REUTLINGEN-OHMENHAUSEN. Das Besucherinteresse bei der jüngsten Sitzung des Ortschaftsrates zum Top-Thema Regional-Stadtbahn war mäßig, offenbar sind seit der Bürger-Informationsrunde Anfang November die brennendsten Fragen beantwortet. Dissens in der Ratsrunde zu den vom Zweckverband Regional-Stadtbahn (RSB) Neckar-Alb und der Stadtverwaltung Reutlingen empfohlenen Vorzugsvarianten südlich der Landesstraße sowie der Alten Bahntrasse mit eingleisiger Streckenführung war auch nicht zu erwarten, schließlich decken sie sich mit den Wünschen des Gremiums. Bis auf eine Ausnahme: Die Grünen und Unabhängigen bleiben bei ihrem Votum pro Zweigleisigkeit auf dem Streckenabschnitt vor dem alten Bahnhof bis Ohmenhausen West. Der Änderungsantrag der beiden Grünen-Räte (vergleiche Info-Box) wurde erwartungsgemäß von der CDU-Mehrheit mit sieben zu zwei Stimmen abgelehnt.
Die Kernfrage Ein- oder Zweigleisigkeit auf dem Trassenabschnitt von Ohmenhausen Mitte bis West war nach der letzten öffentlichen Sitzung im März noch offen, ebenso die Streckenführung ab Betzingen sowie im Kreuzungsbereich von Fehlhaldenweg und Hohe/Neue Straße Themen wie Trog, Unterführung oder Übergang. »Wir haben uns das alles noch einmal ganz genau angeschaut«, so Zweckverbands-Geschäftsführer Professor Tobias Bernecker zu den intensivierten Planungen.
Zwei Minuten länger
Bei der von der Mehrheit im Ortschaftsrat favorisierten eingleisigen Streckenführung ab der Haltestelle Ohmenhausen Mitte bis Ohmenhausen West prüften die Experten insbesondere betriebliche Auswirkungen auf die Fahrpläne. Das Ergebnis: Auf dem etwa 400 Meter langen Streckenabschnitt könnte der 15-Minuten-Takt nicht ganz eingehalten werden, eine Fahrzeitverlängerung von etwa zwei Minuten müsste in Kauf genommen werden. Aber, so Bernecker: »Wir haben diese Variante auf ihre Robustheit hin überprüft und die Kollegen haben einen Haken dran gemacht: Es funktioniert.«
Bei den Trassenvarianten ab Betzingen und dem Industriegebiet Mark-West favorisiert der Zweckverband die Streckenführung parallel zur Landesstraße (der GEA berichtete). Die ist zwar teurer, was aber langfristig durch das bessere Kosten-Nutzen-Verhältnis kompensiert werden kann, erklärte der Geschäftsführer. Grund ist das, so Bernecker, »große Plus« dieser Variante: die zusätzliche dritte Haltestelle Ohmenhausen Ost und damit die wesentlich bessere Erschließung von Ohmenhausen.
Bahnübergang mit Ampelanlage
Im Kreuzungsbereich Fehlhaldenweg und Hohe/Neue Straße in der Ortsmitte standen die Varianten zweigleisig mit Unterführung oder Trog sowie ein- oder zweigleisiger ebener Bahnübergang auf dem Prüfstand. Der Trog wäre mit 117,7 Millionen Euro um ein Vielfaches, die Unterführung mit 68 Millionen Euro erheblich teurer und auch städtebaulich diffiziler als der eingleisige Bahnübergang mit 40,4 Millionen Euro Baukosten, der aus Sicht des Zweckverbands eindeutig die beste Lösung für Ohmenhausen ist. Geplant ist eine Ampelanlage, die Wartezeit für den Individualverkehr auf der L 384 würde bei vier Zügen pro Richtung und Stunde jeweils 35 Sekunden ausmachen. Fazit von Bernecker: »Die Leistungsfähigkeit ist gegeben.«
Noch gehe es nicht um einen Baubeschluss, stellte der Zweckverbands-Geschäftsführer klar. Weitere Prüfungen folgten, die Planungen würden in etlichen Punkten »viel, viel konkreter«. In Ohmenhausen beispielsweise rund um den Haltepunkt West, wo einiges noch offen ist. Aber, so Tobias Bernecker: »Heute entscheiden wir uns zum allerersten Mal für die eine Trasse, die in den Prüfungen abgeschichtet wurde.«
Voll erschlossen
Auch für die Stadtverwaltung sind die vom Zweckverband vorgeschlagenen Vorzugsvarianten Alte Bahntrasse mit eingleisiger Streckenführung und Landesstraße klare Favoriten. Stefan Dvorak, Chef des Amtes für Stadtentwicklung und Vermessung, ging ausführlich auf Vor- und Nachteile ein. So ermögliche beispielsweise der Haltepunkt Ost eine Vollerschließung von Ohmenhausen. Der eingleisige Bahnübergang über die Hohe/Neue Straße werde, so Dvorak, »sicher gut funktionieren«. Und zur Eingleisigkeit auf der Alten Bahntrasse: »Ich bin richtig froh, dass es an dieser Stelle betrieblich möglich ist.« Auch wegen des historischen, von den Bewohnern liebevoll restaurierten alten Bahnhofsgebäudes, meinte der stellvertretende Bezirksbürgermeister Werner Koch. »Das ist ein bissle das Wahrzeichen von Ohmenhausen – gut, dass die Bahn da mit einem gewissen Abstand dran vorbeifährt.«
Aus dem Gremium kamen Fragen zu Kosten, Fahrgastzahlen und anderem mehr. Ganz wichtig aus Sicht der Räte: Die Buslinien sollen trotz RSB auf »dem jetzigen Standard erhalten« bleiben, insbesondere der Ringverkehr mit der hart erkämpften Linie 22, so der Appell von Bezirksbürgermeister Andrea Fähnle an Dvorak und Bernecker vor der Abstimmung über die Ohmenhäuser Varianten. Das letzte Wort hat der Gemeinderat, der am 16. Dezember die, so Tobias Bernecker, »historische Entscheidung« über die Trassenvarianten in Reutlingen und den Bezirksgemeinden trifft. (GEA)
Warum Grüne in Ohmenhausen und SPD-Gemeinderatsfraktion Zweigleisigkeit fordern
Thomas Kuchelmeister und Helmer Malthaner von der Fraktion Grüne/Unabhängige lehnten in der Ohmenhäuser Ortschaftsratssitzung, in der ihre Fraktionskollegin Julia Sellner fehlte, die eingleisige Streckenführung auf dem Abschnitt zwischen den Haltepunkten Mitte und West ab. In einem Änderungsantrag, der keine Mehrheit fand, forderten sie stattdessen eine zweigleisige Führung über die Alte Bahntrasse. Die aktuelle Förderung der Stadtbahn sei aktuell sehr hoch, so die Begründung, wie es damit zukünftig aussehe, sei völlig unsicher. »Daher beantragen wir, die aktuelle Fördersituation zum Wohle Ohmenhausens zu nutzen«, heißt es in dem Antrag. Die Zweigleisigkeit biete eine höhere Sicherheit, Verspätungen und somit Verzögerungen und Wartezeiten zu vermeiden. Verlässliche Taktzeiten seien ein wesentlicher Vorteil des Schienenverkehrs. Setze man die Zweigleisigkeit sofort um, würden dadurch die Bürger nicht doppelt durch zweimalige Bauarbeiten belastet. Die Räte führen außerdem die »Gerechtigkeit für die direkten AnwohnerInnen« ins Feld, denn eine eingleisige Linienführung werde nicht mittig gebaut, sondern links- oder rechtsseitig. In einem Antrag vom 4. November fordert auch die SPD-Gemeinderatsfraktion eine zweigleisige Streckenführung durch ganz Ohmenhausen. Nur mit einer leistungsfähigen Stadtbahn lasse sich eine Entlastung vom Durchgangsverkehr für Ohmenhausen erreichen, so die Argumentation. Dazu müsse die Bahn »zweigleisig störungsfrei in sicherem Takt fahren«. Würde die neue Bahn eingleisig gebaut, wäre das ein »Geburtsfehler«. (keg)

