REUTLINGEN-BETZINGEN. Der Bedarf ist enorm, das Angebot bescheiden: Wohnraum ist Mangelware in Reutlingen und den Bezirksgemeinden. Die Stadt reagiert mit verschiedenen Maßnahmen. Eine, die ganz simpel klingt, wird jetzt als Pilotprojekt in Betzingen erprobt: die Aktivierung von Baulücken. 855 unbebaute und großteils schon erschlossene Grundstücke gibt es im Stadtgebiet, 96 in Betzingen. Würde nur ein Bruchteil aktiviert, wäre schon viel gewonnen, sagt Betzingens Bezirksbürgermeister Friedemann Rupp. Stadtverwaltung und Bezirksamt werden ab Herbst gezielt auf die Eigentümer zugehen, um ihre Absichten rauszufiltern und aufzuzeigen, was sie aus ihren Grundstücken machen können – aber natürlich nicht müssen, denn Freiwilligkeit und Kooperation sind Grundlage des Projekts.
Riesige Nachfrage
Im vergangenen Jahr hat der Gemeinderat ein ganzes Paket zur Wohnungspolitik beschlossen, die Baulückenaktivierung ist eine von vielen Maßnahmen. Und vom Betzinger Bezirksgemeinderat ausdrücklich erwünscht. »Wir sind bei der Verwaltung offene Türen eingerannt«, sagt Friedemann Rupp. Im größten und schon wegen seiner attraktiven Infrastruktur sehr beliebten Stadtbezirk ist die Nachfrage riesig – von Menschen, die herziehen wollen ebenso wie von bauwilligen Investoren. Weil sich die Bautätigkeit zwangsläufig aber auf die wenigen freien Flächen konzentriert, kann das, so die Erfahrung in Betzingen, zu einer »extremen Nachverdichtung« führen. Vor allem in den alten Vierteln im Ortskern mit ihren kleinen Häusern und Grundstücken werde nach einem Abriss oft größer und massiver gebaut, berichtet der Bezirksbürgermeister. »Da sind dann sehr viel mehr Wohneinheiten als vorher drauf.« Was einerseits gut sei, weil Wohnungen gebraucht und gerade innerörtlich auch erwünscht sind, was andererseits aber negative Begleiterscheinungen haben kann. Vor allem beim Parkraum: Der relativ niedrige Stellplatzschlüssel führe dazu, dass die »eh‘ schon zugeparkten Straßen noch voller werden«.
Aufwand überschaubar
»Der Druck auf Betzingen ist groß und wir merken, dass Bauprojekte zu Konflikten führen können«, fasst er das Dilemma zusammen. Deshalb die Bemühungen, möglichst viele Flächen für Wohnbau zu aktivieren – idealerweise Baulücken, bei denen der Aufwand überschaubar ist: Die im »Baulückenkataster« erfassten Grundstücke haben Baurecht und sind in aller Regel schon erschlossen. In Betzingen handelt es sich fast immer um Wiesen. Sie nicht zu bebauen, um Grünflächen zu erhalten, wie manche meinen, ist für Rupp keine Lösung. »Da hat niemand was davon – außer dass es grün aussieht.« Im Projekt sieht er die Chance, bei den Eigentümern das Bewusstsein für das Potenzial ihrer Grundstücke zu wecken. »Statt Aufwand reinzustecken könnten sie Gewinn rausziehen.«
Enormes Potenzial
Und dazu beitragen, dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Das Potenzial ist enorm: Würden alle 855 freien Grundstücke im Stadtgebiet aktiviert, könnte bei einer Bebauung mit jeweils drei bis vier Einheiten Wohnraum für 5.000 Einwohner entstehen, rechnet Stefan Dvorak, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Vermessung, vor. Machen nur fünf Prozent der Eigentümer mit, wären immerhin 300 Menschen mit Wohnungen versorgt. »Das wäre schon ein großer Erfolg«, sagt Alexander Dyjas, Leiter der Zentralen Steuerungsunterstützung, die mit dem Stadtplanungsamt das Kooperationsprojekt organisiert. »Klar bewegt uns das, es gibt viele, die händeringend Wohnraum suchen und in den Stadtbezirken bleiben wollen«, macht Dvorak die Dringlichkeit deutlich.
Individuelle Beratung
Über das städtische Geoportal wird die Verwaltung zunächst die infrage kommenden Baulücken in Betzingen erfassen und in einem Datenblatt festhalten, was dort rechtlich und technisch möglich ist. Die Grundstückseigentümer werden angeschrieben, ein Fragebogen soll Aufschluss geben, was ihre Absichten sind. Selber bauen, verkaufen, verpachten, ein zeitlich befristetes Wohnmodell wie ein Tiny House – die Verwaltung berät individuell, was möglich ist. Man werbe zwar dafür, dass die Grundstücksbesitzer mitmachen, mehr aber auch nicht. »Das ist völlig unverbindlich, wir setzen auf die Freiwilligkeit der Eigentümer«, sagt Dvorak. Nach dem Betzinger Probelauf soll das Modell aufs ganze Stadtgebiet ausgeweitet werden.
Vor über 20 Jahren gab es schon einmal einen Anlauf, in den Bezirksgemeinden Baulücken zu schließen. Es habe »gewisse Erfolge« gegeben, erinnert sich Stefan Dvorak, allerdings machten die Ortsvorsteher damals auch negative Erfahrungen. »Aber die Zeiten und die Bereitschaft ändern sich«, ist Alexander Dyjas optimistisch. Noch mal nachzufragen mache Sinn, findet auch Friedemann Rupp. »Es werden nicht alle aufspringen. Aber ich glaube, das kann gut werden.« (GEA)

