REUTLINGEN. Nevzat Salim erinnert sich noch genau zurück an das Reutlinger Stadtfest im Jahre 1969, das damals noch »Straßenfest« hieß. Überrascht und mit fragenden Gesichtern blieben die Reutlinger stehen, als sie den Stand von Salim vor dem Rathaus sahen. Sie alle stellten sich dieselbe Frage: Was hat es nur mit diesem drehenden Spieß auf sich? Was ist das? Aus heutiger Sicht ist diese Frage ganz einfach zu beantworten: Das ist Döner.
Er ist aus dem Stadtbild, dem Leben vieler Deutscher, egal ob jung oder alt, längst nicht mehr wegzudenken und feiert in diesem Jahr sein 50-Jahr-Jubiläum in Deutschland. Geht es jedoch nach den Erzählungen von Salim, dann müsste die türkische Spezialität bereits ihr 52-jähriges Bestehen feiern. Und hier ist der Haken an der Geschichte. Denn über die Urheberschaft des Döners in Deutschland gibt es unterschiedliche Versionen.
Offiziell gilt nämlich Kadir Numan in Berlin als Wegbereiter des Döners in Deutschland. Er soll 1972 die türkische Spezialität als Erster verkauft haben. Gleichzeitig beansprucht allerdings auch der Berliner Gastronom Mehmet Aygün die Urheberschaft für sich. Er habe bereits 1971 Döner in der Hauptstadt verkauft. Was stimmt jetzt also?
Als Beweis kann Salim Bilder von Straßenfesten vorweisen, auch von 1969, Schwarz-Weiß- und Farbbilder, die mehr oder weniger deutlich als Abbild der 60er- und 70er-Jahre durchgehen. Bezeugen können es der damalige Vorsitzende des türkischen Arbeitnehmervereins Reutlingen Nihat Yüce und dessen Mitglieder. Sie waren schließlich dabei, damals im Sommer 1969. Gegen seine Version spricht, dass es im Stadtarchiv Reutlingen erst ab 1977 offiziell Stadtfeste gibt, heißt es. Stadtfeste im Jahr 1969 hingegen lassen sich nicht nachweisen. Trotzdem können sie stattgefunden haben, aber eben ohne, dass dies dokumentiert wäre.
Wie geht Salim damit um? Beschäftigt ihn das? Macht es ihn gar wütend, offiziell nicht als die erste Person anerkannt zu werden, die einen Döner in Deutschland verkauft hat? »Überhaupt nicht. Ich freue mich vielmehr, dass sich der Döner hier so etabliert hat.« Für ihn, seine Familie, Freunde und Bekannte ist schließlich eh klar: Der Döner fand von Reutlingen aus den Weg ins große Deutschland.
»Sie blieben so lange, bis sie endlich ihren Döner bekamen«
Er stellt sich immer wieder die Frage, wie das aus Berlin hätte möglich sein sollen. In Zeiten der DDR, in der West-Berlin eine einsame Insel war, umgeben von Mauern auf dem Gebiet Ost-Deutschlands. »Da wurde doch an der Grenze strengstens kontrolliert, was man mit sich führt«, betont Salim. Zudem hätte es moderne Kühlwagen gebraucht. Das seien nicht die besten Voraussetzungen dafür, ein Produkt über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen.
Salim gab bereits viele Interviews, in denen er davon berichtete, dass er bereits zwei Jahre früher als seine Döner-Kontrahenten aus Berlin Kebab verkaufte. Ihre Reaktion? Schweigen. Keine Reaktion. Keine Lügen-Vorwürfe. Gar nichts. »Für mich ist das ein weiterer Beweis dafür, dass meine Version der Geschichte stimmt«, sagt er. Berlin habe medial viel dafür getan, dass es als Geburtsstadt des deutschen Döners gilt. Reutlingen hingegen habe hinsichtlich der Vermarktung geschlafen und nur wenig Interesse gezeigt, so Salim. Der 69-Jährige, der aus der türkischen Stadt Bursa stammt, die als Geburtsort des »Iskender Kebab« gilt, auch Bursa Kebab oder Yogurtlu Kebab genannt, blickt heute – vermutlich 52 Jahre später – voller schöner Erinnerungen auf die Geburtsstunde des Döners in Reutlingen zurück. »Im ersten Moment dachten alle, das sei Leberkäse«, sagt Salim, bevor er sich ein Lachen verkneifen muss und weitererzählt: »Die Reutlinger konnten damals das Wort Döner nicht richtig aussprechen. Sie haben das Ö immer extrem in die Länge gezogen.« Undenkbar heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später. Die Reutlinger hätten den Döner an diesem Tag das erste Mal gesehen und kennengelernt, wie die türkischstämmigen Menschen den traditionellen Leberkäse. »Das war ein toller kultureller Austausch«, betont Salim.
Am ersten Tag gingen mehr als 25 Kilo Dönerfleisch über die Theke. Auch an den kommenden beiden Tagen sank die Nachfrage keinesfalls. Sie stieg sogar. Es bildeten sich Warteschlangen »von bis zu dreißig Metern«, erinnert sich Salim. Als das Stadtfest spätabends schon längst vorüber war, hätten immer noch etliche Menschen Schlange gestanden. »Sie blieben so lange, bis sie endlich ihren Döner bekamen.«
Da damals die heute üblichen Fladenbrote noch nicht verbreitet waren, bekamen die Reutlinger ihren Döner in einem Brötchen serviert. »Wir waren mächtig stolz, dass wir die Türkei und türkische Gerichte bekannt machen durften«, berichtet er. Nach seinen Erfolgen auf den Straßenfesten ist Salim voll in die Gastronomie eingestiegen, und das nicht unbedingt mit türkischer Küche. Er kochte vorzüglich bürgerlich-schwäbisch. Unter anderem hatte er mehrere Jahre den »Ratskeller« in Tübingen, später das »Rebstöckle« in Reutlingen und das Restaurant »Hohenzollern« in Bisingen. 1992 übernahm er den Gastronomiebereich »Käpt’n Nemo« im Freizeitbad »Nautilla« in Illertissen/Allgäu. Seine Kinder wuchsen in Reutlingen auf, Tochter Soraya, eine gelernte Hotel- und Restaurantfachfrau, betrieb jahrelang das Szene-Lokal »Dolce« in der Gartenstraße.
Das Erfolgsmodell des Döners erklärt Nevzat Salim prägnant mit vier Worten: »Einfach, hohe Verfügbarkeit, schnell zu essen und sättigend.« Fremden »Döner Kebab« zu essen, kommt ihm allerdings nicht in den Sinn, weil die Qualität in den letzten Jahren nachgelassen habe. Die oftmaligen Dumping-Preise lösen bei ihm Schnappatmung und Kopfschütteln aus. Der 69-Jährige fordert: »Bietet hohe Qualität und verlangt angemessene Preise dafür.« Er selbst bezog sein Fleisch nur von ortsansässigen Metzgereien.
»Einfach, hohe Verfügbarkeit, schnell zu essen und sättigend«
Blickt er auf die heutige Kebab-Landschaft, dann spricht er immer wieder von »kaltem Döner-Salat«, der serviert werde. So hat für ihn beispielsweise Rotkraut nichts in einem Döner zu suchen. »Es verfälscht den Geschmack des Fleisches, und somit ist es kein pikantes traditionelles Kebab mehr.« Es komme schließlich auch keiner auf die Idee, Rotkraut auf warmes Grillfleisch zu legen. Ebenso wenig gehöre zum Kebab Mayonnaise. Er ist ein Verfechter, den Döner so schlicht wie möglich zu halten. So könne das Fleisch seinen wahren Geschmack entfalten.
Wem sollte man das glauben, wenn nicht ihm, dem Mann, der den Döner nach Reutlingen brachte und möglicherweise Deutschlands Kebab-Pionier ist. Diese Frage wird wohl nie endgültig geklärt. Was soll’s … Auf die nächsten 50 – Pardon, 52 Jahre Döner! (GEA)


