REUTLINGEN-BETZINGEN. Wenn die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) tagt, klingt das nicht unbedingt nach Großereignis. Davon gingen auch Torsten Müller und Anne Schüler, bei der Stadtentwässerung Reutlingen (SER) verantwortlich fürs Entwicklungskonzept Echaz, aus, als Betzingen zum Veranstaltungsort für den »Gewässerdialog« am 26. November auserkoren wurde. Sie gingen von höchstens 50 Teilnehmern aus, Stand jetzt sind es 176 – und damit ist die Obergrenze erreicht. Grund für den unerwarteten Ansturm dürfte der Tagesordnungspunkt »Entwicklungskonzept Echaz – ein Schritt in Richtung Zukunft« sein: In Fachkreisen hat es sich herumgesprochen, dass das Projekt in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit ist.
Mit einem solchen Run auf die Betzinger Tagung hatten Projektleiterin Anne Schüller und Torsten Müller, Abteilungsleiter Gewässer und Regenwassermanagement bei der SER, nicht gerechnet. Die Vorbereitung gestaltete sich dadurch zwar umfangreicher, aber alles ist bestens organisiert. Auch die »spannende Exkursion an die Echaz«, wie es die DWA in ihrer Einladung angekündigt hat. In vier Gruppen à 40 Personen geht es an die Stationen, an denen das Konzept schon umgesetzt ist oder demnächst wird. Und das bedeutet: Es wird voll am Echaz-Ufer. Die Exkursionsführer sind mit Mikrofonen ausgerüstet, die Teilnehmer bekommen Kopfhörer auf die Ohren.
Hochwasserschutz und Ökologie
Das Tagungs-Thema »Gewässerökologische Strukturmaßnahmen im urbanen Umfeld« samt Beispielen, wie es funktioniert hat, sei für viele Kommunen relevant, erklärt Anne Schüler das große Interesse. »Und Betzingen ist eben ein schönes Beispiel.« Ein besonderes noch dazu, sagt Torsten Müller. Er habe schon viele Gewässerausbauten begleitet, so der SER-Experte, aber noch nie einen solch umfassenden. »Normalerweise wird nur ein bisschen was verändert, hier ist das anders.« Denn verändert wurde in Betzingen richtig viel. Müller spricht von einer »hochquantitativen Gewässerrenaturierung«. Das Entwicklungskonzept wertet die Echaz ökologisch auf, macht sie durchgängig für ihre Bewohner, vor allem die vielen Forellen und Groppen. Dazu kommt, ganz wichtig, der Hochwasserschutz.
Und die Aufwertung des Ortsbilds, am deutlichsten sichtbar im Bereich der ehemaligen Gärtnerei Baisch. Vor der Renaturierung war die Echaz eingezwängt zwischen einem zugewucherten Gelände auf der einen und einer hässlichen Betonwand auf der anderen Seite. Heute plätschert sie völlig losgelöst vor sich hin: Sie wurde in großem Bogen umgelenkt, ist umsäumt von einem strandähnlichen Ufer mit großzügigem Grün statt Wildwuchs dahinter. Die Betzinger freut’s, die lauschige Uferpromenade mit ihren Bänken ist vor allem im Sommer eine gefragte Adresse.
Die Echaz erlebbar und zu einem Ort zu machen, an dem sich die Betzinger gern aufhalten: das ist auch bei der Umgestaltung des Goosgartens, der Insel zwischen alter Hoffmannschule und Wernerscher Mühle, bestens gelungen. Ein kleiner Wasserlauf entlang des Mühlkanals ist angelegt, eine Kanzel mit Sitzbereich zum Relaxen, Bänke und Wege im Uferbereich. Vom Entwicklungskonzept profitieren hier und an den anderen fünf Projekt-Bausteinen aber auch die Wasserbewohner. Dank Sohlengleiten, Rampen und anderen hydrologischen Maßnahmen ist die Echaz durchgängig und ökologisch deutlich aufgewertet.
Die naturnahe Umgestaltung von Bach und Uferbereich ist verknüpft mit dem wichtigsten Kapitel des Entwicklungskonzepts: dem Hochwasserschutz. Durch Geländeabflachungen im Goosgarten wurde eine Retentionsfläche von 1.200 Kubikmetern, beim Baisch’schen Gelände von 2.300 Kubikmetern bei Hochwasser geschaffen. Dazu kommen Schutzmauern sowie die neuen Brücken beim Hans-Roth-Weg und in der Hoffmannstraße, die den Durchfluss verbessern.
Beschlossen hat der Gemeinderat das Entwicklungskonzept Echaz 2019, 2020 startete das Planfeststellungsverfahren. Doch eigentlich fing alles schon viel früher an. Die verheerenden Hochwasser 2002 und 2005 hätten deutlich gemacht, dass etwas passieren muss, so Torsten Müller zu den ersten Planungen. Dass es nicht damit getan ist, nur die Echaz-Engstelle bei der Meisterschule zu beseitigen, sondern dass an mehreren Stellen und mit einem ganzen Maßnahmenbündel angesetzt werden muss, um Betzingen wirksam zu schützen, sei damals nicht klar gewesen. »Die Technik, das alles zu berechnen, gab es noch nicht.« Beim Konzept, wie es heute steht, habe das SER-Team die einzelnen Bausteine und die Reihenfolge, in der sie umzusetzen sind, »wie ein Puzzle zusammengesetzt« (vgl. Info-Box). Erst, wenn alles erledigt ist, ist Betzingens Ortskern sicher vor Überflutungen.
Was vom Entwicklungskonzept schon umgesetzt ist
Das Entwicklungskonzept Echaz umfasst für Betzingen sechs Bausteine. Schon 2016, also vor dem Grundsatzbeschluss, wurde die Brücke im Hans-Roth-Weg erneuert und der Echaz-Durchfluss optimiert. Von 2020 bis 2022 folgte beim Goosgarten die naturnahe Echaz-Umgestaltung, im Anschluss dann beim Baisch’schen Gelände. Vor einem Jahr startete der Neubau der Brücke Hoffmannstraße samt flankierender Gewässerschutzmaßnahmen. Ab 2027 wird »Im Wasen« mit dem Abbruch der alten Meisterschule und damit der Beseitigung des »Flaschenhalses« der vorletzte Baustein in Angriff genommen. Als letztes Kapitel ist ab 2029 eine Hochwasserschutzmauer zwischen den Brücken Hans-Roth-Weg und Hoffmannstraße dran. Erst wenn alle sechs Bausteine umgesetzt sind, ist ein Ausufern der Echaz bei einem hundertjährlichen Hochwasser zu verhindern. (keg)
Im Ablaufplan sorgt die Fischschonzeit immer wieder für Zwangspausen, was nicht überall in Betzingen auf Verständnis stößt. »Wir kommen damit zurecht«, sagt aber Torsten Müller. Rücksicht auf Forellen und Groppen habe im Entwicklungskonzept höchste Priorität. Denn, so der Experte: »Es ist auf diese Zielarten ausgerichtet, weil es ohne Ökologie nicht zu finanzieren wäre.« Die naturnahe Entwicklung der Echaz wird im 15-Millionen-Euro-Projekt zu 85 Prozent bezuschusst, Hochwasserschutzmaßnahmen nur mit etwa 20 Prozent. (GEA)


