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Aktuell Bildertanz

Betzinger Bildertanz: Ortsgeschichte mal ernst, mal heiter

REUTLINGEN-BETZINGEN. Damit hatten sie nicht gerechnet. Über vierzig Betzinger und Betzingen-Interessierte kamen zur Bildertanz-Führung mit Werner Früh und Raimund Vollmer in den größten Reutlinger Teilort. »Sie haben uns einen Rekord eingebracht. Bei der Stadtführung in Reutlingen waren nicht so viele da«, freut sich Bildertanz-Initiator Vollmer.

Betzinger  Bildertanz:  Ausstellungsgäste  staunen, wie sich Autos 1928 durchs Hochwasser kämpfen
Betzinger Bildertanz: Ausstellungsgäste staunen, wie sich Autos 1928 durchs Hochwasser kämpfen Foto: Martin Schreier
Betzinger Bildertanz: Ausstellungsgäste staunen, wie sich Autos 1928 durchs Hochwasser kämpfen
Foto: Martin Schreier
Seit circa acht Jahren sammelt er historische und aktuelle Bilder aus Reutlingen und dem Umland. Ursprünglich war seine Idee, die Bilder in einer animierten, mit Musik unterlegten Multimediashow zu präsentieren. Daher der Name »Bildertanz«. Mittlerweile liegt der Schwerpunkt zum einen auf Sammlung und Veröffentlichung der Bilder in Internet-Tagebüchern und zum anderen - in Kooperation mit der Volksbank Reutlingen - auf Ausstellung großformatiger Bilder in regionalen Einzelhandelsgeschäften. Nun wird also auch Betzingen vom Bildertanz beehrt.

In der Zehntscheuer, beim Bäcker und Weinhändler, in Geschäftsräumen und Schaufenstern - die Bilder sind stumme Zeugen Betzinger Geschichte und zeigen architektonische Ansichten, kulturelle und soziale Momente. Die Führung durch Früh und Vollmer hingegen ergänzt, was auf den Bildern nicht zu sehen ist.

Schon am Ausgangspunkt, der Karlshöhe, kann der pensionierte Hauptschulpädagoge Früh mit einer heiklen Geschichte aufwarten. Wo heute die Eberhard-Wildermuth-Siedlung steht, standen zur Nazizeit mehrere Baracken. Fremdarbeiter waren dort zu Hunderten unter menschenunwürdigen Bedingungen einquartiert. Pro Baracke gab es lediglich eine Toilette, und selbst im Winter blieben die Unterkünfte unbeheizt. Die Zwangsarbeiter mussten für die Betzinger Firma Heim arbeiten, die die Flügel der V1-Rakete herstellte.

Essen zugesteckt

Sein Wissen verdankt Früh mitunter einem heute 92-jährigen Zeitzeugen, dem Belgier und ehemaligen politischen Gefangenen Evrard Celestin. Dieser habe auch von etwa einem Dutzend Erschießungen im Lager erzählt. Damals habe es dort auch ein Massengrab gegeben. Nach Kriegsende bereiste Celestin mit seiner Frau den Ort seiner Gefangenschaft.

Schon zu dieser Zeit hätten neue Häuser anstelle der Baracken auf der Anhöhe gestanden. Auf dem Weg zur Arbeit kamen die Gefangenen am Ochsenbrunnen und der Metzgerei Leibssle vorbei. Zu Celestins guten Erinnerungen zählt, dass der Metzger und zwei jüngere Frauen den Gefangenen manchmal heimlich etwas zu essen zusteckten.

Amüsanter sind die Geschichten, die Werner Früh in der Jettenburger Straße erzählt. Im nicht mehr vorhandenen Haus Nummer 32 muss das ortsbekannte Dorfunikum »Heisel Rein« gewohnt haben. Der Tagelöhner und Waffenhändler galt im Ort als irre. An einem Tag sei er dem Pfarrer Kappus begegnet und brach in Tränen aus. Als der Geistliche ihn fragte, was denn los sei, habe ihm Heisel Rein geantwortet, er habe geträumt, er sei in die Hölle gekommen.

Dort habe er sich auf einen roten Sessel niedergelassen. Dann sei der Teufel gekommen und habe gesagt: »Mach, dass du aus dem Sessel kommst, der gehört dem Pfarrer Kappus.« Der Berufs-christ habe sich daraufhin hocherrötet zurückgezogen. Aber auch Heisel Reins Geschichte endet erschütternd. Er wurde von den Nazis in Grafeneck ermordert. Früh und Vollmer führen ihre Gäste zum Ochsenbrunnen, zur Zehntscheuer und weiter durch den Betzinger Ortskern. Auf den Exponaten wechseln sich Häuser, Trachtenträger und Schulgruppen ab. Ein Foto zeigt Autos, die sich durchs Echaz-Hochwasser von 1928 kämpfen. Bei einigen Fotos ist das Copyright ungeklärt. »Wir haben manchmal schon bange Herzen, wenn wir die Bilder ins Netz stellen«, räumt Raimund Vollmer ein. Doch bislang habe es lediglich positive Rückmeldungen gegeben.

In der Steinachstraße fördert Werner Früh sogar einen royalen Bezug zutage. Im Haus Nummer 18 habe die Säug-Amme gewohnt. Sie habe Prinzessin Pauline gestillt, weil deren Mutter nicht genug Milch gehabt habe. Zu Bildern vom Betzinger Bahnhof weiß Früh zu berichten, dass das ehemalige Bahn-Gebäude 1905 abgerissen und in Lustnau wieder aufgebaut wurde. Das stehe heute noch dort.

Eigene Geschichten

Auch als die auf anderthalb Stunden angesetzte Führung schon zwei Stunden geht und die ersten Tropfen fallen, können die Teilnehmer nicht genug bekommen. Manche entdecken auf Bildern ehemalige Schulkameraden und Freunde und wissen selbst eine Geschichte zum Besten zu geben. (msc)