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Aktuell Renovierung

Das Sondelfinger Pfarrhaus: Ein Gebäude mit spannender Geschichte

Wenn das Sondelfinger Pfarrhaus sprechen könnte, hätte es viel zu erzählen. Bis ins Jahr 1470 reicht seine bewegte Geschichte zurück. Aktuell wird die Immobilie einmal mehr auf Vordermann gebracht. Und für Sonntag, 28. September, ist ein Tag der offenen Pfarrhaus-Tür geplant.

Wird derzeit in Teilen renoviert: das historische und denkmalgeschützte Sondelfinger Pfarrhaus.
Wird derzeit in Teilen renoviert: das historische und denkmalgeschützte Sondelfinger Pfarrhaus. Foto: Steffen Schanz
Wird derzeit in Teilen renoviert: das historische und denkmalgeschützte Sondelfinger Pfarrhaus.
Foto: Steffen Schanz

REUTLINGEN-SONDELFINGEN. Von außen betrachtet gibt Sondelfingens altehrwürdiges Pfarrhaus wenig von seiner bewegten Vergangenheit preis. Charmant-nostalgisch mutet die ortsbildprägende Immobilie mit der Nummer 57 zwar schon an. Dass sich hinter ihrer Fassadenverkleidung jedoch Fachwerkarchitektur aus dem 18. Jahrhundert verbirgt - dem Blick des baugeschichtlichen Laien erschließt sich das nicht.

Auf eigene Kappe und auf eigene Kosten

Ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Ursprünge des Pfarrhauses noch deutlich weiter in die Vergangenheit zurückreichen - nämlich bis ins Jahr 1470, da sich ein Kleriker namens Ulrich Braun anschickte, in Sondelfingen ein steinernes Anwesen zu errichten. Und zwar auf eigene Kappe und eigene Kosten. Wobei bis heute infolge der dürftigen Quellenlage unklar ist, ob das Bauprojekt des aus Munderkingen stammenden Geistlichen in Zusammenhang mit Instandsetzungsarbeiten an der damals knapp 200 Jahre alten Stephanuskirche stand.

Überliefert ist hingegen, dass der gute Mann den Sondelfingern bis zu seinem Tod seelsorgerisch die Treue hielt und dass sein Nachfolger, ein gewisser Johann Diem, kostenlos in den Besitz des Pfarrhauses gelangte - unter einer Bedingung: Er musste die Immobilie ohne Unterstützung von Mutter Kirche in Schuss halten, also aus eigener Tasche für den Gebäudeunterhalt sorgen, während sich das Rad der Geschichte weiterdrehte.

Tag der offenen Pfarrhaus-Tür

Mit einem Open-Air-Gottesdienst hinterm Pfarrhaus startet Sondelfingens Kirchengemeinde West am Sonntag, 28. September, in einen Tag der offenen Tür. Gefeiert wird dann die Renovierung des geschichtsträchtigen Pfarrhauses in der Reichenecker Straße 57. Von 11 bis 14 Uhr können sich Interessierte bei Kaffee und Kuchen im Erdgeschoss umschauen, wo das Gemeindebüro untergebracht ist. (ekü)

Die Reformation warf ihre Schatten voraus, der Deutsche Bauernkrieg, die »Revolution des 'gemeinen Mannes'«, forderte weit über 70.000 Todesopfer und der Reutlinger Theologe und Luther-Anhänger Matthäus Alber lud im August 1524 erstmals zum Abendmahl in »beiderlei Gestalt« ein. Zwei Jahre später wurde er vom Stadtrat zur Neuordnung der Gottesdienste beauftragt und ebnete somit den Weg für den praktizierten Protestantismus. Der erreichte Sondelfingen anno 1538 in Person von Cyriacus Heimlich, der als erster evangelischer Theologe in die Annalen des Dorfes einging.

Kontinuierliche Reparaturen

Während dessen Amtszeit wurde am und ums Pfarrhaus emsig gebuddelt und gewerkelt. Unter anderem wurden eine kleine und eine große Scheuer errichtet und kontinuierlich Reparaturen am Wohnhaus in Auftrag gegeben. Doch trotz dieser Erhaltungs- und Optimierungsmaßnahmen knabberte sich der Zahn der Zeit durch die Bausubstanz. Weswegen Heimlichs Nachfolger, Pfarrer Conradt Reyser, 1566 klare Worte für den »liederlichen« Zustand des Gebäudes fand.

Überliefert ist, dass Reyser, eine Mängelliste anfertigte, in der er sich über faulig gewordene Bühnenbretter, zerbrochene Fensterscheiben, einsturzgefährdete Kellergewölbe und leckgeschlagene Scheunendächer beklagte. Ob und welche dieser Schäden tatsächlich behoben wurden - darüber schweigen sich die Quellen aus. Verbrieft indes ist, dass das Pfarrhaus egal ob mit oder ohne Flickschusterei dem Verfall überlassen blieb.

Erbärmliche Hütte und liederliches Gebäude

Dokumentiert ist der Niedergang des einst stolzen Gemäuers in Kirchenvisitationsberichten, wo Sondelfingens Pfarrhaus im Jahr 1606 als »erbärmliche Hütte« Erwähnung findet. 1684 wird das marode Gebäude als »abgängig« bezeichnet. Und 1686 beauftragt der Stuttgarter Kirchenrat endlich eine Kostenschätzung für einen Neubau. Diese bleibt allerdings ohne Konsequenzen. Denn noch 1763 (!) taucht das alte Pfarrhaus Braun’scher Provenienz mit wenig schmeichelhaften Umschreibungen in Visitationsberichten auf …

Das änderte sich erst im Herbst 1782, als der Komplex aus Wohn- und Nebengebäuden partiell abgerissen wurde. Ein neuer Pfarrer, M. Gottfried Wilhelm Camerer, hatte sich zuvor schlichtweg geweigert, das Gehöft zu beziehen und sich dessen Teilneubau mit Hinweis auf »Gefahr für Leib und Leben« gewissermaßen ertrotzt.

Freut sich auf den baldigen Einzug: Pfarrerin  Ursula Ullmann-Rau. Auf dem Foto steht sie zwischen der historischen Bausubstanz
Freut sich auf den baldigen Einzug: Pfarrerin Ursula Ullmann-Rau. Auf dem Foto steht sie zwischen der historischen Bausubstanz eines Gewölbekellers (links) und modernisierten Räumlichkeiten. Foto: Steffen Schanz
Freut sich auf den baldigen Einzug: Pfarrerin Ursula Ullmann-Rau. Auf dem Foto steht sie zwischen der historischen Bausubstanz eines Gewölbekellers (links) und modernisierten Räumlichkeiten.
Foto: Steffen Schanz

Es folgten die Abtragung des Pfarrhauses bis auf die Grundmauern, die Errichtung eines Neubaus und dessen Erstbezug durch Camerer im August 1783. Mit ihm zogen übrigens auch allerlei Nutztiere und Gesinde im Gebäude ein. Sie kamen in Stallungen und einer Knechtskammer im Parterre unter. Zumal der Gottesmann und seine namentlich nicht überlieferten Familienangehörigen auf Feder- und anderes Vieh sowie Ackerbau für den Eigenbedarf angewiesen waren, um ihren Lebensunterhalt auskömmlich bestreiten zu können. Denn Männer im Dienste des Herrn waren damals finanziell keineswegs auf Rosen gebettet.

Fortan war es ein Kommen und Gehen in Sondelfingens Pfarrhaus. Die Stallungen wichen 1928 einem Gemeindesaal mit angeschlossener Waschküche. Etwas mehr als eine Dekade später wurde der Gewölbekeller als Luftschutzraum für die nächste Nachbarschaft ausgewiesen, beherbergte das Untergeschoss einen Kindergarten, der hier bis 1959 seine Bleibe hatte. Ehe der Saal zum Behelfsklassenzimmer umfunktioniert wurde und Sondelfingens Schülern so lange Unterschlupf gewährte, bis die örtliche Mörikeschule ihre Türen öffnete.

Ertüchtigung, Modernisierung und Umbau

Zwischendurch und drum herum: Immer wieder Ertüchtigungsmaßnahmen, Modernisierungen und Umbauten. Etwa die Installation von Trennwänden in den einstigen Erdgeschoss-Saal, um Sekretariatsräume fürs Gemeindebüro zu schaffen.

Auch dieser Tage geben Handwerker mit Hämmern und Bohren den Ton im inzwischen unter Denkmalschutz stehenden Sondelfinger Pfarrhaus an, das eigentlich schon 2023 hätte bezugsfertig sein sollen.

Allein: Es kam zu Verzögerungen. Weshalb sich Pfarrerin Ursula Ullmann-Rau nicht wie geplant bei Dienstantritt häuslich einrichten konnte, sondern mit einer Zwischenlösung vorliebnehmen musste. Sie und ihr Mann leben seit zwei Jahren interimsmäßig in einer Drei-Zimmer-Wohnung, derweil der Großteil ihres Mobiliars in einem Eninger Depot eingelagert wurde. Was alles »halb so wild ist«. Wiewohl sich die Eheleute natürlich schon darauf freuen, wieder mehr Platz zur Verfügung zu haben.

Zeitplan mit Hängen und Würgen

Geplant ist ihr Umzug für die kommenden Herbstferien. Zuvor - am 15. September - sollen Pfarrbüro und Vikarzimmer in dem energetisch ertüchtigten, renovierten und unter anderem mit neuer Elektrik, Wärmepumpe und Wandfarbe ausgestatteten Haus mit Leben gefüllt werden. Jedenfalls dann, wenn der Zeitplan der rund 665.000 Euro teuren Instandsetzungsmaßnahme (100.000 davon muss die Kirchengemeinde West aus eigener Kraft stemmen) letztlich doch noch mit Hängen und Würgen eingehalten werden kann. Mit Hängen und Würgen deshalb, weil, so Ullmann-Rau, »bereits Ende Juli hätte eigentlich alles fertig sein sollen«. War es aber nicht. Warum auch immer.

Anstatt über mögliche Gründe zu spekulieren, übt sich Sondelfingens Pfarrerin in Optimismus. »Wird schon werden«, sagt sie und verweist im selben Atemzug auf einen Tag der offenen Pfarrhaus-Tür: am Sonntag, 28. September, direkt im Anschluss an den 10-Uhr-Gottesdienst. (GEA)