REUTLINGEN. Kunden klagen darüber, dass Handwerker teuer seien und es lange dauere, bis sie einen Auftrag ausführten. Alexander Wälde, Präsident der Handwerkskammer Reutlingen, entgegnet: »Die Betriebe geben vor allem die stark gestiegenen Materialpreise ihrer Zulieferer und ihre hohen Energiepreise weiter. Und im gesamten Handwerk fehlt es an Fachkräften.« Der 54-jährige Friseurmeister aus Freudenstadt, seit 20. November 2024 als Kammerpräsident Nachfolger des Reutlinger Fliesenlegermeisters Harald Herrmann, wirbt beim Pressegespräch am Mittwoch folgerichtig gemeinsam mit Hauptgeschäftsführerin Christiane Nowottny, 57, für die Unterstützung des Wirtschaftszweigs durch die Politik – und für eine Ausbildung im Handwerk.

Selbst in gesamtwirtschaftlich schwierigen Zeiten wie aktuell seien Handwerker anpassungsfähig, stellt Wälde fest. Der jüngsten Umfrage der Kammer zufolge bezeichneten 64 Prozent der Betriebe ihre Geschäftslage als gut. Lediglich 10 Prozent zeigten sich unzufrieden. Auch Nowottny sieht gute Perspektiven für Aufträge, merkt aber an, dass es auch von der Fachkräftesicherung abhänge, die örtliche mit Handwerkerleistungen aufrechtzuerhalten.
Fehlbetrag geringer als erwartet
»Wir sind enttäuscht als Handwerk«, kommentiert CDU-Mitglied Wälde, dass die neue Bundesregierung unter dem CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz die Stromsteuer nur für die Industrie sowie für die Land- und Forstwirtschaft, nicht aber für das Handwerk senken will. Zum Beispiel Bäcker und Textilreiniger litten massiv unter den hohen Strompreisen, fügt Nowottny hinzu.
Zusammen mit den sieben weiteren Präsidenten der Handwerkskammern in Baden-Württemberg hatte Wälde bereits Chancen, bei Begegnungen mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und den beiden Bewerbern um dessen Nachfolge, Manuel Hagel (CDU) und Cem Özdemir (Grüne), sich für die Belange des Handwerks stark zu machen. Wälde legt ein Exemplar des Flyers mit dem Titel: »26 für 26. So gelingt der Politik ein Meisterstück«, vor. Darin sind 26 Forderungen der Branche für die Zeit nach den Landtagswahlen 2026 dargestellt – unter anderem zum Bürokratieabbau, zum fairen Wettbewerb (Konkurrenz durch Kommunen), für die Nachwuchs- und Fachkräftesicherung und fürs Bauen.
Im Bezirk der Handwerkskammer Reutlingen – den Landkreisen Freudenstadt, Reutlingen, Sigmaringen, Tübingen und Zollernalb – mit über 13.800 Betrieben gebe es noch 771 offene Lehrstellen für das in wenigen Wochen beginnende Ausbildungsjahr, berichtet Nowottny. »Wir hoffen auf einen starken Schlussspurt«, sagt sie.
Fortschritte bei der Digitalisierung
Die Kammer habe zuletzt große Fortschritte bei der Digitalisierung gemacht, erklärt Wälde. Beim Thema Ausbildungsverträge ließen sich so Service- und Postlaufzeiten verringern. Auch die Unterlagen für die Vollversammlung der Kammer würden nun digital zugestellt.
Dieser »Bundestag des Handwerks«, wie ihn Wälde nennt, vernahm den Jahresabschluss der Kammer für 2024. »Es lief besser als erwartet«, sagte David Blank, Geschäftsbereichsleiter Finanzen und Controlling der Kammer. Denn statt eines geplanten Jahresfehlbetrags von 2,4 Millionen Euro stehe lediglich ein Verlust von 351.387 Euro zu Buche. Gründe dafür seien später als erwartet zu zahlende Tariferhöhungen, die dazu führten, dass der Personalaufwand für die 102 Kammer-Beschäftigten mit 7,028 Millionen Euro um 1,1 Millionen Euro unter dem Planansatz blieb, sowie Verschiebung von Veranstaltungen. Blank rechnet indes damit, dass es für die Kammer spätestens ab 2027 finanziell schwieriger werde. Es sei in Kammergebäude zu investieren, und die geringere Ertragskraft der Betriebe in 2024 könnte dann zu rückläufigen Kammerbeiträgen führen. Die Kammer habe nach wie vor keine Bankschulden, sagt Blank auf GEA-Nachfrage. (GEA)

