REUTLINGEN. In Zeiten klammer Kassen sind Städte auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Eine Möglichkeit bietet die Einführung einer Übernachtungssteuer, wie sie in Tübingen bereits Mitte November beschlossen wurde. Das schlägt die Stadtverwaltung dem Reutlinger Gemeinderat nun ebenfalls vor. In der Hotelbranche sorgt das für Unverständnis.
»Man wird in der Branche keine Befürworter finden«
Gerhard Gumpper, Vorsitzender der Reutlinger Kreisstelle des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), kann eine Übernachtungssteuer nicht gutheißen. »Man wird in der Branche keine Befürworter finden. Den Betrieben geht es nicht gut und eine solche Abgabe macht das nicht besser. Das ist weder den Gästen noch den Hotels gegenüber dienlich«, sagt der Betreiber des Forellenhof Rössle in Lichtenstein.
Gumpper befürchtet, dass die Erträge einer Touristensteuer nicht den Gasthäusern zugute kommen, sondern genutzt werden, um »kommunale Löcher zu stopfen.« Ihm ist zwar klar, dass die Steuer letztlich von den Gästen bezahlt wird. Allerdings könnte die Erhöhung der Preise einen Rückgang der Besucher zur Folge haben. Was schlecht wäre, ist die Auslastung der Reutlinger Hotels laut Gumpper ohnehin schon unbefriedigend. Dass es der Stadt finanziell nicht gut geht und gespart werden muss, sei zwar verständlich, allerdings profitiere Reutlingen auch von einer starken Hotelbranche.
»Reutlingen ist leider keine Urlaubsregion«
Auch bei Dieter Heideker, Eigentümer des Hotels Württemberger Hof, stößt die Bettensteuer nicht auf allzu große Begeisterung. Ihm stellt sich ebenfalls die Frage, wofür die daraus erzielten Mehreinnahmen verwendet werden sollten. »Werden damit irgendwelche Löcher gestopft oder fließt das Geld in die Weiterentwicklung und Förderung des Tourismus?«, antwortet Heideker auf GEA-Anfrage.
Zudem hebt er die zahlreichen Belastungen hervor, mit denen Hotels in den letzten Jahren zu kämpfen hatten. Unter anderem die gestiegenen Energiekosten, Mieten sowie Personalausgaben. Hinzu kommt: »Reutlingen ist leider keine Urlaubsregion. Der Großteil der Gäste stellt sich aus Geschäftsreisenden und Handwerkern zusammen. Wie es um die Geschäftswelt im Landkreis bestellt ist, muss man hier nicht diskutieren«, meint Heideker. Zusätzliche Belastungen könnten nur schwer weiter berechnet werden.
»Eine zusätzliche finanzielle Belastung wäre für die Firmenkundschaft und auch für uns Hoteliers fast nicht mehr tragbar«
Hans-Joachim Neveling, Eigentümer der Fortuna Hotels, schlägt in dieselbe Kerbe wie Dieter Heideker. Viele Geschäftsreisende und wenige Touristen gebe es in Reutlingen. »Jetzt schon stöhnen die Firmen über die hohen Übernachtungspreise, weil auch deren Geschäfte zum großen Teil nicht mehr gut laufen«, meint Neveling. Dabei seien die Preise im Verhältnis zu anderen Städten sehr günstig.
Wie seine Kollegen beklagt er die gestiegenen Personal- und Energiekosten, sowie hohe Provisionen an diverse Buchungsportale im Internet. »Eine zusätzliche finanzielle Belastung wäre für die Firmenkundschaft und auch für uns Hoteliers fast nicht mehr tragbar«, mahnt Neveling und stellt klar: »Wenn die Stadt weiterhin Gäste haben möchte, die auch andere Umsätze in Reutlingen generieren, dann wäre die Bettensteuer das falsche Signal und geschäftsschädigend.«
»Ein großer Teil der Arbeit muss von den Beherbergungsbetrieben geleistet werden«
Die IHK positioniert sich ebenfalls gegen die Abzüge: »Wir sind dagegen, weil die Gefahr besteht, dass am Ende der Erhebungsaufwand einen wesentlichen Teil der Einnahmen auffrisst. Zudem muss ein großer Teil der Arbeit von den Beherbergungsbetrieben geleistet werden«, erklärt Dr. Wolfgang Epp, IHK-Hauptgeschäftsführer, in einer Stellungnahme. Zudem betont auch Epple, dass sichergestellt werden müsse, dass die Einnahmen in touristische Infrastrukturen oder Marketingmaßnahmen fließen. Um zu kontrollieren, was mit den Geldern passiert, solle es einen Beirat mit der Wirtschaft geben.
Eine mögliche Übernachtungssteuer in Reutlingen könnte also noch für reichlich Diskussionen sorgen. (GEA)
Tourismus in Reutlingen
Der Tourismus, insbesondere der Geschäftstourismus, ist in Reutlingen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In den letzten beiden Jahren gab es in der Stadt jährlich rund 230.000 Übernachtungen, teilt Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Roland Wintzen auf Anfrage mit. 2023 haben Übernachtungs- und Tagesgäste für einen Brutto-Umsatz von fast 206 Millionen Euro gesorgt. Davon profitieren neben dem Gastgewerbe auch weitere Branchen.

