REUTLINGEN/TROCHTELFINGEN. Wie sollen Unternehmer mit der AfD umgehen? Nachdem Marie-Christine Ostermann, Vorsitzende der Familienunternehmer, das Umgangsverbot mit AfD-Politikern aufgehoben hat, stellt sich auch für die Unternehmer in der Region die Frage, wie mit den Rechtspopulisten umzugehen ist.
Isabel Grupp-Kofler aus Trochtelfingen ist nicht nur Prokuristin bei Plastro Mayer, sondern auch Landesvorsitzende des Verbands Junger Unternehmer. Sie unterstützt die Aussagen Ostermanns. »Diskutieren heißt ja nicht zustimmen«, sagt Grupp-Kofler und verweist darauf, dass sich die Jungen Unternehmer unmissverständlich gegen die AfD positioniert haben. »Haltung muss gerade bei Gegenwind bewiesen werden«, sagt die Trochtelfingerin und fügt hinzu »Wir können nicht Millionen von AfD-Wählern von einer demokratischen Diskussion ausschließen«. Eine solche Ausgrenzung würde laut Grupp-Kofler die Positionen der Extremisten weiter stärken. »Ich finde daher, wir sollten vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der AfD nicht zurückschrecken«, appelliert Grupp-Kofler.
Epp: AfD-Programm schadet der Wirtschaft
Ähnlich wie Isabel Grupp-Kofler sieht es auch Wolfgang Epp, Hauptgeschäftsführer der IHK Reutlingen. »Wenn es brennt, dann kann man Brandmauern aufstellen. Aber wer löscht dann das Feuer?«, fragt Epp. Das Feuer lösche man, indem man mit AfD-Politikern und ihren Wählern ins Gespräch komme. Die IHK habe zu ihren Podien deshalb immer auch AfD-Politiker eingeladen. Die AfD-Wähler müsse man mit Argumenten überzeugen, sagt Epp. Denn aus ökonomischer Sicht sei das AfD-Programm »eine Katastrophe«. Epp zählt auf: Ein EU-Austritt mit einem Ausstieg aus dem Euro und einer Isolation von den Weltmärkten wäre für die Unternehmen der Region fatal. 60 Prozent der produzierten Waren und Dienstleistungen gingen in Ausland, die meisten davon in EU-Mitgliedsstaaten.
»Wenn Deutschland alleine mit Trump verhandeln müsste, da würden wir weggewischt«. Auch die Rentenvorschläge der AfD seien blanker Populismus und »nicht gegenfinanziert«, so Epp. Außerdem ärgert Epp, dass die AfD Kita-Plätze reduzieren will. »Wir haben hier in der IHK nicht das Geschlechterbild der AfD«, sagt Epp. Ein weiterer Punkt am AfD-Wahlprogramm, der der Wirtschaft schade sei die Position der Partei zur Zuwanderung. »Unsere Firmen finden ohne Zuwanderer nicht genügend Auszubildende. Wir hätten niemanden mehr, der uns pflegt und niemanden, der uns am Flughafen einen Kaffee serviert ohne Migranten«, sagt Epp. Für AfD-Wähler und Sympathisanten hat Epp einen Tipp: »Die sollen mal den Wirtschaftsteil des GEA lesen. Da entlarven sich manche populistischen Positionen von selbst«.
Frohnmaier berichtet von großem Interesse
Die Handwerkskammer Reutlingen habe bisher noch keine AfD-Politiker eingeladen, sagt deren Sprecher Udo Steinort auf GEA-Anfrage. »Es gibt keinen offiziellen Austausch«, so Steinort. Ob es auf informeller Ebene – etwa bei Terminen – Gespräche gegeben habe, könne er nicht sagen. Ob die Handwerkskammer ein Wahlpodium veranstalte und wer dann dazu eingeladen würde, stehe noch nicht fest.
AfD-Spitzenkandidat bei der kommenden Landtagswahl Markus Frohnmaier schreibt auf GEA-Anfrage, dass Vertreter von Verbänden, Unternehmer und Geschäftsführer derzeit besonders an einem Austausch mit der AfD interessiert seien. Zuletzt sei er auf Einladung der Familienunternehmer und der IHK Baden-Württemberg auf einem Podium zu Gast gewesen. Inoffiziell hätten viele Wirtschafts- und Industrievertreter erkannt, dass die Aufrechterhaltung der Brandmauer eine linke, wirtschaftsfeindliche Politik bedeute. Ostermann habe dies nun erstmals auch ausgesprochen. (GEA)

