REUTLINGEN. »Unsere schöne, ruhige Wohngegend – das war einmal«, klagt die ältere Dame mit Blick auf den Garten des »Behnisch-Bau«. Seitdem im ehemaligen Altenheim Flüchtlinge aus der Ukraine eingezogen sind, leide sie gemeinsam mit ihrem Mann und anderen Nachbarn unter erhöhter Lärmbelastung. Als dann neulich in einer Nacht die Feuerwehr gleich mehrfach anrückte, am Folgetag auch noch die Polizei mit Blaulicht vorfuhr – da reichte es der Dame endgültig. Sie rief den GEA an, damit sich mal jemand um die Sache kümmere. Auf Nachfrage bittet die Stadt zum Ortstermin.
Zunächst geht es darum, wer da eigentlich in diesem ehemals für seine Architektur ausgezeichneten »Behnisch-Bau« wohnt. Es sind aktuell 53 Menschen aus der Ukraine, sagt Carolin Hankiewicz als bei der Stadt Reutlingen für die Unterbringung von Obdachlosen und Flüchtlingen zuständige Abteilungsleiterin. Maximal könnten im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss 70 Personen in 30 Zimmern wohnen. »Wir haben hier viele ältere Ehepaare. Die einen oder anderen haben ihre Enkel dabei, weil die Eltern nicht aus der Ukraine ausreisen dürfen«, ergänzt sie. Bewohnbar sind in dem Gebäude aus Gründen verschärfter Brandschutzbestimmungen nur zwei Stockwerke. Gerne führt Hankiewicz durch die Gänge. Es gibt pieksaubere und von allen gemeinsam zu nutzende Sanitärräume, auch Küche und Waschkeller. Zu jeweils zwei Zimmern gehört ein Balkon, außerdem haben die Bewohner Zugang zum großzügigen Garten mit einem Pavillon. Dies zu wissen ist wichtig, um den Ärger mancher Nachbarn zu verstehen.
»Remmidemmi mit Bass und weinende Kinder«
»Ab dem Nachmittag Grillfeste. Da machte immer die Flasche die Runde – das war kein Sprudel«, erinnert sich die alte Dame aus der Nachbarschaft. Dazu spricht sie von einer »renitenten Familie. Die rauchen wie die Schlote auf dem Balkon. Die Kinder weinen stundenlang auf dem Balkon und die Eltern schreien sie an«. Ebenfalls gehe ihr immer wieder »Remmidemmi mit Bass« auf die Ohren. Ihren Namen will sie deswegen nicht in der Zeitung lesen, weil sie von Balkonen aus fotografiert wurde, seitdem sie mal die Polizei um Hilfe bat. Sie fühle sich unwohl. Wichtig ist ihr allerdings: »Ich habe nichts gegen Flüchtlinge – nur gegen rücksichtsloses Verhalten«. Ähnliches war auch beim GEA-Lokaltermin im Ringelbach zu hören.
Ursache für das mehrfache Anrücken der Feuerwehr in einer Nacht, waren laut Carolin Hankiewicz Fehlalarme der Brandmeldeanlage, die einen direkten Draht zur Feuerwehrwache hat. Ein Techniker sei am Tag darauf vergeblich auf der Suche nach einem technischen Fehler gewesen. Könnte es an trotz Rauchverbot auf dem Balkon qualmenden Bewohnern im Heim gelegen haben? Unwahrscheinlich, denn die Rauchmelder sind wie in jeder Wohnung auch nur in den Zimmern, außerdem habe die Feuerwehr keinerlei Hinweise darauf festgestellt.
»Es ist eigentlich ruhig mit unkomplizierten Leuten«
Eine lärmende Grillparty im Garten wird bestätigt. »Das waren junge Leute, vielleicht mit Gästen«, sagt Unterkunftsbetreuer Mladen Gabric. Jedoch müsse die Öffentlichkeit wissen, dass es in gut einem Jahr seit Einzug der Ukrainer nur zwei der Stadt bekannte Beschwerden wegen solcher Feste gegeben habe – und mittlerweile der Garten ab 22 Uhr gesperrt ist, worauf der Sicherheitsdienst achte. Das nimmt auch die Nachbarin froh zur Kenntnis. »Dank Herrn Gabric sind die Partys im Pavillon vorbei«. Bliebe noch diese eine, vom Balkon hörbare Familie, die den Verantwortlichen der Stadt durchaus bekannt ist.
Besucher Willkommen
Flüchtlingsunterkünfte sind wie Privatwohnungen nicht jederzeit geöffnet. Aber wer sich ein eigenes Bild vom Leben im »Behnisch-Bau« machen möchte oder Fragen hat, der ist dazu ausdrücklich eingeladen. An mehreren Wochentagen (Montag, Dienstag und Donnerstag) ist Integrationsmanager Emanuel Blaich vor Ort. Wer sich bei ihm meldet, kann sich gerne umschauen und bei Gelegenheit auch mit den Ukrainern ins Gespräch kommen. Blaich ist unter der Telefonnummer 07121 302 4747 oder mittels der Mailadresse emanuel.blaich@reutlingen.de erreichbar. (zen)
»Wir versuchen, die Familie – junge Eltern mit drei Kindern – an unsere sozialen Gepflogenheiten heranzuführen«, drückt sich Integrationsmanager Emanuel Blaich diplomatisch aus. Unter dem Strich betont Carolin Hankiewicz als ihre Einschätzung des Flüchtlingsheimes im »Behnisch-Bau«: »Es ist eigentlich ruhig. Die Leute sind unkompliziert«. Das Polizeipräsidium Reutlingen stellt auf GEA-Anfrage fest: »Nach Rücksprache mit dem örtlich zuständigen Polizeirevier Reutlingen waren, beziehungsweise sind, dort vereinzelt Streitigkeiten, Sachbeschädigungen, Beleidigungen oder Körperverletzungsdelikte – meist unter den Bewohnern – im Bereich der beiden Unterkünfte zu verzeichnen. Zu besonderen Vorkommnissen oder herausragenden Einsatzlagen kam es jedoch nicht«. Womit die Polizei hauptsächlich den Altersheim-Altbau anspricht, in dem andere Flüchtlinge leben. (GEA)

