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Auch am Schwörtag-Wochenende: Reutlinger stellen das Leben zur Zeit der Kreuzzüge dar

Die »Milites Sancti Sepulcri« stellen das Leben in Jerusalem im Mittelalter dar, auch beim Mittelaltermarkt am Schwörtag-Wochenende in Reutlingen.

Mit historisch fundiertem Wissen stellen die Mittelalterfreunde das Lagerleben von einst möglichst originalgetreu nach.
Mit historisch fundiertem Wissen stellen die Mittelalterfreunde das Lagerleben von einst möglichst originalgetreu nach. Foto: Sigrid Jenatschke
Mit historisch fundiertem Wissen stellen die Mittelalterfreunde das Lagerleben von einst möglichst originalgetreu nach.
Foto: Sigrid Jenatschke

REUTLINGEN. Wikinger, Landsknechte, Gaukler oder Kreuzritter – all diese und noch mehr Gruppen kann man auf Mittelaltermärkten antreffen. Unter ihnen sind auch regelmäßig Diddy, Tina, Max, Kim-Nele und Thomas aus dem Großraum Reutlingen.

Doch ihre Gruppe unterscheidet sich von anderen Mittelalterfans, die einfach Freude daran haben, sich als Ritter zu verkleiden oder ihre Lieblings-Wikinger-Serie nachzuspielen. »Reenactment« lautet das Prinzip der Gruppe, was wörtlich übersetzt Wiederaufführung oder Nachstellung bedeutet. In originalgetreuen Gewandungen und mit historisch fundiertem Wissen beleben sie Märkte, Lagerleben und Gruppentreffen, um das Mittelalter für Besucher und Teilnehmer lebendig werden zu lassen.

»Es war eine karge Zeit, eine arme Zeit«

Das Mittelalter umfasste eine Zeitspanne von rund 1.000 Jahren, etwa von 500 bis 1500 nach Christus. »Jeder sucht sich seinen Zeitraum aus«, weiß Thomas Gehrke, das neuestes Mitglied der Reutlinger Lagergruppe, die sich für das spezielle Setting von 1099 bis 1180 in Jerusalem entschieden hat – ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Kreuzzüge. »Milites Sancti Sepulcri« nennt sich die Gruppe, denn genau das stellt sie dar: Die Milites Sancti Sepulcri waren eine Miliz, die in Jerusalem nach dem ersten Kreuzzug (1096–1099) unter Gottfried de Bouillon im Zusammenhang mit dem Johanniter-Orden entstanden war und diesen in den Aufgaben unterstützt hat. Zum Zeitpunkt der Gründung waren die Milites Sancti Sepulcri eine reine Miliz, betont Gehrke. Als Ritterorden wurden sie erst später anerkannt.

Die Gruppe legt also Wert auf die geschichtlichen Hintergründe. »Keiner von uns war damals dabei. Aber wir versuchen, die historische Zeit so genau wie möglich darzustellen.« Damit meint Gehrke nicht die schöne Welt, wie sie in Hollywoodfilmen oft gezeigt wird, sondern die echte Geschichte, wie sie in Büchern überliefert wird. »Es war eine karge Zeit, eine arme Zeit. Nicht heroisch, wie Kreuzzüge oft dargestellt werden. Denn es waren meistens die armen Leute, die auf Kreuzzüge gegangen sind, weil sie die Hoffnung hatten, sich Reichtum zu erwerben«, weiß Gehrke, den die Zeit der Kreuzzüge schon immer fasziniert hat.

Auch Mittelaltermärkte haben es dem 53-Jährigen angetan. Keine Handys, kein Tiktok oder Facebook, stattdessen im Zelt schlafen, an der Feuerstelle kochen und dabei gut vorausplanen, damit das Essen auch zur gewünschten Zeit fertig ist. Die "coole Stimmung" hilft Gehrke und seinen Mitstreitern, vom Alltag abzuschalten und zu entschleunigen. "Wenn ich auf einem Mittelaltermarkt bin, ist das wie Urlaub für mich. Wenn ich nach einem langen Wochenende dort nach Hause und zurück ins echte Leben komme, fühlt sich die reale Welt oft eher wie die falsche Welt an. Zu 100 Prozent authentisch ist die Gruppe nicht, gesteht Gehrke. Zwischen 1099 und 1180 hat es in Jerusalem zum Beispiel noch keine Kartoffeln gegeben, die wurden schließlich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts nach Europa gebracht. "Wir machen schon mal Gulasch mit Kartoffeln. Und auch von der Hygiene her halten wir es nicht so sparsam wie im Mittelalter." Der Hund von Max und Kim-Nele passt geschichtlich auch so rein gar nicht ins Bild. Aber: Lagerhund Loki gehört selbstverständlich dazu, authentisch oder nicht.

Die »Milites Sancti Sepulcri« widmen sich dem Leben in Jerusalem vor rund 1.000 Jahren. Jeder und jede entwickelt eine eigene Fi
Die »Milites Sancti Sepulcri« widmen sich dem Leben in Jerusalem vor rund 1.000 Jahren. Jeder und jede entwickelt eine eigene Figur. FOTOS: JENATSCHKE
Die »Milites Sancti Sepulcri« widmen sich dem Leben in Jerusalem vor rund 1.000 Jahren. Jeder und jede entwickelt eine eigene Figur. FOTOS: JENATSCHKE

Die Gruppe besteht aus drei Männern und zwei Frauen im Alter von 32 bis 61 Jahren. Im normalen Leben arbeiten sie etwa als Industriemechaniker, Bundeswehrsoldat oder Pädagoge. Auf Mittelaltermärkten treten die Männer nicht nur als Milizpersonen, sondern auch als Mitglieder des Lazarus-Ordens auf. Die beiden Frauen stellen orientalische Tänzerinnen dar, die vom historischen Kontext ebenfalls zum Setting passen. Mehr noch: Sie betreiben den orientalischen Tanz auch als Hobby und treten regelmäßig bei Mittelaltermärkten auf. »Wir spielen keine Rollen«, betont Gehrke, »aber jeder hat eine Mittelalterdarstellung im Hintergrund. Meine ist Ansgar von Hohengenkingen. Es ist belegt, dass es auf der Burg Hohengenkingen einen Ansgar gab, der auf Kreuzzug war.«

Wer sich für das Mittelalter, den Orient und das Thema Kreuzzug interessiert, die Geschichte darstellen und weitergeben sowie einen eigenen Charakter entwickeln möchte, ist bei den »Milites Sancti Sepulcri« jederzeit willkommen – egal, ob Neuling oder erfahrener Ritter, einzelne Recken und Mägde oder ganze Familien. Der dargestellte Charakter muss nicht zum Orden gehören, aber natürlich zum Setting passen.

»Einen Sarazenen dabei zu haben, wäre interessant«

»Das kann auch ein Templer oder Johanniter sein«, erklärt Gehrke. Ein Wikinger dagegen nicht. »Richtig spannend wäre es, einen Sarazenen in der Gruppe zu haben, also die Gegenpartei, sodass wir auch die andere Seite zeigen könnten.« Interessierte können die Gruppe über Instagram oder Facebook anschreiben – oder am Wochenende direkt vor Ort ansprechen, denn da lagern die »Milites Sancti Sepulcri« beim Reutlinger Schwörtag im Volkspark. (GEA)