REUTLINGEN. Die schwache konjunkturelle Entwicklung war in den vergangenen beiden Jahren das vorherrschende Thema für die Unternehmensgruppe Reiff in Reutlingen gewesen. Im Gespräch mit dem GEA wies der geschäftsführende Gesellschafter Alec Reiff nun auf »eine schlechte Phase im Mai und Juni, vor allem im deutschen Maschinenbau, unserer wichtigsten Kundengruppe«, hin. Er beklagte »hohen Preisdruck«. Mit dem herausfordernden Marktumfeld erklärte er, warum für die Muttergesellschaft der Gruppe, Reiff Holding GmbH & Co. KG (zwei Beschäftigte), und die wichtigste am Markt auftretende Firma, Reiff Technische Produkte GmbH (450 Beschäftigte), am vergangenen Freitag beim Amtsgericht Tübingen Insolvenzverfahren beantragt worden seien. Das Gericht hat am Montag vorläufige Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angeordnet. »Unser Ziel ist es, das Unternehmen wirtschaftlich zu stabilisieren und zukunftsfähig aufzustellen«, sagte Reiff.
Am Dienstag informierte die Geschäftsleitung zunächst zwischen 200 und 250 in Reutlingen versammelte und 170 zugeschaltete Beschäftigte über die neue Situation, wie Reiff-Pressesprecherin Stefanie Lauer auf Nachfrage mitteilte. Der Geschäftsbetrieb läuft laut Pressemitteilung an allen Standorten in Deutschland uneingeschränkt weiter. Die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer seien für die Monate Juli bis September über das Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit gesichert.
Deutlicher Umsatzrückgang
Die Geschäftsführer der Reiff Technische Produkte GmbH, Alec Reiff (47), Manfred Braun (66) und Tim Steinel (49) blieben im Rahmen des Insolvenzverfahrens operativ verantwortlich. Die Restrukturierungsexperten Holger Leichtle (54), promovierter Rechtsanwalt, und Thomas Rieger (43), promovierter Diplom-Kaufmann und Rechtsanwalt, beide von der Kanzlei Görg (Stuttgart), unterstützen sie dabei. Das Gericht hat Rechtsanwalt Martin Mucha (55) von der Kanzlei Grub Brugger (Stuttgart) zum vorläufigen Sachwalter bestellt. In dieser Funktion überwacht er das Verfahren im Interesse der Gläubiger.
Leichtle, Alec Reiff und sein Onkel Hubert Reiff (72), Mit-Geschäftsführer der Reiff Holding, waren Redner der Informationsveranstaltung für die Belegschaft. »Im Vergleich zu sonstigen derartigen Veranstaltungen wurden viele Fragen gestellt«, berichtete Leichtle, seit einer Woche bei Reiff im Einsatz, dem GEA. »Es gilt, die Zeit für Sanierungsmaßnahmen zu nutzen«, sagte Leichtle. Alec Reiff hob hervor: »Dabei bauen wir auf die Unterstützung unserer Belegschaft, Kunden, Lieferanten und Partner.«
Leichtle erläuterte: »Die Eigenverwaltung bietet den rechtlichen Rahmen, um erforderliche Restrukturierungsmaßnahmen innerhalb eines geordneten Verfahrens selbstbestimmt umzusetzen.« Im Gespräch mit dem GEA führte er, der seit über einem Jahr als Insolvenzverwalter beim Bad Uracher Automobilzulieferer Eissmann wirkt, aus, zur Stabilisierung gehöre, Finanzierungsthemen mit Banken zu besprechen. Beim Versuch eine dauerhafte Lösung zu finden, würden »ergebnisoffen« der Verkauf des Unternehmens und die Ausarbeitung eines Insolvenzplans geprüft, kündigte Leichtle an.
Neben der »Verschnaufpause« für das Unternehmen durch das Insolvenzgeld biete ein Insolvenzverfahren im Hinblick auf einen Sanierungserfolg auch den Vorteil, »dass Vertragsverhältnisse leichter veränderbar« seien, so Leichtle. Alec Reiff stellte klar: »Wir wollen nicht schließen. Das Unternehmen ist am Markt eine Nummer.« Es gebe allerdings ein paar Segmente, »die nicht mehr so lukrativ sind, wie sie es einmal waren«.
Konjunkturbedingt sei der Umsatz der Reiff-Gruppe von 180 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 165 Millionen Euro in 2023 und 148 Millionen Euro im vergangenen Jahr zurückgegangen. Die Reiff Technische Produkte GmbH habe zuletzt 109 Millionen Euro Umsatz erzielt. Ohne Zahlen zu nennen, hatte Alec Reiff die Ertragslage für die Jahre 2023 und 2024 vor einigen Wochen gegenüber dem GEA als »operativ befriedigend« bezeichnet. Im veröffentlichten Jahresabschluss für 2023 steht in der Ergebnisrechnung ein siebenstelliger Fehlbetrag. In der Bilanz sind hohe Bankschulden ausgewiesen.
140.000 Produkte
Die Geschichte des Familienunternehmens Reiff dauert seit dem 1. Juli 1910 an, also seit über 115 Jahren. Der damals 24-jährige Albert Reiff eröffnete in der Reutlinger Katharinenstraße sein Geschäft für technische Gummiwaren. Albert Reiff starb 1942 mit 56 Jahren. Unter der Führung seines Sohnes Günter Reiff (1922– 2013) wuchs Reiff stetig. 1979 und 1984 traten seine Söhne Eberhard Reiff (Jahrgang 1950) und Hubert Reiff (Jahrgang 1952) als Vertreter der dritten Generation ins Unternehmen ein. Unter ihrer Leitung lag der Schwerpunkt auf dem Reifenhandel. Nach dem Verkauf der Reifensparte im Jahr 2017 und der Elastomertechnik im Jahr 2021 konzentrierte sich Reiff ganz auf das ursprüngliche Geschäft, den technischen Handel.
Seit 2020 steht Alec Reiff in vierter Generation an der Firmenspitze. Heute versteht sich Reiff als Experte für Antriebs-, Fluid- und Dichtungstechnik sowie für Anwendungen aus Gummi und Kunststoff. Beim Verkauf von 140.000 verschiedenen Produkten nimmt Reiff seinen Kunden auch Produktionsschritte ab, zerspant, montiert, klebt und hat eigene Fertigungen von Hochdruck- und Hydraulikschläuchen sowie von Profilen.
Zehn Gesellschafter aus den Familien Reiff und Wendler sind die Eigentümer der Reiff Holding GmbH & Co. KG. Diese Besitzgesellschaft hält jeweils 75 Prozent an den am Markt auftretenden Tochter- und Enkelfirmen: dem Flaggschiff Reiff Technische Produkte GmbH mit insgesamt 450 Beschäftigten, davon 415 an drei Standorten in Reutlingen, sowie in Chemnitz und Leipzig (beide Sachsen), in Hofheim-Wallau und Erbach (beide Hessen) und in Offenburg; der Kremer GmbH in Wächtersbach (Hessen) mit 43 Beschäftigten und den Auslandsgesellschaften in Belgien, Luxemburg und China mit zusammen 80 Beschäftigten. Kremer und die Auslandsfirmen seien nicht vom Insolvenzverfahren betroffen, wie Alec Reiff versicherte.
Wie berichtet, ist das österreichische Unternehmen Haberkorn (Wolfurt/Vorarlberg, 2.400 Beschäftigte) zu Beginn dieses Jahres mit jeweils 25 Prozent bei den operativen Reiff-Gesellschaften eingestiegen – mit dem Ziel mittel- bis langfristig alle Anteile zu übernehmen. Reiff hatte den Anschluss an eine größere Einheit mit Marktveränderungen begründet – und mit dem Beschluss, dass eine fünfte Generation von Reiff das Unternehmen nicht fortführen werde. (GEA)

