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Archäologie in Farbe: Reutlinger Heimatmuseum zeigt »Aus der Erde gehoben«

Die neue Sonderausstellung im Reutlinger Heimatmuseum zeigt Schmuck, Werkzeuge und Kultgegenstände aus den vergangenen 12.000 Jahren - gefunden in und um Reutlingen.

Nach 21 Jahren zeigt das Reutlinger Heimatmuseum wieder Schätze aus der eigenen archäologischen Sammlung. Kurator Sven-Jan Reina
Nach 21 Jahren zeigt das Reutlinger Heimatmuseum wieder Schätze aus der eigenen archäologischen Sammlung. Kurator Sven-Jan Reinacher (von links), Musemsleiter Christian Rilling und Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger an einer der Mitmachstationen in »Aus der Erde gehoben«. Foto: Frank Pieth
Nach 21 Jahren zeigt das Reutlinger Heimatmuseum wieder Schätze aus der eigenen archäologischen Sammlung. Kurator Sven-Jan Reinacher (von links), Musemsleiter Christian Rilling und Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger an einer der Mitmachstationen in »Aus der Erde gehoben«.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. »Man kann wahrhaftig nicht sagen, dass die graue Vorzeit grau wäre«, staunt der Leiter des Reutlinger Heimatmuseums, Christian Rilling, als er die neue Sonderausstellung im zweiten Stock der Oberamteistraße 22 betritt. Wie die Plakate und Broschüren, so sind auch die Wände und Vitrinen überaus farbenfroh gestaltet. Mit Bereichen in zartem Lila und Türkis, sattem Gelb, hellem Rot und dunklem Grün hat Kurator Sven-Jan Reinacher den Raum eingerichtet. Jede Farbe steht für eins der Kapitel, in die er das Thema »Archäologische Schätze der Museumssammlung« unterteilt hat.

Die türkisen »Inseln« umfassen das Bronzezeitalter (2.200-800 vor Christus), die gelben kennzeichnen die mitteleuropäische Eisenzeit (800 vor bis Christi Geburt), in der auch viele Stücke in Gold aus Gräbern gehoben wurden. Die warme Warnfarbe Rot verbindet er mit der Zeit der Römischen Kaiser, die ihre Kultur von etwa 27 vor bis 260 nach Christus in Europa und darüber hinaus ausbreiteten. Und das kräftige Tannengrün steht für die Zeit der Alamannen, deren Spuren sich ab Mitte des 3. Jahrhunderts bei Bad Urach und im heutigen Sondelfingen fanden, und das frühe Mittelalter.

So bunt kann ein Einblick in die graue Vorzeit aussehen: Die Themeninseln Eisen- und Römerzeit der neuen Sonderausstellung im He
So bunt kann ein Einblick in die graue Vorzeit aussehen: Die Themeninseln Eisen- und Römerzeit der neuen Sonderausstellung im Heimatmuseum. Foto: Frank Pieth
So bunt kann ein Einblick in die graue Vorzeit aussehen: Die Themeninseln Eisen- und Römerzeit der neuen Sonderausstellung im Heimatmuseum.
Foto: Frank Pieth

Als Titel wählte der 31-Jährige »Aus der Erde gehoben«. Der soll ein Gefühl dafür vermitteln, wie behutsam mit den Schätzen, die der Boden nach vielen, vielen Jahren - und oft nur durch Zufall - freigibt, in der Archäologie umgegangen wird.

Zum Bestaunen und Buddeln

Sven-Jan Reinacher, der nach seinem Kunstgeschichte-Studium in Tübingen mit Nebenfach Archäologie 2022 im Heimatmuseum als wissenschaftlicher Volontär angefangen hatte und seine zweijährige Tätigkeit danach noch um zwei Jahre verlängerte, hat dazu mit rund zehn Prozent der Reutlinger Archäo-Schätze »eine erlesene Auswahl« zu Tage gefördert. Und familienfreundlich mit zwei Mitmachstationen für Besucher aufbereitet - eine für Kinder und eine für Erwachsene. Zum Anschauen und Lesen, Studieren und Bestaunen darf dort auch angepackt werden: Besucher können mit einem altertümlichen Apparat namens Pantograph Fundstücke im Maßstab 1:20 auf Papier übertragen oder direkt selbst im Sand nach Scherben buddeln.

Kurator Sven-Jan Reinacher führt vor, wie ein Pantograph funktioniert.
Kurator Sven-Jan Reinacher führt vor, wie ein Pantograph funktioniert. Foto: Frank Pieth
Kurator Sven-Jan Reinacher führt vor, wie ein Pantograph funktioniert.
Foto: Frank Pieth

Los geht es »klein und unscheinbar« mit den ältesten Objekten der Sammlung. Die sechs Brocken und Bröckchen stammen aus der Klopfjörgleshöhle bei St. Johann-Undingen auf der Schwäbischen Alb. Sie erzählen davon, wie in der Altsteinzeit, dem Paläolithikum, Menschen Werkzeuge aus Stein hergestellt haben. Die chronologisch aufgebaute Ausstellung, an deren Anfang Reinacher zur Orientierung einen Zeitstrahl an die Wand malen ließ, reicht damit »gut und gerne 10.000 bis 12.000 Jahre zurück«. So ganz genau datieren könne man die Funde zum Teil nicht.

Vom Sonnenrad auf der Haid zum Weihe-Stein in Betzingen

Diese Unsicherheit führt ihn zu einem weiteren spannenden Punkt: Denn auch wie die Artefakte einst aussahen, bleibt manchmal Spekulation. Wie die Archäologen Tonscherben zusammenfügten und welche Bedeutung sie ihnen zuschrieben, hing nicht zuletzt von ihren Erwartungen und Vorstellungen ab. »So wurde Geschichte nicht nur sehr fantasievoll rekonstruiert, sondern auch geformt«, erklärt der Kunsthistoriker. Wusste man mit einem Stück gar nichts anzufangen, hieß es meist, es hatte eine »kultische Funktion«. Das gilt etwa für das »Sonnenrad«, das auf der Haid bei Großengstingen gefunden wurde. In einem unscheinbar wirkenden braunen Klumpen, den Landeskonservator Gustav Adolf Rieth (1902–1984) auf der Achalm ausgegraben hat, erkannte er Weihrauch: ein Indiz für das schon zur Keltenzeit weitreichende Reutlinger Handelsnetz bis in den südarabischen Raum. Doch die Analyse der Uni Tübingen ergab: Es ist Braunkohle. Allerdings aus der Eisenzeit. »Man möchte ja spektakuläre Funde haben.«

Von wegen Weihrauch als Indiz für rege altertümliche Handelsbeziehungen: Auch Archäologen können sich irren. Der Klumpen, der au
Von wegen Weihrauch als Indiz für rege altertümliche Handelsbeziehungen: Auch Archäologen können sich irren. Der Klumpen, der auf der Achalm ausgegraben wurde, ist in Wahrheit Braunkohle. Foto: Frank Pieth
Von wegen Weihrauch als Indiz für rege altertümliche Handelsbeziehungen: Auch Archäologen können sich irren. Der Klumpen, der auf der Achalm ausgegraben wurde, ist in Wahrheit Braunkohle.
Foto: Frank Pieth

Neben Schmuck, Keramik, Werkzeug, Plänen und Fotografien zeigt die Schau auch, wie das allenfalls semiprofessionelle Ausbuddeln und Verscherbeln von Fundstücken durch den Rommelsbacher Geometer Johann Martin Schäfer oder den Trochtelfinger Bauern Johannes Dorn den Behörden missfiel. Deren Geschichten illustrieren die Faszination, die das Öffnen »seltsamer Formationen auf den Feldern« bis heute mit sich bringt.

Auch ein aus römischer Zeit stammender Weihe-Stein aus dem Besitz des Oberbürgermeisters ist in der Sonderausstellung zu sehen.
Auch ein aus römischer Zeit stammender Weihe-Stein aus dem Besitz des Oberbürgermeisters ist in der Sonderausstellung zu sehen. Foto: Frank Pieth
Auch ein aus römischer Zeit stammender Weihe-Stein aus dem Besitz des Oberbürgermeisters ist in der Sonderausstellung zu sehen.
Foto: Frank Pieth

Reinacher lobt die »unglaubliche Breite dieser Sammlung«, die auf die Kontinuität der Besiedlung der Region verweist. Von der »Gminderschen Kiesgrube« mit eisen- und bronzezeitlichen sowie alamannischen Funden über die 1905 entdeckte römische »Villa rustica« bis zum Grundstück der Familie von Oberbürgermeister Thomas Keck in Betzingen, wo 1934 ein mutmaßlicher Weihe-Stein aus dem 1. oder 2. Jahrhundert nach Christus ans Licht kam. Der OB hat die 65 Zentimeter hohe Sandstubensteinplastik für die Ausstellung zur Verfügung gestellt.

Ein Griffzungenschwert als Prototyp

Als weiteres Lieblingsstück nennt Reinacher ein »Griffzungenschwert vom Typ Reutlingen«, das »als Prototyp die ganze Gattung geprägt« hat. Und weil er einen 2018 auf dem Bosch-Areal gefundenen »Vier-Götter-Stein«, der eigentlich sogar fünf Göttinnen und Götter zeigt, nicht ins Museum holen konnte, da der mit 500 bis 600 Kilo Gewicht zu schwer ist, hat er den kurzerhand selbst »in Originalgröße rekonstruiert«. Er findet die Archäologie nicht zuletzt deshalb »wahnsinnig spannend«, da sie Antworten auf die Frage liefert: Wo kommen wir her?

Überreste von Griffzungenschwertern des Typs »Reutlingen« aus der Bronzezeit, die in Urnengräbern auf den Auwiesen in Betzingen
Überreste von Griffzungenschwertern des Typs »Reutlingen« aus der Bronzezeit, die in Urnengräbern auf den Auwiesen in Betzingen gefunden wurden. Foto: Frank Pieth
Überreste von Griffzungenschwertern des Typs »Reutlingen« aus der Bronzezeit, die in Urnengräbern auf den Auwiesen in Betzingen gefunden wurden.
Foto: Frank Pieth

Seit 2004 stehe erstmals wieder die hauseigene Sammlung im Mittelpunkt, lobt Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger. Vor 21 Jahren wurden Stücke zu »Kelten & Co.« aus dem Depot geholt - »die Ausstellung lief extrem gut«. Jetzt stammen bis auf eine Leihgabe vom baden-württembergischen Landesmuseum in Stuttgart - eine Goldmünze namens »Regenbogenschüsselchen«, die einst auf der Achalm ausgegraben wurde - alle rund 130 gezeigten Objekte und Bilder aus einem der eigenen Museums-Lager, die an die 1.000 Stücke umfassen. »Es berührt die Menschen immer sehr, sich auf die Kulturen zu besinnen, die schon lange vor uns in der Stadt gelebt haben«, meint sie. Es sei deshalb ein Manko, »dass wir in der Dauerausstellung diese fantastische archäologische Sammlung nicht zeigen können«. Dafür ist es nun zumindest für knapp fünf Monate wieder soweit - und das »so bunt«. Sie hofft, damit die Besucher noch mehr für Archäologie zu begeistern.

Rund 130  Grabungsfunde wie dieser bronzezeitliche Schmuck aus der Region um Reutlingen sind in der Ausstellung "Aus der Erde ge
Rund 130 Grabungsfunde wie dieser bronzezeitliche Schmuck aus der Region um Reutlingen sind in der Ausstellung »Aus der Erde gehoben« noch bis 12. April zu sehen. Foto: Fotos: Pieth
Rund 130 Grabungsfunde wie dieser bronzezeitliche Schmuck aus der Region um Reutlingen sind in der Ausstellung »Aus der Erde gehoben« noch bis 12. April zu sehen.
Foto: Fotos: Pieth

Für den aus Gäufelden bei Herrenberg stammenden Kurator ist die Ausstellung gewissermaßen sein Meisterstück. Der 31-Jährige hat »Aus der Erde gehoben« zum Abschluss seiner Tätigkeit im Heimatmuseum in rund einem Jahr Vorbereitungszeit gestaltet. »Extrem schön und gelungen« nennt sein bisheriger Chef Christian Rilling diesen Blick in die archäologische Sammlung. Eröffnung war am Freitagabend mit OB Keck im Matthäus-Alber-Haus - Sven-Jan Reinachers letztem Arbeitstag in Reutlingen. Sein Weg führt nun an die Medien- und Filmgesellschaft (MFG) Baden-Württemberg in Stuttgart. (GEA)

Begleitprogramm und Öffnungszeiten

Nach der Eröffnung am 21. November, gibt es am Samstag, 29. November, eine erste Führung durch die neue Ausstellung »Aus der Erde gehoben - Archäologische Schätze der Museumssammlung« im Reutlinger Heimatmuseum, Oberamteistraße 22. Die weiteren Führungen sind sonntags, ebenfalls um 11.15 Uhr, geplant: am 14. Dezember, 11. Januar, 8. Februar, 15. März und 12. April. Zweimal gibt es Führungen am Nachmittag: am Samstag, 28. Februar, und Sonntag, 29. März, um 15 Uhr. Enden wird die Sonderausstellung am 12. April 2026.

Im Begleitprogramm spricht der Reutlinger Archäologe Michael Schmidt am 22. Januar über »Schaufel, Pinsel und Computer!? Archäologische Arbeit gestern, heute und morgen«. Dr. Dorothee Ade hebt am 12. März »Archäologische Highlights aus der Museumssammlung« hervor.

Geöffnet ist das Museum jeweils Dienstag bis Samstag 11-17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr und an Sonn- und Feiertagen bis 18 Uhr. Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 1,50. (dia)

www.reutlingen.de/heimatmuseum