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Mypegasus in Reutlingen als Brücke in neue Beschäftigung

Wie eine Transfergesellschaft funktioniert, erklärt am Beispiel der insolventen Manz AG.

Projektleiterin Michaela Uhrig und Geschäftsführer Martin Rosemann von der Reutlinger Transfergesellschaft Mypegasus.
Projektleiterin Michaela Uhrig und Geschäftsführer Martin Rosemann von der Reutlinger Transfergesellschaft Mypegasus. Foto: Pieth
Projektleiterin Michaela Uhrig und Geschäftsführer Martin Rosemann von der Reutlinger Transfergesellschaft Mypegasus.
Foto: Pieth

REUTLINGEN. Gerald Glöckner war seit August 2022 als Projektmanager bei der Manz AG tätig. Dann traf ihn vor einem Jahr die Insolvenz und in der Folge der Personalabbau beim Reutlinger Maschinenbauer. In dieser Situation sei die Reutlinger Transfergesellschaft Mypegasus GmbH für ihn »wie ein Netz« gewesen, das verhindert habe, dass er zu Boden falle, sagt er dem GEA.

»Mypegasus hat uns Betroffenen das Gefühl vermittelt, nicht allein dazustehen, hat einen vollumfänglich umsorgt. Man hat ein Bild erhalten, wie man wieder in Arbeit kommt«, fügt er hinzu. Nur zwei Monate, im Juni und Juli dieses Jahres, war er bei Mypegasus angestellt. Er habe bei einigen Bewerbungen zwar »Altersdiskriminierung erlebt«, erzählt Glöckner, 61. Doch er fand rasch einen neuen Job und ist seit August Geschäftsführer der Giffin GmbH in Mühlacker, die Lackierlösungen vertreibt.

Wie berichtet, hat eine Tesla-Tochterfirma, Tesla Automation, rund 300 ehemalige Beschäftigte von Manz in Reutlingen, vor allem in der Produktion, übernommen. Michaela Uhrig, 53, als Projektleiterin von Mypegasus am Standort Reutlingen für die Manz-Transfergesellschaft verantwortlich, teilt mit, dass von den 105 Ende Februar vom Arbeitsplatzverlust bei Manz Betroffenen 88 das Angebot angenommen hätten, für sechs bis zehn Monate (altersgestaffelt) zu Mypegasus zu wechseln – das Gros gleich zum 1. März, einige, wie Glöckner, die noch mit Abwicklungsarbeiten bei Manz betraut waren, später.

63 von 88 haben neuen Job

Bis Ende Oktober sind Uhrig zufolge 63 der 88 ehemaligen Manz-Mitarbeiter in ein neues Arbeitsverhältnis vermittelt worden. 16 Personen seien noch in einem Bewerbungsprozess gewesen, neun seien bei Mypegasus ausgeschieden und ins Arbeitslosengeld I und in eine Qualifizierungsmaßnahme gewechselt.

»Transfergesellschaften sind ein etabliertes sozialverträgliches Arbeitsmarktinstrument bei Stellenabbau und eine Brücke in neue Beschäftigung«, stellt Martin Rosemann fest. Der 49-jährige promovierte Volkswirt, von 2013 bis März 2025 Mitglied des Deutschen Bundestags, zuletzt als Sprecher der SPD-Fraktion für den Fachbereich Arbeit und Soziales, ist seit Anfang Oktober Geschäftsführer von Mypegasus und zuständig für Transfergesellschaften. Sein Ziel in seiner neuen Position: »Ich will, dass jeder Betriebsrat und jedes Unternehmen mit Mypegasus verbindet: Das sind die, die unsere Beschäftigten im Wandel begleiten – kompetent, empathisch, innovativ!« Wichtig sei ihm dabei, dass es darum gehe, neu zu orientieren und zu qualifizieren – und nicht darum, möglichst lange in der Transfergesellschaft zu verbleiben.

Dusan Vesenjak, 53, Prokurist und Pressesprecher von Mypegasus, hat den aktuellen Gesamtüberblick. Demnach sind derzeit 117 Festangestellte (davon 40 in Reutlingen) an 27 Standorten in ganz Deutschland für die Mypegasus-Gruppe tätig, die neben Beschäftigtentransfer auch Transformationsunterstützung anbietet und eine eigene Akademie am Hauptstandort Reutlingen hat. Der Großteil der Beschäftigten kümmert sich aktuell um 91 Transfergesellschaften. Wie berichtet, gehören neben der Transfergesellschaft von Manz in der Region Reutlingen Tübingen auch die von Stoll und Thermagenix (früher: Modine, Pliezhausen) dazu. Seit 1994 habe Mypegasus in mehr als 2.000 Projekten über 150.000 Arbeitnehmer begleitet, qualifiziert und vermittelt, merkt Vesanjak an.

Das Ostmodell im Westen

Eben vor 31 Jahren führten 330 Kündigungen beim Reutlinger Anlagenbauer Burkhardt + Weber zum Beginn von Mypegasus. Damals waren die Bestrebungen der Industrie-Gewerkschaft Metall, des Betriebsrats und der Reutlinger Arbeitsrechtler Jörg Stein und Peter Hunnekuhl erfolgreich, für die vom Arbeitsplatzverlust Betroffenen eine Beschäftigungsgesellschaft einzurichten – wie es nach dem Zusammenbruch der DDR und der Transformation von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft in Ostdeutschland zuvor mehrfach geschehen war. »Mypegasus ist die erste westdeutsche Transfergesellschaft modernen Typs«, erklärt Rosemann. Seit 2018 steht die gemeinnützige Mypegasus Stiftung, deren Zweck die Volks- und Berufsbildung ist, als Gesellschafter hinter Mypegasus.

Die Reutlinger Projektleiterin Uhrig hebt hervor: »Wir vermitteln neue Jobs nicht gegen Geld, wir unterstützen mit Fach- und Führungskräften, dass unsere Teilnehmer auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommen.« Rosemann erläutert, dass die rechtlichen Grundlagen für eine Transfergesellschaft im Betriebsverfassungsgesetz (Betriebsänderung und Sozialplan) sowie im Sozialgesetzbuch III (Transferkurzarbeitergeld) geregelt seien. »Ein Betriebsrat ist im Übrigen nicht zwingend. Es geht auch über eine sozialplanähnliche Vereinbarung«, ergänzt er.

Wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter, zuweilen auch unter Beteiligung eines Insolvenzverwalters wie Martin Mucha bei Manz, sich auf eine Transfergesellschaft einigen, wird Rosemann zufolge ein Drei-Parteien-Vertrag – der sogenannte dreiseitige Vertrag – geschlossen. Darin vereinbarten Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Transfergesellschaften wie Mypegasus einen geordneten Übergang des Arbeitnehmers aus dem alten in ein befristetes neues Arbeitsverhältnis mit der Transfergesellschaft – mit dem Zweck, Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Qualifizierung und Bewerbertraining

Finanziert wird eine Transfergesellschaft für die Dauer von sechs bis maximal zwölf Monaten durch die Bundesagentur für Arbeit und den bisherigen Arbeitgeber. Die Bundesagentur für Arbeit zahlt Transferkurzarbeitergeld: 60 Prozent des letzten Nettoentgelts für Kinderlose und 67 Prozent für Menschen mit Kindern. Der Arbeitgeber stockt je nach Vereinbarung das Transferkurzarbeitergeld auf (oft bis 80 Prozent des letzten Nettoentgelts), übernimmt Sozialversicherungsbeiträge und die Kosten für Qualifizierung, Coaching und Verwaltung der Beschäftigungsgesellschaft.

Im zu Ende gehenden Jahr werde Mypegasus wohl einen Umsatz von etwa 90 Millionen Euro erreichen, beantwortet Vesanjak eine GEA-Nachfrage. Er weist indes darauf hin, dass darin hohe durchlaufende Posten enthalten seien, die an die auf Zeit bei Mypegasus Beschäftigten weitergereicht würden.

Der Übertritt in eine Transfergesellschaft sei immer freiwillig so Rosemann. Inhaltlich gehe es dann um eine »intensive Betreuung und Beratung« und Qualifizierungsangebote für eine neue berufliche Perspektive. Die Teilnehmer der Transfergesellschaft erhielten ein Bewerbertraining, unter anderem mit Hilfe bei der Erstellung aussagekräftiger Bewerbungsunterlagen und mit Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche. »Das Beschäftigungsverhältnis mit Mypegasus kann jederzeit gekündigt oder auch ruhend gestellt und wieder aufgenommen werden, wenn es mit einer Arbeitsstelle nicht funktioniert«, sagt der Geschäftsführer.

Positive Einstellung für Neuanfang

Von Manz seien vor allem Führungskräfte und Akademiker sowie kaufmännische und technische Facharbeiter zu Mypegasus gekommen, erklärt Uhrig den großen Erfolg dieser Transfergesellschaft in Richtung neue Jobs. Dennoch seien dabei auch einige Fachqualifizierungen (wie auf künstlicher Intelligenz basierende Technologien im Rechnungswesen und Sprachkurse) hilfreich gewesen.

Gerald Glöckner sagt, in der kurzen Zeit bei Mypegasus habe er eine »positive Einstellung zu einem Neuanfang entwickelt«. Man sei sehr wertschätzend mit ihm umgegangen: »Mir hat die Arbeit für mich so gut gefallen, dass ich mich entschlossen habe, nun nebenher als freier Mitarbeiter für Mypegasus tätig zu sein.« Er hilft als Personalberater Teilnehmern dabei, Strategien für einen neuen Job zu entwerfen. (GEA)