REUTLINGEN/TÜBINGEN/LEUTKIRCH. Christian Rottmar ist Landwirt durch und durch. Er sät, er erntet, er verkauft seine Feldfrüchte. Doch er ist nicht nur Bauer, er ist auch Pionier. So hat er in diesem Jahr erstmals Hanf in größerem Stil auf seinen Feldern in der Nähe des baden-württembergischen Leutkirch angepflanzt und im Oktober auch geerntet. Zunächst auf wenigen Hektar Fläche, doch im nächsten Jahr soll es mehr werden - viel mehr. Von der Hanfpflanze ist Christian Rottmar begeistert: »Das wächst wie Unkraut. Zwei Wochen nach der Aussaat sind die Pflanzen schon hochgeschossen. Das geht ab wie Schmitz Katze - voll geil!« Und von noch etwas ist er angetan: »Weil der Hanf so rasend schnell wächst, kommt kein Unkraut hinterher. Das bedeutet, ich konnte ganz auf Pflanzenschutzmittel verzichten.« Nutzhanf habe sich zudem als äußerst robust und unkompliziert erwiesen, so Rottmar. Hanfanbau sei zudem lukrativer als Mais oder Weizen.
Mit der Ankündigung der Ampel-Koalition, eine Cannabis-Legalisierung auf den Weg zu bringen, verbinden sich von verscheidenen Seiten Hoffnungen auf ein großes Geschäft. Die Liberalisierung dürfte auch einen legalen Massenmarkt für den berauschenden Cannabis und die daraus herstellbaren Drogenprodukte öffnen, für den sich Hersteller schon jetzt warmlaufen. Die Branche wittert das große Geschäft und wirbt mit potenziellen Einnahmen in Milliardenhöhe für den Staat. Doch es gibt eben auch den harmlosen Cannabis, den Nutzhanf, auf den Landwirte setzen.
So macht Christian Rottmar bei einem landwirtschaftlichen Projekt mit, das voll auf den Hafanbau setzt - im Allgäu. Eine Firma in der Nähe von Memmingen ist auch schon gegründet. Im Unternehmen haben sich Landwirte wie Rottmar zusammengefunden, um ihre Rohprodukte wie Hanfnüsse, Blüten, Blätter und Stengel zu verarbeiten und zu vermarkten. Die Tagesschau berichtete über ein stark gewachsenes Interesse an Hanf-Produkten, der Deutschlandfunk über eine Art Goldgräberstimmung.
Hanf als Rohstoff der Zukunft
Unter Experten gilt das Rohprodukt Hanf als bedeutender Werkstoff der Zukunft. Die Möglichkeiten scheinen nahezu unbegrenzt. Aus Hanf können vom T-Shirt über Heilöl und Kosmetik bis hin zu Materialien für die Industrie zahlreiche Produkte hergestellt werden. Ein Verbundwerkstoff aus Hanf wird beispielsweise auch im Porsche 718 Cayman GT4 Clubsport in Stuttgart verbaut. Textilien, Öle, Seifen, Shampoos, Brotaufstriche oder auch Mehl aus Hanf zum Backen sind bereits im Handel erhältlich - auch in Reutlingen.

Der Hanf auf Rottmars Feldern und denen seiner Mitstreiter ist der soganannte Nutzhanf. Seine Inhaltsstoffe enthalten so gut wie kein berauschendes THC (Tetrahydrocannabinol). Nur ein Gehalt von weniger als 0,2 Prozent THC ist überhaupt für den Anbau auf dem Feld erlaubt. Hier greift das Betäubungsmittelgesetz. Landwirt Christian Rottmar erklärt das mit einer Anekdote so: »Das heißt, die Zeitgenossen, die sich von meinen Feldern im Sommer etwas abgeschnitten und mitgenommen haben, die können das zwar rauchen, aber die bekommen bestenfalls Kopfweh davon«, erzählt er lachend.
Hanfanbau streng geregelt und kontrolliert
Der Anbau von Nutzhanf ist also streng gesetzlich geregelt. Nur behördlich genehmigte Sorten (derzeit 58) dürfen auf den Äckern in Deutschland wachsen. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) kontrolliert das. Die Behörde hat aber gleichzeitig festgestellt, dass offenbar immer mehr Bauern in Deutschland den Nutzhanf als Pflanze für den lukrativen Anbau entdecken. Nutzhanf wuchs in diesem Jahr demnach im Bundesgebiet auf einer Fläche, die so groß war wie etwa 6.500 Fußballfelder. In Baden-Württemberg pflanzten knapp 100 Landwirte Hanf auf einer Fläche von fast 450 Fußballfeldern an.
In Reutlingen und der Region scheint das Interesse bislang allerdings noch mäßig zu sein. Laut den Bauernverbänden in der Region setzen die Bauern hauptsächlich auf die klassischen Pflanzen wie Weizen, Mais oder Raps. Jörg Kautt vom Bauernverband Tübingen/Zollernalb meint im Gespräch mit dem GEA: »Wahrscheinlich betrachten die Bauern den Markt für Hanf noch als zu klein. Es müsste ja auch hier bei uns Abnehmer für die Rohprodukte geben.«
Auf die Ankündigung der neuen Ampel-Koalition, eine kontrollierte Cannabis-Legalisierung in den Blick zu nehmen, reagieren Stefanie Giesel und Melanie Daschner, die in der Reutlinger Altstadt das Hanfhaus betreiben, zurückhaltend: »Das muss ja erstmal gesetzlich ausformuliert werden. Nutzhanf und berauschender Cannabis müssen aber weiter getrennt bleiben.«
Ein »Coffeeshop« in der Reutlinger Altstadt?
Die beiden Frauen verkaufen in ihrem Laden unter anderem Textilien, Rucksäcke oder Hausschuhe aus Hanf, aber auch Öle, Hanfsamen, Shampoos oder Seifen. Sie gehen davon aus, dass es zu einer vorsichtigen Cannabis-Legalisierung kommt, die sie befürworten würden. Sollte es dann im Zuge der Legalisiserung zum Aufbau von lizensierten Fachgeschäften kommen, die kontrolliert Cannabis verkaufen dürfen, könnten sie sich vorstellen, mit dabei zu sein: »Wir würden auch die entsprechenden Aus- und Fortbildung mitmachen.« Dann würde aus dem Reutlinger Hanfhaus auch eine Art »Coffeeshop« werden, wie es sie seit Jahrzehnten in den Niederlanden gibt. Dort können Konsumenten auch legal Cannabis kaufen. Stefanie Giesel und Melanie Daschner glauben aber: »Es ist davon auszugehen, dass die ganz normalen Apotheken da auch mitmischen wollen.« Das große Geschäft sehen sie zumindest im Augenblick nicht.
Unterdessen scheint das Thema Cannabis-Legalisierung die Bevölkerung zu spalten. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey sind 43 Prozent der Menschen in Deutschland für die Pläne der Ampel-Koalition, etwa ebenso viele sind dagegen. Dabei ist ein klares Altersgefälle erkennbar. Menschen zwischen 18 und 29 sind zu zwei Dritteln für die Ampel-Pläne, zwei Drittel der über 65-Jährigen lehnen sie ab.
Auch wenn die Pläne der künftigen Bundesregierung derzeit noch im Allgemeinen und Grundsätzlichen zu stecken scheinen, betrachten manche Landwirte den Hanfanbau als lukrative Zukunftsperspektive. So sagt der Geschäftsführer des Bauernverbandes im Landkreis Reutingen, Thomas Pfeifle: »Bauern sind natürlich auch immer Unternehmer, die ihre Betriebe voranbringen wollen.« Von einer Goldgräberstimmung in der Region habe er bislang noch nichts mitbekommen.
Für Christian Rottmar, dem »Hanf-Pionier« aus Oberschwaben sieht die Zukunft jedenfalls so aus: »Das mit dem Hanf ist zwar ein 'Gwerk', aber man muss auch mal was ausprobieren. Es wird bestimmt weiter bürokratische Hürden für den Hanfanbau geben, auch unter der neuen Bundesregierung.« Er rechne damit, dass er künftig seine Felder einzäunen muss, »... vielleicht sogar Sicherheitsfirmen beauftragen muss, um sie zu bewachen, aber ich gehe das positiv an.« (GEA)

