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Besenwirtschaft: Zu Besuch im »Muggaseggele«

REUTLINGEN-BETZINGEN. Draußen herrscht nasskalte Novemberdüsternis, ein Abend, an dem man nicht mal den berühmten Hund ins Freie jagt. Am Eckhaus Griesinger-/Quellenstraße in Betzingen sind die großen Erdgeschossfenster sanft erleuchtet, Windlichter vor der Eingangstür versprechen Behaglichkeit. Und tatsächlich: Es ist heimelig in dem nicht allzu großen Raum, der ganz früher mal als Scheune, dann jahrzehntelang als Ladengeschäft für alle möglichen Branchen gedient hat und nun als Besenwirtschaft »Muggaseggele« zu neuem Leben erweckt wurde.

Foto: Elke Schäle-Schmitt
Foto: Elke Schäle-Schmitt
Mit rot-weiß gewürfelten Vorhängen und Tischdecken, herbstlichem Weinlaub unter der Zimmerdecke, ein bisschen Nostalgie in Form einer alten Jukebox oder eines Wählscheibentelefons aus Bakelit. Kerzenschein auch drinnen, dazu appetitliche Krautdüfte in der Luft. Eine Musikantin entlockt ihrer Steirischen Harmonika gekonnt volkstümliche Weisen. Da lässt man sich gern nieder, bestellt ein Viertele Schillerwein von der »Reutlinger Sommerhalde« und eine Bauernbratwurst mit Bayrischkraut oder einen Wurstsalat.
»Der Platz ist begrenzt, da rutscht man zwangsläufig zusammen«
Für die Küche und vieles andere, vom Einkauf über die Deko bis zum Facebook-Auftritt, ist Angela Kasch verantwortlich, unterstützt von ihrer Mutter Gudrun Henzler und einigen Freundinnen. Den eigenen Wein - Grundvoraussetzung für die Erlaubnis, einen Besen zu betreiben - erzeugt Angelas Vater, Gerhard Henzler.

Vor rund fünfzehn Jahren hat der gelernte Holztechniker seine Karriere als Wengerter gestartet, hat an der Achalm tausend Rebstöcke gepflanzt, von Fachleuten beraten. Bald darauf konnte er den Rebenpaten seines Weinbergs und den Besuchern des Neigschmeckt-Marktes den ersten Jahrgang anbieten. »Da lag die Idee nahe, den Wein in der eigenen Besenwirtschaft zu vermarkten«, erzählt Tochter Angela Kasch.

Ein Jahr lang haben sie die Räumlichkeiten im Haus der Großeltern in Betzingen renoviert, im Oktober 2016 das erste Mal für ein paar Wochen geöffnet. Jetzt ist es wieder so weit: An drei Abenden pro Woche bietet die Wirtschaft auf Zeit Reutlinger Wein, Tresterschnaps, alkoholfreie Getränke und eine kleine Speisekarte, dazu Geselligkeit und manchmal Hausmusik. »Das gefällt mir so an den Besenwirtschaften: dass die Leute miteinander ins Gespräch kommen«, sagt Angela Kasch.

»Der Platz ist begrenzt, da rutscht man zwangsläufig zusammen.« Maximal vierzig Plätze darf so ein Besen aufweisen, damit man ihn ohne Gaststättenkonzession betreiben kann, weiß die sympathische, deutlich jünger wirkende 41-Jährige, die eigentlich einen völlig anderen Beruf hat. Als staatlich diplomierte Bühnendarstellerin für Tanz, Gesang und Schauspiel gibt sie Hip-Hop- und Showdance-Kurse, unterrichtet auch an der Waldorfschule.

Während des Studiums an der Hamburger Stage School und später zwischen den Engagements hat sie gekellnert. »Gastronomie hat mir schon immer Spaß gemacht«, sagt sie, obwohl der Job anstrengend ist. »Aber für drei Abende in der Woche und jeweils nur ein paar Wochen am Stück geht das gut nebenher«, meint die Mutter von zwei sieben und elf Jahre alten Kindern.

Bei deren Betreuung ist zu Besenzeiten verstärkt der Papa gefordert, obwohl der neben dem Beruf bereits eine aufwendige Freizeitbeschäftigung hat: Markus Kasch ist Trainer der ersten Frauenhandballmannschaft des VfL Pfullingen. Doch wie gesagt: Für einen begrenzten Zeitraum geht das schon, auch für die Familie. »Gekocht wird daheim in Pfullingen«, erzählt Angela Kasch, »mit guten Zutaten aus der Region.« Brot, Wurstwaren und Maultaschen stammen aus Betzingen und Eningen, das Bayrischkraut bereitet sie selber zu. In ein paar Jahren, wenn die Kinder etwas größer sind, kann sie sich in ihrer Besenwirtschaft auch Auftritte außerhalb der Küche vorstellen. »Ein bisschen Mundarttheater vielleicht«, sinniert sie, »das wär schön.« Bis es so weit ist, machen die Gäste ihr eigenes Programm: Spät am Abend erfüllt die Harmonikaspielerin Musikwünsche von »La Paloma« bis »Lili Marleen«, und die ganze Runde singt frohgemut mit. (GEA)

BETZINGER BESEN

Das "Muggaseggele" in der Griesinger-straße 25 hat noch bis 2. Dezember jeden Donnerstag, Freitag, Samstag von 18 bis 23 Uhr geöffnet. Reservierungen per Mail oder Telefon. (GEA)

angela.kasch@yahoo.de 07121 3826773 www.reutlinger-wein.de