KREIS REUTLINGEN. Mobil sein, auch ohne Auto. Was in größeren Städten mit Buslinien (meistens) ganz gut funktioniert, wird in kleineren Kommunen schnell unmöglich, oder die Taxi-Kosten erklimmen astronomische Höhen. In vielen Gemeinden gibt es deshalb Bürgerbusse oder -taxis, die die Mobilität der Bürger sicherstellen. Seit zehn Jahren unterstützt das Land diese Initiativen finanziell und fachlich. Das Verkehrsministerium schreibt in einer Pressemitteilung von »einer der größten Erfolgsgeschichten ehrenamtlicher Mobilität im Land.« Verkehrsminister Winfried Hermann lobt, dass diese Verkehre »durch Engagement für die Gemeinschaft aus der Bevölkerung entstehen, sie schaffen Begegnung und stärken das Miteinander«.
Warme Worte für die rührigen Initiativen landauf, landab, die dafür sorgen, dass die Bürger ihre Ziele erreichen. Etwas, das der ÖPNV in vielen Gebieten eben nicht sicherstellen kann oder das sich die Kommunen nicht leisten können. Der GEA hat sich einige der Bürgerbusse im Landkreis angeschaut: Wie das System funktioniert und ob es tatsächlich ein solches Erfolgsmodell ist.
Pfullingen: Der älteste Bürgerbus im Landkreis
Jahrzehntelang haben die Pfullinger Bürger auf eine Ortsbus-Linie gehofft, die die Wohngebiete in den Hanglagen ansteuert - vergebens. Die RSV-Linien 2 und 21, die in Pfullingen verkehren, »fahren nur das Echaztal rauf und runter«, wie Werner Fesseler vom Bürgerbus-Leitungsteam erklärt. Ein Stadtbus scheitert jedoch an der Finanzierung. Doch dann kommt eine weitere Möglichkeit ins Spiel: ein Bürgerbus. Der damalige Bürgermeister Rudolf Heß bringt die Idee dazu von einer Klausurtagung mit. 2010 beginnen die Betriebsvorbereitungen, ein Jahr später beschließt der Gemeinderat einen zweijährigen Probebetrieb. »Von Anfang an hatten wir eine große Aufmerksamkeit der Bevölkerung«, erzählt Fesseler. Das Projekt wächst schnell, die Fahrzeiten werden ausgedehnt. Das Team umfasst 30 ehrenamtliche Fahrer, seit 2022 ist der Bürgerbus sogar barrierefrei.
Das Besondere an dem Pfullinger Modell ist die Kooperation von Bürgertreff, Stadt und der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft (RSV), denn, das war von Anfang wichtig: »Wir sind keine Konkurrenz zur RSV, sondern eine Ergänzung. Wir decken die weißen Felder im Busnetz ab«, betont Fesseler. Der Pfullinger Bürgerbus wird als reguläre Linie gelistet, seine Fahrzeiten kommen auch in der elektronischen Fahrplanauskunft. Das ist eine Voraussetzung für die regelmäßige Förderung des Landes. Nach der Corona-Delle, unter der alle Bürgertaxis massiv zu leiden hatten, geht es steil bergauf. Längst sind es nicht mehr nur Rentner, die den Bus, der im Stundentakt fährt, nutzen, sondern Fahrgäste jeden Alters. Die Preise sind erschwinglich: Eine Fahrt kostet einen Euro, wer ein Zehnerticket kauft, zahlt nur 85 Cent pro Fahrt, und für Inhaber des Deutschlandtickets, Schwerbehinderte und Kinder bis zwölf Jahren ist die Fahrt komplett frei. Fast 300 Beförderungen stemmen die Fahrer momentan pro Woche, »das ist Rekord«, sagt Fesseler.
Wannweil: Unterwegs seit 2018
Der Wannweiler Bürgerbus sei für den innerörtlichen Verkehr »ein Segen«, schwärmt Bürgermeister Dr. Christian Majer von der ehrenamtlichen Initiative, die 2018 an den Start gegangen ist. Die Anbindung an den ÖPNV ist in der Gemeinde suboptimal, es fahren nur Züge, sowie in unregelmäßigen Abständen Busse, nach Betzingen und Kirchentellinsfurt. Der Bürgerbus dreht hingegen an vier Vor- und zwei Nachmittagen seine Runden durch den Ort - die Fahrzeiten wurden im Lauf der Jahre ausgedehnt. »Er fährt 57 Haltstellen an«, sagt Majer, das bedeutet, dass niemand eine längere Wegstrecke als 250 Meter bis zu einer Bushaltestelle zurücklegen muss. »Damit ist das Angebot sehr niedrigschwellig und für fast jeden gut zu erreichen.« Zusätzlich zu diesem umfassenden Linienverkehr innerorts bieten die Fahrer Fahrdienste an, falls jemand zu einer anderen Zeit dringend Chauffeurdienste benötigt. Das biete viele Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe, die übrigens kostenfrei ist. Der Bus fährt auf Spendenbasis, jeder gibt, was er will, die Gemeinde bezahlt Versicherung und Sprit, das Fahrzeug ist werbefinanziert. »Es ist von Anfang an ein Herzensprojekt gewesen«, so Majer.
Das Tromobil: Im Bürgertaxi über die Alb
Ohne Auto auf der Alb? In vielen kleineren Ortschaften ist das kaum vorstellbar. Nehmen wir den Trochtelfinger Stadtteil Hausen - hier fährt zweimal pro Tag ein Bus, das heißt, wer einen Arzttermin hat oder einkaufen will, ist meist auf ein Auto angewiesen. Kein Wunder, dass das Tromobil seit seinem Start im Jahr 2016 »sehr gut angenommen wird«, wie Heinz-Jörg Kast erzählt. Er plant für das Bürgertaxi die Fahrten und nimmt die telefonischen Anfragen entgegen. An zwei Tagen die Woche, Dienstag und Freitag, fährt das Tromobil von 8.30 bis 17 Uhr und bringt die Menschen bei Bedarf in alle Trochtelfinger Stadtteile und darüber hinaus. Meistens sind die Fahrgäste Senioren, die sich hinter dem Steuer nicht mehr sicher fühlen oder jüngere Menschen, die zeitweise nicht selbst fahren können, etwa wegen einer Verletzung. Die Besonderheit in Trochtelfingen: Die Fahrer nutzen ihre eigenen Autos, die Stadt übernimmt die Spritkosten, und wer mag, lässt etwas im Spendenkässle da. Geplant werden die Touren flexibel und individuell - dabei müsse man manchmal jonglieren, um so effizient wie möglich unterwegs zu sein, sagt Kest. Denn: Die Wegstrecken im ländlichen Gebiet der Schwäbischen Alb sind mitunter weit.
Neuere Initiativen: Ohmenhausen, Gönningen und Bronnweiler
Aber nicht nur auf der Alb, sondern auch in so manch einer Reutlinger Bezirksgemeinde sind Bürgermobile sinnvoll und dringend notwendig. Recht jung ist ein solches Angebot beispielsweise in Ohmenhausen, wo das »Bümo« seit November 2024 Menschen, die nicht (mehr) selbst mobil sind, von A nach B fährt. Sei es auf den Friedhof, zum Arzt oder zum Supermarkt. Der Bedarf ist fraglos da in dem langgezogenen Ort mit seinen Hang- und Tallagen, erkannten die Initiatoren und machten sich ans Werk. Abgeholt werden die Fahrgäste direkt an der eigenen Haustür, der ehrenamtliche Fahrdienst ist montags und mittwochs aktiv. »Des isch Gold wert, des Busle«, diktierte eine mitfahrende Dame der GEA-Reporterin in den Block, als die vom Start des Bümo berichtete. Noch etwas jünger ist das Bürger-Rufauto, das Bürger aus Bronnweiler und Gönningen nach Gomaringen, Öschingen, Mössingen, Reutlingen oder Pfullingen bringt. Es ist das erste Projekt des Bürgervereins, der sich im Januar 2024 gegründet hat - im März 2025 nahm der Kangoo die Fahrt auf, und »es läuft super«, wie der Vorsitzende Dr. Uwe Schmidt betont. »Unser Auto ist jeden Tag im Einsatz, die Leute sind total begeistert«. 17 Fahrer und fünf Telefondamen versorgen die Ortschaften. Und der Bürgerverein hat seit seiner Gründung die Mitgliederzahl fast verzehnfacht - von 17 auf jetzt 160.
Noch ganz am Anfang: Fahrservice Hohenstein
Gerade mal sieben Wochen sind vergangen, seit der Fahrservice Hohenstein seinen Betrieb aufgenommen hat. Dienstag und Donnerstag übernimmt das Fahrerteam, bestehend aus 14 Freiwilligen, Touren innerhalb der einzelnen Hohensteiner Teilorte. »Das war schon lange ein Thema in der Gemeinde«, sagt Barbara Boßler, kommunale Gesundheits- und Pflegefachkraft für Erwachsene am PORT-Gesundheitszentrum. Die Gemeinde unterstützt das Projekt, zudem gibt es einen Zuschuss von der »Allianz für Beteiligung«. Denn auch in Hohenstein ist die Verbindung mit dem ÖPNV in manchen Teilorten sehr begrenzt, der Fahrservice schließt diese Lücke und bringt die Passagiere von einem Ort zum anderen.
Gescheitert: die Reutlinger Quartierbusse
2019 startete die RSV mit den Quartiersbussen, die kleiner als die üblichen Busse waren und die entlegene Wohngebiete an den ÖPNV anbinden sollten - ähnlich wie Bürgerbusse also. Allerdings fiel das Konzept Corona zum Opfer: »Die Quartiersbusse hatten nie eine Chance, ihr Potenzial zu zeigen. Sie mussten schon im Frühjahr 2020 aufgrund der Pandemie (Ansteckungsgefahr wegen des kleinen Fahrgastraumes) wieder eingestellt werden. So ein System muss mindestens zwei Jahre im Betrieb sein, um das volle Fahrgastpotenzial auszuschöpfen. Aber: Schon in der kurzen Zeit haben die Quartiersbusse viele Fans gewonnen. So erreichen uns noch heute Schreiben von Bürgern, die fragen, ob die Quartiersbusse wieder in Betrieb gehen«, schreibt die Pressestelle der Stadt auf die GEA-Anfrage. Aufgrund der aktuellen Haushaltsmisere werden sie aber in naher Zukunft nicht wieder eingeführt. Die Busse werden stattdessen auf den Linien 33 und 80 eingesetzt, fahren Verstärkerfahrten und sind im Gelegenheitsverkehr unterwegs. Fahrten »on demand«, also auf vorherige Bestellung, wie es viele Bürgerbusse ja praktizieren, lohne sich für die RSV nicht, wie eine Kalkulation ergeben hat. »Dieser Verkehr wäre teurer, insbesondere weil Personal für mögliche Fahrten ständig zur Verfügung stehen muss.« Ein solches Modell ist wohl nur mit ehrenamtlichem Einsatz zu realisieren. (GEA)




