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Was der Bauverband zur Bekämpfung des Wohnungsmangels im Südwesten vorschlägt

Was Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, zur Bekämpfung des Wohnungsmangels vorschlägt.

Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, zu Gast beim GEA.
Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, zu Gast beim GEA. Foto: Schanz
Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, zu Gast beim GEA.
Foto: Schanz

REUTLINGEN. In Baden-Württemberg gibt es einen Bedarf an etwa 53.000 neuen Wohnungen pro Jahr. Doch 2024 sind im Südwesten lediglich etwa 36.000 Wohnungen entstanden. Mögliche Bauherren und Investoren klagen über hohe Baukosten und Bauzinsen – und stellen ihre Vorhaben oft zurück oder verwerfen sie. Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, sieht die hohen Baustandards hierzulande als Hauptgrund für die stark gestiegenen Baupreise. »Ein rechtssicheres Abweichen davon würde günstigeres Bauen ermöglichen«, sagt er als Redaktionsgast des GEA. Das Land sollte zur Bekämpfung des Wohnungsmangels die Grunderwerbsteuer senken, fordert er. Zudem appelliert er an die Kommunen, mehr Bauland auszuweisen.

»Ich mache das Bauen künstlich teurer, indem ich immer neue Standards verlange«, stellt Jurist Möller, Jahrgang 1961, fest. Er nennt als Beispiele Schallschutz, Wärmedämmung, Tiefgaragen-Stellplätze, Klimaanlagen und Barrierefreiheit und zieht einen Vergleich: »Das ergibt dann die S-Klasse von Mercedes, aber viele Interessenten wären mit einem Normalfahrzeug für 20.000 Euro zufrieden.« 90 Prozent aller Häuser seien älter als zehn Jahre und hätten etliche der genannten neuen Standards nicht – »und trotzdem leben Menschen darin«. Das seien »keine Villen, aber Wohnraum«.

Lob für Ministerin Razavi

»Wir müssen die Standards absenken, um das Angebot zu vergrößern«, erklärt der Hauptgeschäftsführer. Juristisch bestehe derzeit beim Abweichen von den allgemeinen Regeln der Technik das Risiko von Schadenersatzklagen. Dies führe zu den genannten Bauangeboten. »Bauen bedeutet, dass jemand Vertrauen haben muss. Ich verschulde mich nicht, wenn ich Angst um die Zukunft habe«, beschreibt Möller die Nachfrageseite nach Bauleistungen. Es sei aktuell nicht möglich, so zu bauen, dass ein Quadratmeter Mietfläche danach für 8 oder 12 Euro vermietet werden könne. Investoren könnten die notwendige Miethöhe, vielerorts über 20 Euro pro Quadratmeter, nicht erzielen.

50 Prozent der Baden-Württemberger wohnen zur Miete. Von ihnen haben Umfragen zufolge bis zu 75 Prozent den Wunsch nach Eigentum, können ihn sich aber aus finanziellen Gründen nicht erfüllen. Möller fände es ein wichtiges Zeichen, Menschen Eigentum zu ermöglichen, indem das Land-Baden-Württemberg die Grunderwerbsteuer verringerte. Sie liegt seit dem Jahr 2011 – bei inzwischen deutlich gestiegenen Bau- und Kaufkosten – bei 5 Prozent. »Wir geben da nicht auf und haben die Hoffnung, dass nach der Landtagswahl 2026 dieses Thema noch mal aufs Tableau kommt«, sagt Möller.

Er weist auf eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft hin, der zufolge eine Halbierung der Grunderwerbsteuer die Zahl der Baugenehmigungen um 9 Prozent erhöhen würde. Zu erwartende Steuermindereinnahmen würden zumindest teilweise durch Folgeinvestitionen ausgeglichen – auch über Umsätze etwa bei Malern, im Garten- und Landschaftsbau und bei Umzugsfirmen.

Appell an Kommunen

»Wir brauchen mehr Bauland, weil wir allein mit Nachverdichtung nicht weiterkommen«, merkt Möller an. Kommunen könnten auch mit der Verringerung von Baulandpreisen etwas gegen die Wohnungsnot tun. Der Hauptgeschäftsführer lobt Landesbauministerin Nicole Razavi (CDU) für die Erhöhung der sozialen Wohnraumförderung und für die Ende Juni in Kraft getretene Reform der Landesbauordnung (LBO): »Wir sind zufrieden, weil wir merken, dass etwas geschieht.« Die Reform der LBO soll die Baugenehmigungsverfahren beschleunigen.

Die Ideen der neuen Bundes-Bauministerin Verena Hubertz (SPD) finden bei Möller ein geteiltes Echo. Nicht in jedem Fall sei es möglich, seriell und einfach zu bauen. Der von Hubertz vorgeschlagene »Bauturbo« solle durch Änderungen im Baugesetzbuch ermöglichen, auch dort Wohnraum zu schaffen, wo dies bislang nicht möglich sei, zum Beispiel am Waldrand oder in Gewerbegebieten. »Die Frage ist, ob die Kommunen vor Ort das umsetzen«, sagt Möller. Er befürchtet auch Anwohnerproteste und Klagen: »Es fällt uns allen schwer, Abstriche zuzulassen, enger zusammenzuleben, das Individuelle etwas zurückzudrängen.«

Hubertz’ Aussage, dass man die Baukosten bis zu 50 Prozent senken könne, wenn man seriell baue, hätten viele kleine Baufirmen als Beleidigung empfunden, berichtet Möller. Die Ministerin sage den Mitgliedsbetrieben seines Verbandes damit, »ihr habt viel zu teuer gebaut«, und deren Kunden, »ihr habt zu viel bezahlt«. Der Hauptgeschäftsführer weist auf die Streuung bei den Bauunternehmen vom Kleinbetrieb bis zum Konzern hin. Die Bauwirtschaft Baden-Württemberg vertritt die Interessen von rund 1.600 Mitgliedsbetrieben mit zusammen gut 42.000 Beschäftigten in den Bereichen Hoch-, Tief-, Straßen- und Ausbau. (GEA)