deren Angehörige von der fachlichen Beratung durch die jeweilige Einrichtung profitieren. »Ziel bei allen Aktivitäten ist es, die Selbstständigkeit zu fördern«, sagt Silaghi. Ein wichtiger Faktor für die Senioren der Tagespflege sind zudem die sozialen Kontakte.

Derzeit kein Personalmangel

Seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 gibt es die Tagespflege. Seither bietet auch das DRK diesen Dienst an, wie Matthias Schlautmann, Geschäftsführer des DRK Reutlingen, betont. Und dennoch gebe es immer noch viele Menschen, die von diesem ambulanten Angebot nichts wissen, beklagt Schlautmann. Dabei komme der Tagespflege eine enorme Bedeutung zu. Jetzt umso mehr, da im stationären Bereich bei weitem nicht mehr alle Anfragen abgedeckt werden können. Genau hier komme die Tagespflege ins Spiel. »Das gibt nicht zuletzt auch den Angehörigen das gute Gefühl, dass die Pflegebedürftigen in guten Händen sind.« Auch Schlautmann sieht einen Vorteil in der Flexibilität der Tagespflege. Es gebe sogar über die fünf Werktage hinaus Tagespflege-Angebote für die Wochenenden in manchen Einrichtungen. Ralf Egenolf-Stohr von der Regionalleitung der Paul-Wilhelm-von-Keppler-Stiftung verweist darauf, dass die Tagespflege gerade Angehörigen, die einer Beschäftigung nachgehen, es ermögliche, die Pflege und Betreuung des Pflegebedürftigen individuell an ihren Arbeitsalltag anzupassen.

Der Ausbau der Tagespflege im Landkreis steht und fällt mit dem Fachpersonal. Doch diesbezüglich geben die Vertreter der Einrichtungen Entwarnung. Man habe derzeit keinen Mangel an Personal, sagt Nedjeljko Tosic von der Fachbereichsleitung Altenhilfe der BruderhausDiakonie. Das liege an den besseren Arbeitsbedingungen im Vergleich zur stationären Pflege. Zudem gebe es keine Schichtarbeit, was für viele Fachkräfte entscheidend sei. »Personalknappheit ist für uns in der Tagespflege deshalb derzeit kein Thema.«

Eigenanteil zwischen 90 und 130 Euro am Tag

Auch beim Thema Demenz verweisen die Träger der Tagespflege auf die jeweils individuelle Situation. Grundsätzlich gebe es auch für Demenzkranke die Möglichkeit, in die Tagespflege aufgenommen zu werden, sagt Tosic. Das hängt freilich vom Grad der Demenz und von dem Pflegebedürftigen ab. Entscheidend dabei sei auch die Zusammensetzung der Gruppe sowie die Gegebenheiten in der Einrichtung. »Je nach Demenzgrad kommt eine Einrichtung da möglicherweise auch an Grenzen«, sagt Egenolf-Stohr. »Aber auch für Demenzkranke gibt es in der Tagespflege sehr viele Möglichkeiten.«

Ob ambulant oder stationär, die Pflegekassen übernehmen anteilig Kosten der Tagespflege, wobei die Höhe stets vom Pflegegrad abhängt und zusätzlich noch zwischen Trägern und auch regional variieren. Die Pflegeversicherung übernimmt die reinen Pflegekosten für die Pflegegrade 2 bis 5, Verpflegung, Unterkunft und Investitionskosten müssen jedoch als Eigenanteil getragen werden, können teils aber durch den sogenannten Entlastungsbetrag der Pflegekassen in Höhe von monatlich 131 Euro abgerechnet werden. Für Menschen mit Pflegegrad 1 wird dieser Entlastungsbetrag ebenfalls zur Verfügung gestellt, um die Kosten für die Tagespflege zumindest teilweise zu decken. Wichtig ist, dass Betroffenen das Pflegegeld durch die Nutzung der Tagespflege nicht gekürzt wird, sie können sogar parallel einen ambulanten Pflegedienst in Anspruch nehmen. Der Eigenanteil pro Tag variiert zwischen 90 und 130 Euro im Landkreis, wobei ab Pflegegrad 2 bereits ein monatlicher Zuschuss der Pflegekasse von 721 Euro gewährt wird, bei Pflegegrad 5 sind es 2.085 Euro. Gabriele Gerstmeier verweist darauf, dass diese Beträge extra für die Tagespflege vorhanden seien. »Andere Budgets, wie zum Beispiel Sachleistungen für die Pflegebedürftigen, werden davon nicht berührt.«

Kreisseniorenplanung in Auftrag gegeben

Der Landkreis hat eine Kreisseniorenplanung in Auftrag gegeben, die die Verzahnung der Altenpflege mit den medizinischen und geriatrischen Angeboten im Kreis zum Ziel hat. Der Kommunalverband für Jugend und Soziales wird die Studie erstellen. Hintergrund ist auch, dass sich in den Kreiskliniken dauerhaft eine größere Anzahl an Patienten befinden, die nicht oder nur sehr schwer in eine Anschlussversorgung vermittelt werden können, wie jetzt im Sozial-, Schul- und Kulturausschuss des Kreistags betont wurde. Sie tragen, so heißt es in der Vorlage des Kreistags, zu einem erheblichen Anteil zum Defizit der Kreiskliniken bei. Die Kreisseniorenplanung soll den aktuellen Stand der Infrastruktur und auch künftige Entwicklungen im Blick behalten. »Wir brauchen definitiv eine solche Kreisseniorenplanung«, sagt Manuela Jess, Leiterin des Kreissozialamts. Die älter werdende Gesellschaft stelle besonders die Altenhilfe vor Herausforderungen. Umso wichtiger sei eine vorausschauende und steuernde Pflegestrukturplanung. Sie soll dann die Basis für eine übergreifende Gesundheitsplanung für den gesamten Landkreis bilden. (ce)

Dass sich in der Pflege der ambulante Bereich zunehmend durchsetzen wird, davon sind die Träger der Tagespflege überzeugt. »Vieles deutet darauf hin, dass sich im ambulanten Bereich mehr tun wird«, sagt Tosic. Gerade angesichts der demografischen Entwicklung zeichne sich ab, dass allein die stationären Plätze nicht mehr ausreichen werden, um die pflegebedürftigen Senioren in Zukunft zu versorgen. Deshalb sei die BruderhausDiakonie schon seit geraumer Zeit in Sachen Ambulantisierung unterwegs, sagt Tosic. »Kosten, Fachkräftemangel und die Entwicklung auf dem Pflegemarkt zeigen eindeutig, dass sich der ambulante Bereich vermehrt durchsetzen wird, vielleicht auch in Kombinationsangeboten mit betreutem Wohnen.«

Auch das Land setzt zunehmend auf ambulante Angebote und deren Ausbau. Das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg stellt im Rahmen des Projekts »Innovationsprogramm Pflege 2026« Zuwendungsmittel zur Sicherung und Weiterentwicklung der pflegerischen Infrastruktur zur Verfügung. Dabei soll auch der Ausbau von Tagespflegen gefördert werden. (GEA)