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Reutlinger Fachleute: Wer alles für unsere Kleidung bezahlt

Im Rahmen der Vortragsreihe »Wissenschaft für Dich und mich« der Hochschule Reutlingen und der Kreissparkasse beleuchteten zwei Professoren, welche sozialen und ökologischen Kosten Fast Fashion verursacht und wie es um den afrikanischen Markt steht.

Die beiden Vortragsredner der Veranstaltung in der Kreissparkasse Reutlingen: Prof. Philipp von Carlowitz (links, ESB Business S
Die beiden Vortragsredner der Veranstaltung in der Kreissparkasse Reutlingen: Prof. Philipp von Carlowitz (links, ESB Business School) und Prof. Jochen Strähle (Texoversum Fakultät Textil). Foto: Kim Luisa Geisinger
Die beiden Vortragsredner der Veranstaltung in der Kreissparkasse Reutlingen: Prof. Philipp von Carlowitz (links, ESB Business School) und Prof. Jochen Strähle (Texoversum Fakultät Textil).
Foto: Kim Luisa Geisinger

REUTLINGEN. Ein Baumwollshirt aus Indien, eine Jeans aus Bangladesch, Sneaker aus Afrika – unsere Kleidung legt oft tausende Kilometer zurück, bevor sie in unseren Schränken landet. Doch welchen Preis zahlen Menschen und Umwelt dafür? Und welche Rolle spielt unser Konsumverhalten für die Wirtschaft? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Vortragsabends »Wissenschaft für Dich und mich« in der Kreissparkasse Reutlingen.

»Wir wollen zeigen, wie spannend und alltagsnah Wissenschaft sein kann«, sagte Michael Bläsius, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Reutlingen in seiner Begrüßungsrede. »Es sind Themen, die nicht nur Unternehmen und Politik, sondern uns alle – als Teil einer global vernetzten Wirtschaft, angehen.« Um die globalen Lieferketten unserer Kleidung aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, hatten sie zwei Experten eingeladen: Prof. Jochen Strähle von der Texoversum Fakultät Textil nahm die Produktions- und Konsumseite in den Blick, während Prof. Philipp von Carlowitz von der ESB Business School den wirtschaftlichen Blick auf Wachstumsmärkte in Afrika richtete.

Kleider machen Leute – und Probleme

Strähle, der 2012 als Professor an die Reutlinger Hochschule kam, machte zu Beginn deutlich, wo das Problem liegt: Ressourcen, die vor Ort nicht ausreichen. Baumwolle etwa wächst auf der Schwäbischen Alb kaum, weshalb sie für unsere Kleidung importiert werden muss. Selbst wenn einzelne Komponenten lokal hergestellt würden, ändere das wenig an der globalen Abhängigkeit – die Produktion verlagert sich automatisch dorthin, wo Rohstoffe verfügbar und Arbeitskräfte günstig sind.

Niedrige Löhne und prekäre Arbeitsbedingungen sind die Realität vieler Näher in Bangladesch: Sie verdienen unter 100 Euro im Monat bei 10–12 Stunden Arbeit täglich. Rund 80 Prozent des Verkaufspreises eines T-Shirts gehen dabei an Handel und Marke. Auch die ökologischen Herausforderungen sind enorm: Ein Baumwollshirt verbraucht rund 2.700 Liter Wasser, eine Jeans bis zu 10.000 Liter; Textilfärbereien verschmutzen bis zu 70 Prozent der lokalen Gewässer, viele Flüsse sind biologisch tot, und der CO₂-Fußabdruck eines Shirts liegt bei 4–6 Kilogramm.

Weltweite Produktion hat sich verdoppelt

Diese Probleme werden durch modernes Konsumverhalten noch verschärft. Entgegen vieler Annahmen steckt die Textilindustrie nicht in der Krise – die weltweite Produktion hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Kleidung wird heute im Schnitt nur sieben Mal getragen, bevor sie ausgemustert wird. Ultra-Fast-Fashion-Anbieter wie der chinesische Onlinehändler Shein bringen täglich 10.000 neue, billige Artikel auf den Markt. Platzt der Kleiderschrank aus allen Nähten, landet ein großer Teil der aussortierten Kleidung in Afrika – jährlich über 300.000 Tonnen. Rund 40 Prozent davon sind untragbar und landen auf Müllhalden, während die übrigen Importe die lokale Textilindustrie zersetzen, indem sie lokale Produzenten verdrängen: Sie sind deutlich günstiger, sodass die Nachfrage nach heimischer Kleidung stark sinkt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Was können wir als Verbraucher tun? Strähle regte an, den eigenen Konsum bewusst zu hinterfragen: »Wir müssen Kaufentscheidungen reflektieren. Aus welchen Gründen kaufe ich?« Wichtig sei auch, die Tragezeiten zu verlängern und Kleidung zu pflegen. Gleichzeitig erinnerte er daran: »Wer Gerechtigkeit will, muss für ein T-Shirt 50 statt 10 Euro zahlen. Denn wenn wir ehrlich sind, stellen wir fest, dass wir uns unseren Konsum leisten können, weil jemand anderes dafür bezahlt.« Letztlich hat das eigene Verhalten direkten Einfluss auf die globalen Lieferketten – lokal, regional und international. »Unser Konsum ist ein Hebel«, so Strähle.

Wenn traditionelle Märkte ausfallen

Im zweiten Teil des Abends stellte Prof. Philipp von Carlowitz den Think Tank »Doing Business in Africa« vor – ein Forschungsprojekt der ESB Business School, das mit Blick auf die Märkte Afrikas vor allem die Perspektive von Unternehmen in den Fokus nimmt. »Aus Sicht deutscher Unternehmen ist Afrika auf der Weltkarte gar nicht da«, fasst er sich kurz. Das beschreibe jedoch die realistische Wahrnehmung großer Teile der Wirtschaft. Doch neue Krisen in traditionellen Märkten nötigen Unternehmen nun dazu, Lieferketten zu diversifizieren.

Handelskonflikte zwischen den USA und China, der Krieg in Nahost oder steigende Energie- und Rohstoffpreise zwingen Unternehmen, nach neuen Märkten zu suchen. Auch regionale Unsicherheiten oder instabile Handelswege im Roten Meer wirken sich direkt auf Firmen aus. Der Think Tank untersucht daher unter anderem, wie deutsche Unternehmen in Ländern wie Äthiopien, Ghana oder Nigeria erfolgreich investieren und gleichzeitig soziale und ökologische Standards einhalten können. Analysen reichen von logistischen Herausforderungen über Finanzierungslösungen bis hin zu Fragen der Bürokratie und Korruption. Vor diesem Hintergrund erarbeitet der Think Tank Strategien, wie Firmen Risiken besser managen und faire Partnerschaften aufbauen können. »Afrikanische Länder haben heute die Chance, sich wirtschaftlich neu zu positionieren«, so von. (GEA)