LICHTENSTEIN.. Es war ein magischer Moment. Als Wolfgang Henzler im Herbst 1992 erstmals nepalesischen Boden berührt, die monumentalen Berge vor sich sieht, die dünnere Luft atmet, beginnt für ihn eine neue Zeit. »Ich wusste, ich komme jetzt heim. Es ist das Land, wo ich mich wohlfühle.« Drei Jahrzehnte später sieht der Teil des Landes, in dem er mit Mountain Spirit Deutschland seit 25 Jahren Hilfe leistet, anders aus. Der Verein hat in eine unterentwickelte, vergessene Bergregion, die seinen Angaben zufolge noch nicht einmal mittelalterlichen Standard hatte, die Zivilisation gebracht. Seit 2006 konnten über 500 Patenschaften in Nepal vermittelt werden. Nicht mehr und nicht weniger.
In diesem Jahr feiert der Hilfsverein Jubiläum. Henzler hat ihn mit ein paar Freunden in Deutschland gegründet, nachdem ihm bei Vorträgen nach seinen Reisen dorthin immer wieder Spenden angeboten worden waren. Eine Schlüsselfunktion dabei hat der Nepalese Nigma Dawa Sherpa inne, der einst sein Führer war und der sein Freund geworden ist.
Nigma Dawa Sherpa war Mitbegründer von Mountain Spirit Nepal. Seine Idee, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, passte vollkommen zu Henzlers Philosophie, der darauf den gleichnamigen Hilfsverein in Deutschland gründete. »Wir stellen die Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund und stülpen ihnen nichts über«, sagt der 71-Jährige aus Unterhausen. Seine Arbeit wird der Verein am Festwochenende aus Anlass des Jubiläums vom 7. bis 9. Juni vorstellen. Drei Tage lang wird im CVJM-Heim in Würtingen – das den sprechenden Namen »auf dem Mond« trägt - in Vorträgen an die Anfänge erinnert, über Geschafftes berichtet und Neues vorgestellt, etwa die nächste Lieferung von rund 80 Gewächshäusern in die Projektregion, die für dieses Frühjahr geplant ist. Und auch die Geselligkeit wird beim Fest nicht zu kurz kommen.
Wer Eindrucksvolles erkunden will, wer sehen will, wie sich ein Dorf mit Hilfe von außen in den vergangenen gut zwei Jahrzehnten entwickelt hat, der sollte dort in Würtingen bei der Jubiläumsfeier ein paar Stunden verbringen. Es ist beeindruckend, was in diesem entlegenen Winkel Nepals passiert ist. Es ist auch die Geschichte von Wolfgang Henzler. »Es hat mein Leben verändert. Man kann so viel bewegen«, sagt er.

Das klappt jedoch nur mit Unterstützung des Vereins und von nahe stehenden Menschen. »Meine Familie hat mich ziehen lassen«, sagt er und zitiert seine Frau: »Im Laufe der Zeit ist Nepal bei uns eingezogen.« So viel Nähe zu einem Landstrich bringt Veränderung, für beide Seiten. Aber vor allem für Chyangmityang. Dieses kleine Sherpa-Dorf liegt versteckt auf 2.600 bis 2.900 Metern Höhe und umfasst 48 Häuser mit 340 Einwohner.
Als Henzler das Dorf zum ersten Mal besuchte, trugen die Bewohner ihre Verletzten fünf Stunden in einem Korb, genannt Dako, bis zur nächsten Krankenstation. Das war dann auch das erste Projekt, das er mit Mountain Spirit umgesetzt hat: eine Krankenstation im Dorf aufzubauen. Dann ging es Schlag auf Schlag, die Liste der Vereinshilfe liest sich wie die Geschichte eines Dorfes vom Mittelalter in die Neuzeit.
Anfangs gab es keine Wasserversorgung, keine Krankenstation, keine Toiletten, eine Schule, die eine Bruchbude war, keinen Herd zum Kochen, sondern nur offenes Feuer, kein gefiltertes Wasser, keine Gewächshäuser, also auch kein frisches Gemüse und somit wertvolle Nahrung, es gab - last but not least - keine Elektrizität. Das alles gibt es dort jetzt.
Im Laufe der Jahre hat Henzler mit dem Verein ein Projekt nach dem anderen angepackt. Immer unter der Prämisse: »Was braucht ihr?« Darauf legt er immer besonderen Wert. »Es sind schließlich Menschen, sie haben eigene Wünsche und Ideen. Wir wollten ihnen nichts aufzwingen. Wir können anschieben, aber sie müssen auch ihren Teil dazu beitragen. Was sie auch tun. Das funktioniert wunderbar.«
Als Beispiel sei die Verbesserung der Elektrizität auf 2.500 Höhenmetern mitten im Himalaya genannt: Ein Bach - also Wasser - ist da, der Hilfsverein besorgte eine Turbine. Einwohner verlegten mit einfachsten Mitteln und ohne schweres Gerät eine Leitung und schlossen die Turbine an. Sie produziert 32 Kilowattstunden Strom – und damit Licht. Eine Revolution für das Dorf. Schon von Weitem kann man es sehen, vor allem sehen es die Menschen in den anderen Dörfern. »Das gebiert keinen Neid, sondern regt die Motivation an«, berichtet Henzler.
Seine persönliche Bilanz könnte besser nicht sein. Ein Ende seines Wirkens ist noch nicht in Sicht. Aber der Unterhausener kennt seine Grenzen. Noch reist er zweimal im Jahr in den Himalaya, schaut sich die Region an, führt Reisegruppen dorthin, unterstützt und spricht mit den Menschen. Die Einheimischen haben es dem Schwaben besonders angetan. »Sie sehen dich nicht nur an, sie sehen in dich hinein. Sie sind mir sehr nahe gekommen.« (GEA)





