Logo
Aktuell Coronavirus

Abenteuer ganz alleine: Auf die Achalm

Was tun, wenn wenig geht? Ganz alleine eröffnen sich in Zeiten des Coronavirus viele Abenteuer, die sonst links oder rechts liegenbleiben. Man muss nur die Augen öffnen, und sich aufmachen. Eine Wanderung auf und um die Achalm bringt mehr als nur Weitblick.

Oben auf der Achalm gibt's ein bezauberndes Panorama auf die Stadt und die Alb.
Oben auf der Achalm gibt's ein bezauberndes Panorama auf die Stadt und die Alb. Foto: Stephan Zenke
Oben auf der Achalm gibt's ein bezauberndes Panorama auf die Stadt und die Alb.
Foto: Stephan Zenke

REUTLINGEN. Einfach aufwärts laufen, wenn vieles abwärts geht. Der Weg auf den 707 Meter hohen Reutlinger Hausberg mag bekannt scheinen, aber mit offenen Augen und dem Smartphone in der Hand warten viele Entdeckungen. Zeit hat man ja mehr als einem lieb ist. Eine attraktive Route hoch zur Achalm führt über die Burgstraße nach oben. Je weiter einen die Füße tragen, umso mehr gibt's zu sehen. Manchmal sogar Einblicke in Villen, die schon äußerlich bleibenden Eindruck machen.

Nicht nur Architektur vom Feinsten zeigt diese Villa am Hang.
Nicht nur Architektur vom Feinsten zeigt diese Villa am Hang. Foto: Stephan Zenke
Nicht nur Architektur vom Feinsten zeigt diese Villa am Hang.
Foto: Stephan Zenke

Da ist dieses Anwesen am Hang, das ebenso gut auch zwischen all den anderen Millionärsvillen am Cap d'Antibes stehen könnte. Von der Straße aus sind nur Zaun und Tor sowie drei polierte Klingelknöpfe ohne Namensschild zu betrachten. Netterweise hat der Architekt umfangreiche Innenansichten unter dem Titel »House an der Achalm by Alexander Brenner Architects - Fade out lines from dawn« auf Youtube veröffentlicht.

Im Film treten Menschen auf, die garantiert nicht die Bewohner sind. Kostümierte Darsteller laufen über den Balkon, eine attraktive Frau sitzt in der Badewanne, die Kamera schwenkt großzügig durchs Interieur. Einfach anschauen, während man davorsteht. Nur einige Meter weiter steht das ansehnlich alte Haus der ältesten Verbindung an der Hochschule Reutlingen.

Das Haus der T.T.V. Textilia, der ältesten studentischen Verbindung der Hochschule Reutlingen.
Das Haus der T.T.V. Textilia, der ältesten studentischen Verbindung der Hochschule Reutlingen. Foto: Stephan Zenke
Das Haus der T.T.V. Textilia, der ältesten studentischen Verbindung der Hochschule Reutlingen.
Foto: Stephan Zenke

Ein Blick auf den Briefkasten beweist: Hier ist die T.T.V. Textilia zu Hause, die sich nicht als Zweckgemeinschaft sondern Lebensbund versteht. Klar, hier lässt es sich hervorragend leben. Die Textiler kümmern sich um Erstsemester, richten Veranstaltungen aus, organisieren Vorträge und machen Unternehmensbesichtigungen. Was jeder hier anschauen kann, auch wenn er weder Student noch Unternehmer ist, sind viele schöne Häuser und ein zunehmend weiter Ausblick. Das Ende der Bebauungsgrenze markiert eine Straße, die ihrem Namen alle Ehre macht.

Göttlichen Beistand verspricht ein Wegekreuz am schönen Weg, vor das gläubige Menschen einige Kleinigkeiten gelegt haben.
Göttlichen Beistand verspricht ein Wegekreuz am schönen Weg, vor das gläubige Menschen einige Kleinigkeiten gelegt haben. Foto: Stephan Zenke
Göttlichen Beistand verspricht ein Wegekreuz am schönen Weg, vor das gläubige Menschen einige Kleinigkeiten gelegt haben.
Foto: Stephan Zenke

Der schöne Weg ist genau so. An der Kreuzung zur Burgstraße steht ein Wegekreuz, und verspricht göttlichen Beistand: »Ich bin da«. Davor haben gläubige Menschen auf dem Boden einige Kleinigkeiten hinterlassen. Nicht nur zwei Laternen, sondern gleich auch noch ein Fan-Feuerzeug des 1. FC Bayern zum Anzünden der Kerzen sowie eine Taschenbibel falls jemand Gottes Wort lesen möchte.

Erscheinungsbild und Größe der Gebäude am Weg lassen vermuten, dass die Besitzer sich gerne auch mal an tiefschwarzen Bilanzen erfreuen - zumindest bis die Krise gekommen ist. So hoch oben über Reutlingen gehen auch nicht nur jede Nacht die Sterne auf, sondern sie stehen tagsüber vor den Doppelgarage. Der Normalbürger erreicht nach wenigen Metern den städtischen Weinberg mit direktem Blick nach unten auf die Einfahrt des Scheibengipfeltunnels. Sehr beeindruckend, aber noch bezaubernder jetzt den Aufstieg fortzusetzen.

Normalerweise wäre die Terrasse des Achalm Restaurants ein vielbesuchter Ort.
Normalerweise wäre die Terrasse des Achalm Restaurants ein vielbesuchter Ort. Foto: Stephan Zenke
Normalerweise wäre die Terrasse des Achalm Restaurants ein vielbesuchter Ort.
Foto: Stephan Zenke

Es geht vorbei an Gütles mit Holzhütten, die liebevoll gebaut und gepflegt entzückend aussehen. Nach wenigen steilen Schritten kommt dann erstmals der allgemeine Stillstand ins Bewußtsein. Wie traurig, das elegante Hotel Achalm ohne Gäste vor sich auftauchen zu sehen. Nur die Bienen in einigen Stöcken auf der Wiese davor arbeiten emsig wie immer. An der Glastüre des Hotels hängt ein Zettel mit Worten, die aktuell vielerorts lesbar sind: »Liebe Gäste, aufgrund der aktuellen Verordnung des Landes Baden-Württemberg vom 20.3.2020 haben wir bis auf weiteres geschlossen... Auf bald bei uns auf der Achalm. Ihre Familie Dollinger«. Oh ja, was sich die Dollingers wünschen, spricht jedem aus dem Herzen. Denn an normalen Sonnentagen wäre auch die Terrasse des Achalm Restaurants der Platz schlechthin.

Doch jetzt blicken »Ziegenbär« und »Pferdebär« fassungslos ins Leere, sind Tische und Stühle ordentlich gestapelt. Der Parkplatz ist gesperrt, und vereinzelte Spaziergänger setzen sich traurig auf die Treppen. Zur Ablenkung könnte man sich auch einige Drohnenvideos anschauen, die die eigene bodennahe Perspektive erweitern.

Der Blick vom Turm der Achalm ist wunderschön.
Der Blick vom Turm der Achalm ist wunderschön. Foto: Stephan Zenke
Der Blick vom Turm der Achalm ist wunderschön.
Foto: Stephan Zenke

Weitergehen, hilft ja alles nichts. Ab hier führen viele Routen zum Gipfel. Entweder hart und steil ganz direkt, oder sanft gewunden in Serpentinen. In jedem Fall breit genug, um niemandem zu nahe zu kommen. Auch oben rund um den 1838 auf Wunsch von König Wilhelm I. auf den Grundmauern des Bergfrieds gebauten Turm der im 11. Jahrhundert entstandenen Burg der Grafen Egino und Rudolf ist mehr als genügend Platz um hübsch distanziert voneinander Platz zu nehmen. Wie diese Burg mal ausgesehen hat, lässt sich in einer Animation der Stadt Reutlingen nachvollziehen. Denn hier oben ist nicht nur das Panorama ausgezeichnet, sondern auch das Mobilfunknetz.

Zwei Holztische mit Bänken sind ebenso wie eine gemauerte Feuerstelle ganzjährig geöffnet, und weil hier noch nie irgendein Kiosk oder Cafe gewesen ist, fällt der gastronomische Shut-Down auch nicht unangenehm auf. Abenteurer packen jetzt die Thermoskanne mit Kaffee und ein süßes Stückchen aus ihrem Rucksack aus. Oben auf dem Turm zeigt eine kreisrunde Plakette in welche Richtung was zu erblicken ist. Der Rundumblick ist atemberaubend. Klar wieso hier viele Menschen gerne Urlaub machen. Wem Natur pur nicht ausreicht, nimmt beim Abstieg noch eine Portion Kunst mit.

Schattenspiel mit Stadtansichten im Turm der Achalm.
Schattenspiel mit Stadtansichten im Turm der Achalm. Foto: Stephan Zenke
Schattenspiel mit Stadtansichten im Turm der Achalm.
Foto: Stephan Zenke

Denn der HAP Grieshaber Weg führt direkt zum ehemaligen Wohnort des großen Holzschneiders. Die Ansammlung von Hütten ist vom Zahn der Zeit stark mitgenommen, blaue Folie schützt die Dächer. Jedoch haben Kunstfreunde dafür gesorgt, dass sich Vergangenheit und Gegenwart an diesem geschichtsträchtigen Ort vereinen: In Sichtweite des Hauses steht eine Replik des von HAP Grieshaber 1959 geschaffenen Objekts »Poseidon und Amphitrite«. Es handelt sich dabei um ein Glaskristallmosaik, das im Licht der Sonne strahlt. Eine Ruhebank davor lädt zum Verweilen ein. (GEA)

Eine kreisrunde Plakette weist auf der Aussichtsplattform des Turmes den Weg in die Ferne.
Eine kreisrunde Plakette weist auf der Aussichtsplattform des Turmes den Weg in die Ferne. Foto: Stephan Zenke
Eine kreisrunde Plakette weist auf der Aussichtsplattform des Turmes den Weg in die Ferne.
Foto: Stephan Zenke

Mehr als zwei Menschen sollen sich nicht versammeln - na das lässt sich auf der Achalm machen.
Mehr als zwei Menschen sollen sich nicht versammeln - na das lässt sich auf der Achalm machen. Foto: Stephan Zenke
Mehr als zwei Menschen sollen sich nicht versammeln - na das lässt sich auf der Achalm machen.
Foto: Stephan Zenke