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Angriff auf sein Fach: Reutlinger Ägyptologe wehrt sich

Der Rechnungshof Baden-Württemberg will Studiengänge mit wenigen Studenten schließen. Ägyptologe Christian Leitz wehrt sich.

Der Reutlinger Ägyptologe Christian Leitz
Der Reutlinger Ägyptologe Christian Leitz Foto: Friedrich Albert/Universität Tübingen
Der Reutlinger Ägyptologe Christian Leitz
Foto: Friedrich Albert/Universität Tübingen

TÜBINGEN. Über mangelndes Interesse an seinem Vortrag im Rahmen der Sommeruniversität kann sich der Ägyptologe Christian Leitz am Mittwoch nicht beklagen. 80 Leute sind an diesem sonnigen Vormittag zu seinem Vortrag ins Theologicum gekommen. Unter den Zuhörern ist auch Bernd Engler, der bis 2022 Rektor der Universität Tübingen war. »Vielen Dank, dass Sie sich für ein Fach interessieren, dem der Rechnungshof eine Karriere der Erfolglosigkeit bescheinigt«, beginnt Leitz seine Ausführungen. Der 63-jährige Professor lebt mit seiner Frau, die ebenfalls Ägyptologin ist, seit fast 20 Jahren in Reutlingen. Dort gefalle es ihm, auch deshalb weil er im Alltag weniger Kollegen treffe als in Tübingen, sagt er. Rund zwei Monate im Jahr arbeitet Leitz in Ägypten, wo er zwei große Ausgrabungsprojekte leitet – Athribis und Esna. Leitz rettet Kulturschätze, die sonst verloren wären. Letzte Woche musste sich Leitz im Nachrichtenmagazin »Spiegel« gegen den »Angriff der Kassenprüfer« wehren, die die Existenz seines Fachs in Frage stellten. Es gäbe keine Nachfrage dafür, hieß es in der »Denkschrift 2024« des Rechnungshofs Baden-Württemberg.

Die Debatte um den Nutzen der sogenannten Orchideenfächer ist nicht neu, sie komme »so alle 20 Jahre immer wieder mal auf«, meint Ex-Rektor Engler. Der Rechnungshof hat sie nun neu entfacht. Die Geldverschwendungs-Prüfer forderten einen Automatismus, dass Meldung gemacht wird, wenn sich mehrere Jahre in Folge weniger als zehn Studenten einschreiben. Dann soll die Einstellung des Studienganges geprüft werden.

Christian Leitz
Christian Leitz.
Christian Leitz.

In Tübingen studieren derzeit etwa ein Dutzend Studenten und Studentinnen Ägyptologie. Die 22-jährige Anna-Lena Beck ist eine davon. Sie kommt ins dritte Fachsemester. Gerade hat sie gemeinsam mit einer weiteren Kommilitonin den zweiten Hieroglyphen-Kurs bestanden. »Zwei Studentinnen, ein Professor. Das Betreuungsverhältnis ist gut bei uns«, sagt sie. Nun freut sich Beck darauf, im Februar an die Ausgrabungsstätte Esna in Mittelägypten zu fahren.

Dort restauriert ein Team unter der Leitung von Leitz einen 2.000 Jahre alten, aber völlig verrußten Tempel. Zum Vorschein kommen altägytische Götter und Sternbilder. Darunter sind Mischwesen, die wilder aussehen, als es sich die Macher von Monsterfilmen ausdenken konnten. Da ist ein Nilpferd mit Krokodilkopf, das einen Stierschenkel an einer Kette hält, eine vierköpfige Schlange mit zwei Menschenköpfen und zwei Vogelköpfen und eine Löwensphinx mit Menschenkopf und Krokodilschwanz.

»Ich habe ein Buch mit 1.500 Seiten geschrieben, das unverständlich ist«

Um die Bedeutung dieser Götter und Sternzeichen zu erfassen, reicht es nicht aus, Hieroglyphen lesen zu können. Vielmehr haben die Inschriften häufig eine Bedeutung auf mehreren Ebenen.»Es gibt Inschriften, die erscheinen komplett sinnlos. Da ist etwa von einem Geierküken die Rede, das auf einem Krokodil tanzt. Da muss es eine Bedeutung auf einer zweiten Ebene geben«, sagt Leitz. Zeichen strahlen aus auf die nächste Zeile, sie stehen miteinander in Verbindung. Eine Hieroglyphe mit einem Pavian, der die Hände erhoben hat, weist etwa hin zu einer Säule, auf der eine ähnliche Figur dargestellt ist. Mit einer Computersimulation kann Leitz den Sternenhimmel zur Zeit des Tempelbaus in Esna rekonstruieren. So fand er heraus, dass zu dieser Zeit einige der Sterne des Sternbildes Großer Wagen dem Horizont sehr nahe kamen. Nach dem Denken der Ägypter versuchte ein Gott, der von einem Stierschenkel dargestellt wird (die Form des Großen Wagens), in die Unterwelt einzudringen. Der Nilpferdgott mit dem Krokodilkopf hinderte ihn daran. Allerdings weiß Leitz noch nicht, welchem Sternbild der Nilpferdgott entspricht.

Wer Leitz bei seinem Vortrag über die Bedeutung der freigelegten Figuren und kryptischen Inschriften zuhört, der muss an den von Tom Hanks dargestellten Kryptologen Robert Langdon denken, der in Hollywood-Filmen wie »Da Vinci Code« rätselhafte Symbole entschlüsselt. Es ist eine Wissenschaft, zu der nur wenige eingeweihte Zugang finden. »Ich habe ein Buch mit 1.500 Seiten über versteckte Zeichen und Hinweise geschrieben, das komplett unverständlich ist und das nur wenige jemals lesen werden«, sagt Leitz.

Den Ansatz des Rechnungshofs, die Nützlichkeit von Studienfächern allein an der Zahl der Studenten festzumachen, hält Leitz für »kompletten Unsinn«. Das wäre, wie wenn »ein Lehrer eine Klassenarbeit mit 20 Aufgaben stellt, dann nur die erste korrigiert und anschließend entscheidet, welcher Schüler versetzt wird«, vergleicht Leitz.

"Wozu sollen wir jedes Jahr 200 Ägyptologen ausbilden. So viele Stellen gibt es doch gar nicht", empört sich Leitz. Die Ausbildung von Studenten in den beanstandeten Masterstudiengängen nehme "höchstens fünf Prozent" seiner Zeit in Anspruch. Denn er habe noch andere wichtige Aufgaben. "Wir restaurieren, dokumentieren und erhalten Kulturgut", sagt Leitz. "Ich decke 3.000 Jahre ägyptische Geschichte ab.

»Wozu sollen wir denn jedes Jahr 200 Ägyptologen ausbilden«

Im Vergleich zu meinen Kollegen von der Klassischen Antike haben wir deshalb nicht viele Professuren", sagt Leitz. Von einer Zusammenlegung der zwei Professuren für Ägyptologie in Baden-Württemberg hält Leitz nichts: "Der Kollege in Heidelberg hat eine komplett andere Spezialisierung."

Zur Frage der Kosten für die Ägyptologie-Professur, die außer Leitz noch 1,5 Mitarbeiterstellen umfasst, sagt der ehemalig Uni-Rektor Bernd Engler: »Herr Leitz hat so viele Stiftungsmittel eingeworben. Die Ägyptologen haben für die Uni ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis«.Er hoffe, dass seine Nachfolgerin das ähnlich sehe, fügt Engler hinzu.

»Als Professor ist man immer auch ein professioneller Bettler«

Leitz bestätigt, dass seine Restaurierungs- und Ausgrabungsarbeiten in Ägypten, die Universität »keinen Pfennig« kosten. Sie werden von Stiftungen finanziert. »Als Professor der Ägyptologie ist man immer auch ein professioneller Bettler«, sagt Leitz. Früher habe es eine Fundteilung gegeben, wodurch die Hälfte der Funde in der ägyptologischen Sammlung im Museum der Universität im Schloss Hohentübingen gelandet seien. Seit 50 Jahren etwa werden die Funde in den Magazinen der ägyptischen Altertumsbehörde eingelagert.

»Die Debatte um die Orchideenfächer kommt zu Unzeit«, ärgert sich Leitz über den Rechnungshof-Bericht. »Ich werde nächste Woche 64 Jahre alt, vielleicht verlängere ich auch noch ein paar Jahre. Aber die Stelle des Kollegen für Vorderasiatische Archäologie müsste eigentlich im Wintersemester ausgeschrieben werden«, sagt Leitz. Die Fächer Ägyptologie, Vorderasiatische Archäologie und altorientalische Philologie sind im Schloss Hohentübingen zum Institut für die Kulturen des Alten Orients (IANES) zusammengefasst. Unter diesen »Kleinen Fächern« ist die Ägyptologie noch das größte.

Skorpion im Tempel von Esna.
Skorpion im Tempel von Esna. Foto: Ahmed Amin Ministry of Tourism and Antiquities (MoTA)
Skorpion im Tempel von Esna.
Foto: Ahmed Amin Ministry of Tourism and Antiquities (MoTA)

Studentin Anna-Lena Beck will sich vom Rechnungshof nicht abschrecken lassen und weiter Ägyptologie studieren: »Das ist das, was ich machen will und dass es nur wenige Stellen für Ägyptologen gibt, das wusste ich auch vorher schon«, sagt sie.

Nach Leitz’ Vortrag kommt eine junge Zuhörerin aus Ludwigsburg zu Leitz und sagt ihm, dass sie im nächsten Semester ein Ägyptologie-Studium beginnen wolle. Sie sei bereits als Kind so fasziniert vom Alten Ägypten gewesen, dass sie die Bedeutung von Hieroglyphen gelernt habe. Leitz gibt ihr einen Termin in seiner nächsten Sprechstunde für eine Studienberatung. Leitz braucht solche Leute. Der Professor weiß: Jede Studentin mehr ist ein gutes Argument für den Erhalt der Ägyptologie bei den Studentenzählern vom Rechnungshof. (GEA)