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Ära endet: Wirtspaar im Reutlinger »Leonardo« hört auf

Rosamaria und Tommaso Procopio haben sich vor 35 Jahren mit einem italienischen Restaurant selbstständig gemacht. Vom »Adler« in Wannweil zogen sie vor 26 Jahren in das nagelneue »Leonardo« im Laisen. Warum die beiden bald Schluss machen.

Rosamaria und Tommaso Procopio geben ihr Ristorante »Leonardo« in Reutlingen nach 26 Jahren auf.
Rosamaria und Tommaso Procopio geben ihr Ristorante »Leonardo« in Reutlingen nach 26 Jahren auf. Foto: Steffen Schanz
Rosamaria und Tommaso Procopio geben ihr Ristorante »Leonardo« in Reutlingen nach 26 Jahren auf.
Foto: Steffen Schanz

REUTLINGEN. »Das wird nicht einfach, denn das ist auf eine Art ja unser Kind«, sagt Rosamaria Procopio. 35 Jahre lang waren sie und Tommaso Procopio nicht nur privat, sondern auch beruflich ein Team. Der Alltag der 61-Jährigen und ihres 66-jährigen Mannes war von der Arbeit im eigenen Lokal bestimmt. Damit soll bald Schluss sein, denn das aus Kalabrien stammende Paar gibt sein Ristorante »Leonardo« im Reutlinger Laisen ab. Wegen Personalknappheit wird schon am 13. Dezember das letzte Mal geöffnet sein.

»Die Küche ist das Herz des Hauses«, steht auf einem Schild über der Tür, die in ihrem nach dem gemeinsamen Heimatort in Kalabrien benannten Restaurant von der Theke in die Küche führt. Rosamarias Reich am Herd des eigenen Lokals befand sich von 1990 bis 1999 zunächst im Wannweiler »Adler« und danach 26 Jahre lang hier, im 3. Stock des Büro- und Ärztehauses Am Heilbrunnen 47. Bis vor zwei Jahren gab sie den Herzschlag des Hauses zusammen mit einem Neffen vor, der sie 20 Jahre unterstützt hatte, und bis vor Kurzem auch mit einem Pizzabäcker, der dem Wirtsehepaar Procopio insgesamt 21 Jahre lang die Treue gehalten hat.

»Ich habe früh angefangen. Die Oma hat uns das Kochen beigebracht«

Zuvor hatte Rosamaria Procopio schon bei der VHS in Wannweil Kochkurse gegeben. Dabei hat sie keine klassisch-deutsche Ausbildung in diesem Handwerk durchlaufen. Sondern die traditionell italienische: »Ich habe früh angefangen«, sagt sie. »Die Oma hat uns das Kochen beigebracht.« Die hat einst für die ganze Großfamilie in San Leonardo in der Provinz Crotone gekocht. »Ich selbst esse unheimlich gern Nudeln«, sagt die 61-Jährige. Und die Spezialität der »Nonna« waren Bohnen, Kichererbsen und andere Hülsenfrüchte. »Wir haben alles selber gemacht: vom Mehl übers Öl bis hin zum Gemüse, das auf unseren Ländereien wuchs«, erzählt die zweifache Mutter und vierfache Großmutter. »Dazu hatten wir Enten, Hühner, Lämmer ...«

Nachdem sich der Neffe eine Stelle mit familienfreundlicheren Arbeitszeiten in einer Firmenkantine gesucht hat und der erfahrene, zuverlässige Pizzabäcker nach einem Herzinfarkt gesundheitlich kürzertreten muss, stand sie zuletzt alleine in der »Leonardo«-Küche. »Seit zwei Jahren finden wir kein gescheites Personal«, erklärt Tommaso Procopio. »Wer diesen Beruf ausüben will, der sollte das wirklich gern tun«, sagt seine Frau. »Er ist mit viel Arbeit verbunden - und mit Liebe.«

»Wir haben Gäste, die essen immer noch das gleiche Lieblingsgericht«

Fleiß und Hingabe stehen auch hinter dem Erfolg der beiden. »Ist die Küche gut, sind die Gäste zufrieden«, fasst Rosamaria das Rezept zusammen. Deshalb sind sie und ihr Mann stolz darauf, dass die Stammkunden heute schon in dritter und vierter Generation zu ihnen kommen. »Wir haben Gäste, die essen immer noch ihr Lieblingsgericht aus dem Adler«, sagt sie und lacht.

Auf die Zukunft: Das langjährige Wirtspaar sagt seinem »Kind«, dem »Leonardo« im 3. Stock eines Ärzte- und Bürohauses am Heilbru
Auf die Zukunft: Das langjährige Wirtspaar sagt seinem »Kind«, dem »Leonardo« im 3. Stock eines Ärzte- und Bürohauses am Heilbrunnen »Adieu«. Foto: Steffen Schanz
Auf die Zukunft: Das langjährige Wirtspaar sagt seinem »Kind«, dem »Leonardo« im 3. Stock eines Ärzte- und Bürohauses am Heilbrunnen »Adieu«.
Foto: Steffen Schanz

Dank dieser Gäste ist das »Leonardo« auch ganz gut durch die Corona-Pandemie gekommen. »Wir haben damals schnell auf Lieferung umgestellt«, berichtet Tommaso. »Es war rührend, wie viele unserer Kunden angerufen und Gerichte bestellt haben, obwohl sie zuvor nie Essen zum Mitnehmen geordert hatten«, erzählt seine Frau. Nur das Küchen- und Servicepersonal hat sich mit dem Virus quasi verflüchtigt. Gute Pizzabäcker oder zuverlässige Kellner zu finden, sei schwierig geworden.

So sind nun auch Procopios bereit, das beliebte Restaurant mit seinem eleganten, hochwertigen, von italienischen Innenarchitekten in Holz maßangefertigten Mobiliar zu übergeben. Tommaso Procopio, der zunächst 16 Jahre im Ermstal in einer Fabrik gearbeitet und nur abends in Discos und Pizzerien bedient hatte, bevor er sich mit dem »Adler« in Wannweil den Traum von der Selbstständigkeit erfüllte, meint, sie seien heute die »Italiener« in Reutlingen, die am längsten am Stück ihr eigenes Restaurant betrieben. »Es gab ein paar, die vor uns da waren, Da Pino zum Beispiel oder das Pinocchio im heutigen Mare e Monti, aber die haben alle schon aufgehört.« Fast all seine Brüder betreiben oder betrieben ebenfalls die eigene Gastronomie, viele davon in Metzingen: vom Achtender übers Mattinis und L' Angolo bis zu La Bottega.

Nun hofft das langjährige Wirtspaar darauf, bald einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden. Das Lokal mit der Terrasse und dem Blick über Reutlingen sowie Parkplätzen direkt vor dem Haus gehört ihnen zwar noch bis Ende des Jahres, aber weil die Servicekräfte vor Weihnachten noch ihren Urlaub nehmen wollen, lässt es sich nicht über den 13. Dezember hinaus führen. Bereits angemeldete Weihnachtsgesellschaften musste der 66-Jährige schon um Vorverlegung bitten. (GEA)