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96-Jähriger Reutlinger im Tennis-Duell mit GEA-Redakteurin

Josef Szajowski, passionierter Tennisspieler beim PSV Reutlingen, ist mit fast 96 Jahren fit wie ein Turnschuh

Mit 95 Jahren immer am Ball: Josef Szajowski vom PSV Reutlingen spielt seit 50 Jahren Tennis, ist viel gelaufen und früher Ski g
Mit 95 Jahren immer am Ball: Josef Szajowski vom PSV Reutlingen spielt seit 50 Jahren Tennis, ist viel gelaufen und früher Ski gefahren. Jetzt hat er sich in einem Fitnessstudio angemeldet. FOTOS: PACHER
Mit 95 Jahren immer am Ball: Josef Szajowski vom PSV Reutlingen spielt seit 50 Jahren Tennis, ist viel gelaufen und früher Ski gefahren. Jetzt hat er sich in einem Fitnessstudio angemeldet. FOTOS: PACHER

REUTLINGEN. »Die Tennisabteilung des PSV Reutlingen hat ein Mitglied, das in diesem Jahr 96 wird und immer noch aktiv spielt«, schreibt Abteilungsleiter Bernd Kuhnle an den GEA. Ob das nicht einen Bericht wert sei? Unbedingt, finden wir. Das Ganze klingt allerdings so unglaublich, dass die Kollegen einen Praxistest vorschlagen. Weil ich die einzige bin, die Tennis spielt – wenn auch nur auf gediegenem Hobbyniveau – soll ich gegen den alten Herrn antreten. Josef Szajowski heißt er. Und ist sofort begeistert.

Wir verabreden uns in der PSV-Halle. Je mehr man über einen Gegner weiß, desto besser kann man sich aufs Match einstellen, heißt es in den Tennislehrbüchern. Also nutze ich die Zeit, um etwas über Josef Szajowski herauszufinden. Er sei sehr flink, verrät Bernd Kuhnle. »Ich bin immer wieder aufs Neue von seiner Fitness und seiner Reaktionsgeschwindigkeit überrascht.« Beim Stöbern in den GEA-Archiven entdecke ich, dass Josef Szajowski beim Spendenmarathon 2013 mit 91 Jahren der älteste Teilnehmer war und, wie in dem Bericht ausdrücklich betont wurde, »selbst nach Runde sieben noch keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigte«. Das kann ja heiter werden. Auch die Google-Suche ergibt einen Treffer. Der 95-Jährige – im März wird er 96 – ist auf Facebook unterwegs. Also ein Mensch, der nicht nur körperlich, sondern auch geistig Schritt hält.

Ein letztes Telefonat, die Mailbox ist auf Englisch. Josef Szajowski bestätigt, was Kuhnle erzählt hat. »Ja, ja, das stimmt, ich bin noch sehr flink auf den Beinen«, sagt er, und es klingt fröhlich. Er erwähnt auch, dass er seit mindestens 50 Jahren Tennis spielt. Meine mentale Balance ist akut gefährdet. Der Mann ist mir unheimlich.

»Ich will gewinnen. Das war immer so. Aber das ist ja nichts Besonderes«

Und dann ist es so weit. Szajowski fährt mit einem quietschgelben Kleinwagen vor. Ein netter, zuvorkommender Senior. In der PSV-Halle wird noch gespielt. »Der hat Schläge!«, sagt eine Tennisspielerin, als sie meinen Gegner entdeckt. Mit flotten Shorts und Weste überm Sporthemd kommt er aus der Umkleide, setzt entschlossen sein Käppi auf. Ein drahtiger Mann, energiegeladen. 95? Das kann unmöglich sein. »Ich hab meinen Pass dabei«, sagt er und lacht.

Wir spielen uns ein. Für mich gibt es nichts zu lachen. Josef Szajowskis Schläge sind fies unterschnitten, haben ordentlich Drive. Und kaum ein Return, den er nicht erwischt. Mir wird schnell klar: Wer glaubt, mit diesem 95-Jährigen leichtes Spiel zu haben, irrt. Ich entledige mich meiner Trainingsjacke. Szajowski behält seine Weste an.

Gratulation nach dem Spiel – aber Josef Szajowski besteht auf  Revanche.
Gratulation nach dem Spiel – aber Josef Szajowski besteht auf Revanche.
Gratulation nach dem Spiel – aber Josef Szajowski besteht auf Revanche.

Das erste Spiel, mein Gegner schlägt auf. Sicher, platziert. Ich kriege den Ball, doch der kommt kurz cross zurück – unerreichbar. Szajowskis Winkelspiel hält mich in Atem. Gelegentlich gehen die an die Linie gespielten Bälle ins Aus. Ich nehme ihm sein erstes Aufschlagspiel knapp ab, er mir meines: Der 95-jährige kommt mit seinen flinken Beinen tatsächlich an Bälle, die viele andere nicht erreicht hätten. Technisch sauber spielt er, taktisch klug. »Er weiß genau, wo er hinspielen muss, damit’s dem Gegner weh tut«, sagt Bernd Kuhnle nach dem Match. Wohl wahr. Ich muss viel laufen, gewinne am Ende aber. Zu viele Bälle von Szajowski sind knapp im Aus gelandet. Seine Augen sind nicht mehr in Ordnung, erzählt er. Altersbedingt, zu machen ist da nichts mehr. Außerdem ist er aus der Übung: Sein letztes Match war im September draußen auf Sand. Da hatte ich ja noch mal Glück.

Fast eine Stunde haben wir gespielt. Josef Szajowski zeigt nicht die geringste Spur von Erschöpfung. Er schlägt einen zweiten Satz vor. »Ich will Revanche.« Ich entschuldige mich mit der Arbeit, die – leider! – dringend ruft. Er hätte auch noch einen dritten Satz gespielt, sagt er wenig später im PSV-Vereinsheim bei einem Glas Mineralwasser. Und ja, beantwortet er meine Frage, er sei ehrgeizig. »Ich will gewinnen. Das war immer so. Aber das ist ja nichts Besonderes.«

Sportlich war er schon von klein auf. Basketball in der Jugend, Skifahren, Laufen. Und später Tennis, seine Leidenschaft. In Stettin, wo er aufgewachsen ist, fing er damit an. Als er in den Achtzigerjahren nach Deutschland kam, blitzte er im Tennisclub in seinem Wohnort Pfullingen ab: Es war die Zeit von Boris Becker und Steffi Graf, der »weiße« Sport boomte, es gab Wartezeiten von bis zu einem Jahr und hohe Aufnahmegebühren. Über die TSG kam Szajowski schließlich zu seiner heutigen Tennis-Heimat, dem PSV Reutlingen. Dort spielt er in den Hobbyrunden der »Gemsen« (gemischte Senioren) mit – und beim regelmäßigen Training, immer dienstags zwei Stunden. Als ob das nicht genug wäre für einen 95-Jährigen, hat er sich jetzt auch noch in einem Fitnessstudio angemeldet. Um, so Szajowski, dem »Muskelschwund« entgegenzuwirken.

»Ich habe gelebt. Getrunken, alles gegessen, Sport gemacht – aber nie übertrieben«

Ich frage ihn, was er gemacht hat, um mit 95 Jahren noch so fit zu sein. »Gearbeitet«, heißt die schlichte Antwort. »Nur Sport treiben reicht nicht. Man muss auch den Computer bewegen«, sagt Szajowski und tippt an den Kopf. Der promovierte Diplom-Betriebswirt war in Stettin in der Schiffbauindustrie beschäftigt und kam wegen der politischen Unruhen in seiner polnischen Heimat Anfang der Achtzigerjahre nach Deutschland.

In Stuttgart stieg er bei einer Consultingfirma ein, später in Pfullingen bei einer weltweit tätigen Industriegruppe, wo er das Controlling organisierte. »Ich habe seit 1945 ununterbrochen bis 2014 gearbeitet.« Ich habe mich nicht verhört. Warum bis ins hohe Alter? »Es hat mir Spaß gemacht«, sagt der Mann, für den Stillstand ein Fremdwort ist: Von seinem neuen Wohnort Reutlingen zum Arbeitsplatz in Pfullingen lief er bis zu seinem »Ruhestand« mit 92 Jahren jeden Morgen zu Fuß – tagtäglich fünf Kilometer. »Richtige Arbeit«, wie er es ausdrückt, gehört auch heute noch zu seinem Alltag. »Ich mache den ganzen Haushalt, gehe einkaufen.« Nur das Kochen überlässt er seiner Frau.

Eleganter Aufschläger.
Eleganter Aufschläger.
Eleganter Aufschläger.

Körperlich topfit, geistig hellwach: Josef Szajowski interessiert sich »sehr« für Politik, liest überregionale Zeitungen und Politmagazine, kommuniziert mit den Töchtern in Schweden und den USA über WhatsApp oder Messenger, wenn er sie nicht gerade besucht. »Und Skype, sowieso.« Er liebt politische Diskussionen. Tabu sind sie nur bei seiner in Kalifornien lebenden Tochter. Sie ist Trump-Anhängerin. »Das hab’ ich ihr nie verziehen.« Das Thema wird nicht mehr angesprochen, das Verhältnis ist seither »okay«.

Dass er noch so fit ist, weiß Josef Szajowski zu schätzen. »Ich hatte Glück, ich war nie krank.« Ich frage ihn, ob er immer gesund gelebt hat. »Ich habe gelebt. Getrunken, alles gegessen, Sport gemacht – aber nie übertrieben.« Ein sympathischer Genießer. Wir verabschieden uns. Er bietet mir das Du an, wie in Tenniskreisen üblich. Und eine Revanche, unbedingt, im Sommer. Ich muss mich trotzdem warm anziehen. (GEA)