REUTLINGEN. Am 13. Dezember hat das italienische Restaurant Leonardo im Laisen zum letzten Mal geöffnet. Die Inhaber Tommaso und Rosamaria Procopio glauben, dass sie zu den dienstältesten italienischen Gastronomen der Stadt gehören. Sie eröffneten ihr Lokal mit Weitblick noch vor Da Piero und dem Team vom Pfauen, nämlich vor 26 Jahren - davor tischten sie bereits zehn Jahre in Wannweil die Küche ihrer süditalienischen Heimat auf. Wann genau der erste »Italiener« in der Stadt aufgemacht hat, gibt das GEA-Archiv nicht her. Sicher schon lange zuvor. Die erste Pizzeria Deutschlands soll schließlich schon 1952 in Würzburg eröffnet haben.
Schon nach dem Krieg wurde Italien zum Traumziel - aus Süddeutschland waren Bozen und Triest auch mit dem Moped oder VW Käfer gut zu erreichen. Reisen weckten die Liebe zur italienischen Küche - auch daheim. Und mit dem ersten Anwerbeabkommen des Landes Baden-Württemberg stieg Ende 1955 der Anteil der italienischstämmigen Bevölkerung. In Reutlingen lebten vor 50 Jahren 1.770 italienische Zuwanderer, etwa ein Sechstel der rund elf Prozent Ausländeranteil an der Stadtbevölkerung. Die damaligen Wirte sind heute selbstredend nicht mehr aktiv. Doch ein Stadtbummel zeigt: Es gibt nach wie vor zahlreiche kleine, unabhängige italienische Lokale. Dass vieles Familienbetriebe sind, ist einer der Gründe, weshalb sich diese Gaststätten lange halten. Der GEA hat sich in einigen der langjährigsten »Ristorantes« der Stadt umgesehen und umgehört.
Primafila: 36 Jahre unter demselben Namen, davon 34 mit demselben Küchenchef

Das Ristorante Primafila im Wohngebiet Burgholz am Ortsausgang in Richtung Metzingen liegt ziemlich versteckt. »Hier kommt niemand durch Zufall vorbei«, sagt Antonio Lorusso. Die Geschichte des Lokals, das auf Deutsch »Erste Reihe« heißt, begann an einem Ort mit mehr Passanten: am Bahnhof. Und zwar schon im November 1989. Mit 36 Jahren durchgehendem Betrieb unter demselben Namen dürfte es das älteste bestehende italienische Restaurant in Reutlingen sein. Der heute 56-jährige Lorusso hatte in seiner Heimat Andria in Apulien schon mit 13 Jahren als Pizzabäcker die gastronomische Laufbahn eingeschlagen. Mit 17 kam er nach Deutschland. »Ich wollte nur ein paar Jahre bleiben«, sagt er. »Doch dann habe ich meine Frau kennengelernt.« L'amore! Seit 1991 - also seit 34 Jahren - arbeitet er als Koch im Primafila, seit 1993 ist er dessen Inhaber. 1998 zog das Lokal um in die Räume in der Georg-Friedrich-Händel-Straße 1.
2004 stieß Giovanni Nicolais als Kompagnon dazu. Er war 1981 nach Deutschland gekommen - infolge des verheerenden Erdbebens mit fast 3.000 Todesopfern am 23. November 1980. Denn unter den 300 zerstörten Häusern war auch das seiner Familie in der Region Neapel. Auch er wollte anfangs bald wieder zurück, doch »die Gemütlichkeit des Lebens hier« veranlasste ihn zu bleiben. Der 65-Jährige leitet heute zusammen mit Lorussos Frau Andrea den Service.

Das Erfolgsrezept dieses inzwischen rein über Mundpropaganda florierenden Ristorante: »Wir leben von Stammgästen«, erklären die beiden Patrones. Nicht wenige, die in den liebevoll familiär eingerichteten Gasträumen für rund 75 Gäste mit separatem Nebenzimmer und ruhiger Gartenterrasse schon die Taufe gefeiert haben, kommen zur Hochzeit wieder. Spätestens. Der günstige Mittagstisch ist auch für Familien attraktiv. Das ist den Inhabern wichtig. Hohe Qualität, regional und erschwinglich. Doch wie Tommaso und Rosamaria Procopio vom Leonardo fürchten auch Lorusso und Nicolais, dass das Überleben kleiner Familienbetriebe in der Gastronomie gefährdet ist. Ihre Hoffnung liegt auf einer baldigen Mehrwertsteuersenkung - »damit beide Seiten Luft haben, Wirte und Gäste«, sagt Toni Lorusso.
Il Panino: In 34 Jahren vom Stehrestaurant zur Osteria

Il Panino gibt es in Reutlingen schon seit 34 Jahren: 1991 eröffnete Aldo De Luca sein »Brötchen« als kleines Restaurant mit Stehtischen in der Kanzleistraße 48 - hinter dem Pfauen. 2011 zog er in die Albstraße 26 um. Während De Luca in Italien studierte, lebten seine Eltern schon zwischen 1972 und 1989 in Metzingen. So war er während der Schulferien oft in Deutschland zu Besuch. »Meine Familie war seit Jahrhunderten in der Gastronomie beschäftigt«, erzählt der aus Süditalien stammende Geschäftsführer. Auch seine drei Brüder betreiben eigene Restaurants - auf den Balearen.
»Die Lust der Reutlinger Kunden« auf italienische Spezialitäten sei über Jahrzehnte gleich geblieben, berichtet er. »Allerdings gab es in den letzten 15 Jahren eine riesige Steigerung in Kenntnissen und dementsprechend auch in Ansprüchen.« Seine Osteria mit Enoteca im roten Eckhaus - dem ehemaligen See - am Wendler-Areal lebt überwiegend von treuen Stammkunden, Laufkundschaft ist am Rand des Stadtzentrums ebenso selten wie Touristen.
Ristorante Lichtenstein: 33 Jahre in einer Hand

Das Lichtenstein ist eine der ältesten Reutlinger Wirtschaften. Auch wenn in dem sonnengelben Haus an der Ecke Alb-/ Innere Kelterstraße nicht immer italienisch gegessen wurde, so wird es doch auch als eine der ältesten Pizzerien Reutlingens aufgeführt. Stella Ciolli war dort schon mit ihrer Familie zu Gast, bevor sie es 1992 vom italienischen Vorbesitzer übernommen hat. »Damals war ich 28 Jahre jung«, berichtet sie. »Davor hatte ich keinerlei Erfahrung in der Gastronomie – ich war also ganz neu in der Branche. Umso mehr erfüllt es mich mit Stolz, dass ich das Restaurant nun schon seit 33 Jahren führe.«
Seitdem beglückt Stella Ciolli die Reutlinger Italien-Liebhaber mit Pasta und Pesce, Spaghetti und Scaloppine, nicht zu vergessen: Tiramisu. »Mir ist keine andere Gastronomie in Reutlingen bekannt, die so lange vom selben Inhaber betrieben wird«, sagt sie. Nach wie vor genieße sie als Wirtin jeden Tag – »sowohl mit unseren treuen Stammgästen als auch mit neuen Gesichtern, die den Weg zu uns finden«. Seit fast drei Jahren arbeitet ihr ältester Sohn Gianluca Bennardo im Service mit, und auch ihr jüngster Sohn hilft regelmäßig in dem freundlichen Lokal mit der strahlenden pannacottafarbenen Lambretta vor der Theke – ein Generationen vereinender Familienbetrieb.

29 Jahre Gastro-Erfahrung im La Perla
Vor der Trattoria Pizzeria La Perla in der Deckerstraße 3 hatte Mario Torsello schon 15 Jahre ein kleines Lokal am Lindenbrunnen betrieben. Vor 13 Jahren zog der heute 62-Jährige mit seiner Frau Cristina, die seit 25 Jahren die Gäste bekocht, in die Gasse parallel zur Kanzleistraße, die vom List-Gymnasium zum Heimatmuseum führt. Die mutet mit drei italienischen Restaurants heute an wie eine mediterrane Meile.
Der gelernte Kellner Torsello ist zwar in Hülben geboren, doch seine Wurzeln liegen im süditalienischen Lecce. Von dort stammen auch die Gerichte, die das Paar an Tischen mit den klassisch rot-weiß-karierten Tischdecken serviert. Er mag es, dass viele Gäste wiederkehren. »Die werden alt mit uns, jetzt kommen auch schon deren Kinder.«
Mehr als 26 Jahre im Geschäft - Vom Grünen Baum zu La Bruschetta
Familie Cantarella hatte schon mehr als 20 Jahre lang den Grünen Baum in der Wörthstraße 13 bewirtschaftet, bevor Gabi, Eva und Giuseppe im Januar 2019 das La Bruschetta in der VHS übernahmen - macht zusammen mehr als 26 Jahre als Institution und sympathischer Inbegriff italienischer Lebensart in der Stadt.
26 Jahre Da Nico - und einiges mehr
Insgesamt gehören Continos zu den altgedientesten italienischen Gastronomenfamilien in der Region. Denn schon bevor Nico und Maria mit ihrem Sohn Carlo Contino in der Albstraße 16 - schräg gegenüber vom Lichtenstein - vor 15 Jahren das Da Nico eröffnet haben, hatten sie 26 Jahre lang in Pfullingen unter anderem die Pizzeria Georgenberg geführt. Seit diesem Jahr bietet das freundlich-elegante Ristorante mit 70 Sitzplätzen im Neubau plus Terrasse »e di piú« - noch etwas mehr. Sohn Carlo und die Schwiegertochter Sabine führen die Tradition mit neuem Konzept fort. Dazu gehört eine Feinkost-Ecke und Vino-Bar. Motto: »Bewährtes soll man nicht ändern, wir erweitern es einfach.«
Von Null bis 25
Sebastian Mocuta blickt eigener Auskunft zufolge im lauschigen Come sempre mit 30 Plätzen in der Lindenstraße nahe der Oberen Wilhelmstraße ebenfalls schon auf mehr als 25 Jahre Erfahrung zurück. Im Pfauen bewirten Enzo und Francesco Vasca, die einer Gastronomenfamilie aus Apulien entstammen, die Reutlinger seit genau 25 Jahren auf italienische Art. Anfang 2000 hatten die Brüder das Restaurant im Neubau an der Stelle eines drei Jahre zuvor niedergebrannten, aufs Jahr 1802 zurückgehenden Traditionsgasthauses an der Stadtmauer eröffnet - mit Vater Ricardo am Herd. Vor der Kanzleistraße 52 in Reutlingen hatten Vascas fünf Jahre lang ein Ristorante in der Tübinger Bismarckstraße. Auch Alfio Leocata hat im Lauf seiner Wirtszeit den Schauplatz gewechselt - allerdings innerhalb der Reutlinger Innenstadt: Begonnen hatte er 2005 - also vor 20 Jahren - mit der Espresso Bar im Breuninger, wechselte von dort 2012 bis 2018 ins En Ville und hat 2019 nach einem Umbau das Alfredo im Frankonenweg 8 aufgemacht. Hatte er im En Ville schon den späteren Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bedient, der damals noch Außenminister war, gewann er in der Alten Mühle mit seinem Team 2022 die TV-Show »mein Lokal, dein Lokal«. Carmine Infantes Trattoria Mare e Monti in der Bismarckstraße 32 hat eine lange Tradition, hieß früher unter seinen Vorgängern aber Pinocchio, und auch das Balsamico in der Georgenstraße 8 wechselte die Besitzer.

Pietro Cantarella war mit seinem 1990 eröffneten Da Piero 1996 von der Wörthstraße in die Obere Wässere 4 umgezogen und wurde schnell zu einem der angesagtesten »Italiener« der Stadt. Doch im Dezember 2021 setzte sich der Chef, der es laut GEA-Archiv wie kaum ein anderer verstand, »seinen Charme spielen zu lassen und seine Rolle als Gastgeber auszufüllen«, zur Ruhe. Sein Lokal übernahm Uwe Grauers UG-Gastro-Holding - und benannte es um in sale e pane. In der Spitalstraße gibt es das Piccola Roma in der oberen Gartenstraße die Cucina della Mamma und in der Kaiserstraße Da Bruno, das mit Genüssen nach Art der »Nonna«, der Oma, wirbt. Die Liste lässt sich fortsetzen. Sie zeigt: Die Fluktuation ist bei italienischen Restaurants im Vergleich zu anderen Gaststätten gering. Doch auch die beliebten, gastfreundlichen »Italiener« leiden seit der Corona-Pandemie und dem Ausbruch des Ukrainekriegs: unter Personalschwund und hohen Energie- sowie Lebensmittelpreisen. Das ist von den Chefs der Familienbetriebe immer wieder zu hören. Trotzdem geht die Erfolgsgeschichte von Caprese, Caffè und Cantuccini weiter. Gerade erst hat im ehemaligen Nepomuk an der Ecke Burg-/Urbanstraße das Beruni aufgemacht, mit italienischer und usbekischer Küche. (GEA)




