REUTLINGEN/STUTTGART. Deutlich mehr Firmenpleiten und der höchste Stand in Westeuropa seit 2013: Das ist die Insolvenzbilanz des vergangenen Jahres. Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ist im dritten Jahr in Folge schwach. Folgen sind Stellenabbau, Werksschließungen und Insolvenzanträge. Bis zum Ende des laufenden Jahres werden nach Hochrechnungen von Experten 23.900 Unternehmen Insolvenz angemeldet haben. Das wäre ein Anstieg von rund 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und die höchste Zahl seit mehr als einer Dekade.
Die schwierige Wirtschaftslage zwingt auch in Baden-Württemberg reihenweise Firmen in die Pleite. Bei den Amtsgerichten im Südwesten wurden, laut Statistischem Landesamt in Fellbach, alleine von Januar bis März 662 Insolvenzanträge (rund 6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum) von verschiedensten Firmen beantragt. Spitzenreiter der Insolvenzen je 1.000 Unternehmen war Pforzheim, am stabilsten war die Lage rund um Freudenstadt. Die Krise schlägt sich bei den Unternehmen und auf dem Arbeitsmarkt der Region Reutlingen-Tübingen deutlich nieder.
Da die Arbeitsmarktstatistik für das Jahr 2025 noch nicht vorliegt, kann das Wirtschaftsministerium noch keine klaren Aussagen über den Arbeitsplatzverlust im Südwesten treffen. Klar sei, dass in der gesamten deutschen Automobilbranche alleine zwischen Sommer 2024 und Sommer 2025 rund 50.000 Stellen abgebaut wurden. »Jede Arbeitsstelle, die in der Branche und darüber hinaus verloren geht, ist eine zu viel. Ich und mein Haus befinden uns im permanenten Austausch sowohl mit den Arbeitgeber- als auch den Arbeitnehmerseiten, um Lösungen abseits des Stellenabbaus zu finden«, sagt Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus.
Wie es im kommenden Jahr weitergeht, ist ebenfalls noch nicht sicher. Aus dem Ministerium heißt es jedoch: Einige der bereits bekannten Stellenabbau-Pläne der Hersteller- und Zuliefererbranche werden in 2026 und den darauffolgenden Jahren zum Tragen kommen. Gerade was Automobilzulieferer und die Fahrzeugbauer selbst angeht, haben schon einige besorgte Unternehmer die Angst geäußert, dass Stuttgart zu einem neuen Detroit werden könnte. Die Ministerin in Stuttgart sieht den Ernst der Lage und hofft aber gleichzeitig, dass das Bundesland durch seine starke Vernetzung und Vorreiterrolle in der Wissenschaft den Weg aus der Talsole finden wird.
»Die Automobilwirtschaft und ihre Zulieferer befinden sich unter hohem Druck in der Bewältigung des Strukturwandels. Gleichzeitig kann Baden-Württemberg aber auch auf Stärken blicken, die uns gestärkt aus der Krise hervorgehen lassen: Wir haben eine gute Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Verwaltung geschaffen, die sich beispielsweise erfolgreich in der Arbeit des Strategiedialogs Automobilwirtschaft (SDA BW) niedergeschlagen hat. Wir haben eine hervorragende Forschungslandschaft, einen funktionierenden Technologietransfer und gut ausgebildete Fachkräfte. Unsere Start-up-Szene, welche wir nun mit der Gründung der BW-Capital GmbH noch mehr stärken können, ist hochdynamisch. Und wir sind spitze in den Zukunfts- und Gegenwartstechnologien wie KI, Quanten und Robotik. Unsere Wachstumsbranchen, beispielsweise Gesundheit und IT, sind wichtige Stützpfeiler der Wirtschaft. Die Studie von IW Consult zur Bedeutung der Automobilnetzwerke stellt dem Land Baden-Württemberg ein gutes Zeugnis für die Zukunft aus. Zahlreiche Automobilzulieferer haben sich bereits auf den Weg gemacht und sich transformiert«, so Hoffmeister-Kraut.
Viele in der Automotiv-Branche haben gehofft, dass die jüngst in der EU beschlossenen Änderungen in Sachen Verbrenner-Aus den Unternehmen im Land helfen. Die Ergebnisse sehen werden nicht von allen gelobt, auch die Ministerin bleibt skeptisch. »Der vorgelegte Vorschlag der EU-Kommission bleibt hinter den Erwartungen zurück. Es wurde aus meiner Sicht eine große Chance vertan, auf mehr Markt, mehr Freiheit und weniger auf starre Vorgaben und Bürokratie zu setzen. Mein Eindruck ist, die EU-Kommission hat hier der Mut verlassen. Die wenigen Zugeständnisse, die nach Technologieoffenheit aussehen sollen, wie etwa die weitere Zulassung bestimmter Verbrennungsmotoren auch nach 2035, werden durch zusätzliche Hürden, neue starre Vorgaben und Aufbau von Bürokratie nahezu wirkungslos gemacht. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten im Zuge des weiteren Gesetzgebungsprozesses diese Webfehler erkennen und mutig korrigieren.«
Hoffmeister-Kraut moniert zudem, dass das nun vorgelegte Paket kurzfristig keinen bereits beschlossenen Stellenabbau in der Automobilbranche verhindern werde. Das Kommissionspapier gebe auch keine Antworten darauf, wie es zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit Europas im internationalen Kontext kommen soll. »Wie die zurückliegenden Jahre führt uns auch diese Entscheidung geradezu vor Augen, was passiert, wenn Klimaschutz und Wirtschaft aus dem Gleichgewicht geraten, wenn das eine politisch über das andere gestellt wird. Wenn wir unseren Unternehmen die Luft zum Atmen nehmen, wenn wir es ihnen durch starre Vorgaben und hohe Kosten schwer machen, in Deutschland und in Europa zu produzieren, ist nichts gewonnen. Wir brauchen einen unaufgeregten, pragmatischen und technologieoffenen Umgang mit diesem Thema, im Sinne von Wachstum und Wohlstand, aber auch im Sinne der Akzeptanz.«
Hier müsse die EU ihre Anstrengungen intensivieren. Hoffmeister-Kraut fordert, wie sie selbst sagt, schon seit langem deutlich mehr Maßnahmen zur Erhöhung der Innovationskraft von Unternehmen, einen konsequenten Bürokratieabbau, eine Reform der EU-Förderpolitik und den Abbau von Handelsbeschränkungen. »Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass sich unsere Fahrzeughersteller und Zulieferer weiter zukunftssicher aufstellen und die Basis für Wertschöpfung und Beschäftigung an unseren Standorten in Europa, Deutschland und Baden-Württemberg erhalten«, so die Wirtschaftsministerin.
Zu den Entwicklungen in Europa unterstütze die Landesregierung die Wirtschaft Baden-Württembergs branchenübergreifend mit zahlreichen Maßnahmen zur Erhöhung der wirtschaftlichen Resilienz, Innovations- und Zukunftsfähigkeit und Internationalisierung, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. »Angesichts des harten globalen Wettbewerbs müssen wir schnellstmöglich Lösungen für die aktuellen Herausforderungen finden. Das kann nur im Schulterschluss von Land, Bund und EU sowie weiteren Akteuren, ich denke hierbei an Unternehmen, Sozialpartner und Verbände, gelingen. Das Land unterstützt Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen schon seit Jahren mit passgenauen Beratungs- und Fördermöglichkeiten bei der Abfederung der Härten des Strukturwandels. Mein Haus hat Mitte Dezember im Rahmen unseres Invest-BW-Förderprogramms einen Call mit einem Volumen von 30 Millionen Euro mit dem Schwerpunkt Mobilität und Transport veröffentlicht, der die Innovationsfähigkeit erhöhen und mit einem attraktiven Fördersatz insbesondere auch kleinere und mittlere Unternehmen entlasten soll«, sagt Hoffmeister-Kraut. (GEA)

